In nuce. Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen. T.W. Adorno

Das Verhältnis von Sprache und Bild

Im Bild werden bewußte und unbewußte Vorgänge sichtbar. Diese sind nicht getrennt voneinander, sondern durch einander vermittelt. Stark vom Verstande geprägte Menschen bekommen deshalb immer erst einmal einen Schreck, wenn sie ein kunsttherapeutisches, prozeßhaftes Bild sehen. Anders als beim Kunstwerk, das formal und ästhetisch (sekundär bearbeitet) ist, vermischt sich hier auf rohe Weise Bewußtes und Unbewußtes. Dabei kann ein und dasselbe Zeichen sowohl bewußte als auch unbewußte Anteile haben. Dem Zeichen eines roten Pfeils kann beim Zeichnen der Gedanke “Ich will die Gruppe anfeuern” innegewohnt haben. Die Art aber, wie der Pfeil, in welche Richtung, in welchem Rot und ausgerechnet in die Mitte des Blattes gesetzt wurde, kehrt die beabsichtigte beabsichtigte Wirkung um. Die Gruppe ist wie gelähmt. Die vorsprachliche, unbewußte Bedeutung schält sich später in einem ganz anderen Text heraus, der mit dem Symbol Pfeil äußerlich nur noch wenig gemein hat: “Ich bin von meiner Mutter mit dem Rohrstock geschlagen worden!” Der Effekt der Lähmung der Gruppe geschieht durch das Ausmaß der Verschlüsselung, durch das Auseinanderklaffen zwischen sprachlich-bewußtem Zeichen und der Energetik des Symbols. Der Pfeil ist nur Zeichen, nicht Symbol. Symbolisch ist das Rot, die Richtung, der Stil und die räumliche Plazierung. Dies wird intuitiv von allen gespürt. Und die Lähmung dauert an, bis der unbewußte Teil formuliert worden ist. So funktionieren Bild und Wort wie Teile eines Systems, indem sie sich ergänzen. Das Bild drängt zur Formulierung und ein Text verlangt nach seiner Veranschaulichung.

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Ein anderer Weg kann darin bestehen, daß eine oder mehrere Farben ohne bestimmte Zeichenbildung gesetzt werden. Es ist kein bestimmter Gedanke da, es wird ein Gefühl, eine Stimmung ausgedrückt. Die ungegenständlichen Zeichen sind sprachferner. Trotzdem werden sie ebenso wie das erkennbare Natursymbol oder -zeichen bestimmte Gefühle beim Betrachter erwecken. Es geht jetzt nicht mehr darum, ungegenständlichen Formen und Farben durch die Sprache einen gegenständlich konkreten Sinn zu unterschieben. Das Bild ist jetzt etwas eigenes mit einer hilfreichen Funktion. Es kann so etwas wie ein Schoß sein, in dem Teile des eigenen Tuns aufgehoben sind und sich neu ordnen können. Da die Teilnehmer selbst diese Spuren hergestellt haben, entsteht Toleranz beim Betrachten dieser Strukturen. Die Angst, die sonst beim Anblick eines ungegenständlichen Bildes entsteht, mindert sich dadurch, daß der Herstellungsprozeß bekannt ist und nun durch einen sekundären, nonverbalen Bearbeitungsprozeß noch weiter annehmbar gemacht werden kann. Die sprachliche Bearbeitung ist keine Deutung in dem Sinne “Das Blau bedeutet dies oder das ...”, eher: “was fühlst Du beim Klang dieser beiden Farben?” Die Bearbeitung zielt also auf die Nachbarschaft zweier oder mehrerer Farben und Formen, auf ihre Gefühlsintensität, die Schwingungen und das Fließen. Ein Bild wird auf den Kopf gestellt, und plötzlich erscheint ein Gesicht. Nachtwandlerisch hingesetzte Formen fügen sich zu erkennbaren Gestalten. Die Aufforderung, das Bild durch Blinzeln zum Verschwimmen zu bringen, oder auf den Kopf zu stellen, ergibt unbekannte, größere Zusammenhänge der Formen. Dabei verdeutlicht sich die Gefühlslage. Das Abdecken bestimmter Bildteile läßt die Dynamik bestimmter Farben und Formen erkennen und gehört zu dem allgemeinen Bewußtwerdungsprozeß.

