Der Traum ist der “Königsweg” zum Unbewussten. Wenn also die Analytiker (oder vielmehr Freud und die Pioniere der Analyse) von den Künstlern und deren Werken fasziniert sind, kann man annehmen, dass für sie die Kunst einen zweiten “Königsweg” darstellt ... Janine Chassequet-Smirgel

Die psychoanalytische Orientierung in der Kunsttherapie

Die psychoanalytische Orientierung in der Kunsttherapie besagt, daß sich der Therapeut zur psychoanalytischen Schule Freuds und dessen Nachfolger in der Ich-Psychologie und der neueren Selbst-Psychologie bekennt. Seine Vorstellungen vom Unbewußten und dessen Wirkweisen basieren auf diesen Theorien, seine Interventionen und Deutungen sind von ihnen geprägt. Der persönliche, therapeutische Stil ist etwas “abstinenter” als bei anderen Selbstverständnissen, und die Vorgaben sind weniger strukturiert. Die Deutungen zielen ab auf die Übertragungsdynamik, die einen anschaulichen Pol in der bildlichen Gestaltung hat. Das Gleiche gilt für den Widerstand und die Deutung der Abwehrmechanismen. Um Übertragung und Widerstand in der Bildnerei zu erkennen, muß er über ein umfassendes kunstpsychologisches Verständnis verfügen. Der Erwerb dieses Wissens geschieht u.a. anhand der eigenen Arbeit in der kunsttherapeutischen Lehr-Selbsterfahrung und wird erweitert durch die Erfahrungen im Kunstunterricht, in der Gruppe und der Supervision.

Besondere Themen können die Aufmerksamkeit auf die ödipale Ebene lenken, z.B. die “ Eltern als Tiere malen ” zu lassen, Kleingruppenarbeit zu dritt und das projektive Arbeiten mit unbestimmten Bildstrukturen, die Physiognomisierungsprozesse anregen. Ein reiches Deutungsangebot ergibt sich durch die Polarität von Nähe und Ferne, die analog zu Balint's Typen des Oknophilen und Philobaten sowohl in Form- als auch Farbassoziationen auftauchen. Bildgestaltung, Ornamentales und Abstraktes lassen häufig eine verborgene erotische und sexuelle Thematik assoziieren. Der Freudianer steht in seinem Selbstverständnis auf naturwissenschaftlich-aufklärerischem Boden und macht die kulturell und religiös bedingten Vermeidungen der sexuellen Thematik nicht mit. Er muß auch durch die eigene Lehrselbsterfahrung die Tiefen der eigenen Triebwelt analysiert haben, so daß er mit seinen Klienten vorurteils- und wertungsfrei Themen besprechen kann, die weitgehend noch mit einem sozialen Tabu belastet sind. Die gemeinsame Betrachtung kunsthistorischer Vorbilder der eigenen und fremden Kultur mag auf den Klienten ich-stärkend im Hinblick auf eigene, nicht zugelassene Regungen sein. Die Art, wie beim Malen mit Sexualsymbolen verfahren wird, ob stilisierend oder pornografisch im Sinne einer “repressiven Entsublimierung”, liefert dem Therapeuten Hinweise über die Art des Widerstandes.

*) aus J.C.-S., "Kunst und schöpferische Persönlichkeit. Anwendungen der Psychoanalyse auf den außertherapeutischen Bereich,   1988


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