Es kann passieren, daß bei ungeklärten, gemischten Gefühlen eine Zeichnung ein inneres Vorstellungsbild deutlich werden läßt und einer Phantasie zur Geburt verhilft. Der nächste Schritt führt zur “Benennung”. Mit dieser vermindert sich die Angst, und es können weitere Bilder, Erinnerungen zugelassen werden. Einem Klienten genügten 5 Kreidestriche, um einem unklaren Bild zum Bewußtsein zu verhelfen: angedeutet war ein leicht geöffneter Sargdeckel, der erst während des Zeichnens sich selbst konstellierte. Und es entpuppt sich bei weiterem Besprechen die Angst, lebendig begraben zu werden, die vorher diffus und unformuliert geblieben war. Mit der Benennung und Konfrontation verlor die Angst von ihrem Schrecken, und der Mann konnte weiterschreiten beim Wiedererinnern früherer Episoden. Es mag hier bereits deutlich werden, wie die bildnerische Arbeit eine beschleunigende Wirkung auf das Auftauchen unbewußten Materials ausüben kann. Diese Beschleunigung wäre allein noch kein Gewinn, wenn nicht das Medium des bildlichen Symbols selbst einen Schutz gegen die Überflutung durch primärprozeßhafte, psychotische Inhalte böte und die Selbstregulierung des psychischen Apparates bei der Arbeit der Umstrukturierung gewährleiste. Manchmal wird die kreative Tätigkeit im Traum fortgesetzt, und die Traum-Wunsch-Produktion regt neue Bilder an. Umgekehrt können Träume außersprachlich in Bildern fortgesetzt werden. Und es scheint, als ob zum Traum als Königsweg zum Unbewußten noch weitere Nebenwege, Parallelstraßen hinzukommen. Diese erweisen sich dann als nützlich, wenn z.B. nicht geträumt wird oder Träume nicht erinnert werden. Persönliche Dinge sind oft auch leichter zu malen und zu zeichnen als auszusprechen. Und es kann passieren, daß mit der Gestaltung bereits die Erleichterung stattgefunden hat. Das ist es, wenn von “Kunst als Therapie” gesprochen wird: der künstlerische Vorgang selbst wirkt bereits befreiend. Sprache wird, vor allem wenn es um Störungen aus den ersten präverbalen Entwicklungsjahren geht, überflüssig, häufig sogar als störend empfunden.

Ein Fallbeispiel:

Barbara, Ende dreißig, hat eine Scheidung gerade hinter sich und leidet unter starken Depressionen und einem verminderten Selbstwertgefühl. Sie spricht flüssig und berichtet ausführlich über Ereignisse aus Gegenwart und früherer Vergangenheit. Allerdings hat sie Schwierigkeiten, über körpernahe und sexuelle Themen zu sprechen. Es ist, als sei ihr in diesem Bereich ein Sprachverbot auferlegt worden.

Mein Angebot, Unaussprechliches zu zeichnen zu versuchen, wird anfänglich mit der Begründung abgelehnt, das sei ja alles doch bloß “Geschmier” und “es sei bei ihr nichts da”. Ihr Zeichnen ist recht schnell, stenogrammartig (“wegwerfende Bewegung”) und erweckt das Gefühl, “dem eigenen Produkt gebühre keine längere Aufmerksamkeit”. Ihre Mutter hatte ihr als Vierjähriger Dauerwellen machen lassen. Ihr Gefühl dabei: “Von Natur aus bin ich nicht liebenswert.” Dieses Selbst-Gefühl ersteckt sich auf ihr Produkt (das “Kind”), das ebenfalls als nicht liebenswert erlebt wird.

Eines Tages erzählt sie einen Traum und zeichnet anschließend auf meine Aufforderung hin die Szene, die sie am meisten beeindruckt hat. Ein kleiner Junge wird von einem Mann mit einem Stock die Treppe hinaufdirigiert.Der Junge stürzt dann ab inmitten einer johlenden Menschenmenge. Das Berichten des Traumes ist von einem starken Angstgefühl begleitet. Das Thema kreist um ein häufig angedeutetes Erlebnis aus ihrer Kindheit

Nach dem Zeichnen läßt die Angst etwas nach. In der Zeichnung ergeben sich keine neuen “Erkenntnisse”, es kommt zu keinem unmittelbaren Wiedererinnern der entscheidenden Episode. Sie befürchtet, der Schmerz würde von ihr als zu vernichtend erlebt. Doch stellt zuerst das Erzählen des Traumes und die anschließende Zeichnung zwei Schritte dar, die Teil einer Trauerarbeit auf einer tiefen Ebene sind. Es entsteht der Eindruck, daß der Wechsel der Ausdrucksebenen überhaupt erst einen erkennbaren Fortschritt der Arbeit zeitigt. Das mag in diesem Fall daher rühren, daß das Sprachverbot nicht unmittelbar angegangen wird, sondern indirekt. Es wird “unterlaufen”, indem das Verdrängte im Zeichencode sein Symbol findet. Der Zeichenakt gewährt einen Schutz. Es ist ein Medium, in dem die ich-stärkende Regression sehr behutsam geschieht. Eine Zunahme der Ich-Stärke zeigt sich in einer zunehmenden Bereitschaft, sich Verdrängtem und dem damit verbundenen Schmerz zu stellen. Die Trauer drückt sich aus in der häufigen Verwendung der Farbe Schwarz.

Ein Künstler, der die Zeichnung sah, bewunderte sie und beneidete den spontanen Ausdruck. Der Urheberin war dies nicht bewußt. Jedoch entwickelte sie von sich aus im weiteren Verlauf der Arbeit ein Interesse und eine Freude am bildnerischen Gestalten. Ihr war klar geworden, daß es ihr bei ihren Problemen ganz entscheidend half. Dieser Fall ist deshalb so beachtlich, weil er zeigt, daß ein Klient, der keine Begabung oder kein Interesse am Zeichnen mitbringt, sehr wohl im Verlaufe einer Arbeit den “verborgenen Künstler” in sich entdecken und gute therapeutische Erfolge in diesem Medium machen kann.


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