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Selbstwerdung zwischen Containing und Loslassen
Zwei adoleszente Mädchen in einem gruppendynamischen Versuchsfeld

Abschlussarbeit im Rahmen der Ausbildung für psychoanalytisch orientierte Kunsttherapie der APAKT Hamburg. Die Arbeit wurde mit dem Einverständnis der beteiligten Mädchen realisiert und steht unter therapeutischer Schweigepflicht. Für die Publikation wurden alle Namen geändert.

© apakt, Hamburg 2008

brot

Vorweg

Das Projekt, das ich hier darstelle, hat viel Ähnlichkeit mit einem Hefezopf bzw. dem Prozess seiner Herstellung.
Der Umgang mit der Hefe kann unberechenbar sein, schließlich ist sie das Triebmittel, das Unbewusste oder die Seelenenergie, die beginnt in einer bestimmten Umgebung zu gären.
Anfangs ist der Hefeteig selbst meist nicht besonders schmackhaft, fast ungenießbar. Er ist empfindlich und eigensinnig, braucht einen ruhigen, dunklen Ort, Wärme und Zeit, will im Wechsel geknetet und wieder in Ruhe gelassen werden, um sich zu entfalten. Im Zusammenspiel dieser vielen Elemente kann jedoch ein wunderbar duftender schmackhafter Hefezopf entstehen. - In meinem Projekt spielten Ort, Wärme und Zeit eine ähnlich bedeutsame Rolle, denn auch hier ging es um Selbstwerdungsprozesse, die miteinander verflochten sind wie die Stränge des Hefezopfs.

Der eine Strang hat mit dem Selbstwerden von zwei früh-adoleszenten Mädchen zu tun, der andere mit meiner Selbstwerdung als Kunsttherapeutin und der dritte ist die Selbstwerdung i. S. des sich selbst organisierenden Gruppenprozesses. - Die Idee, ein kunsttherapeutisches Versuchsfeld mit Kindern und Jugendlichen zu initiieren, brütete ich im Sommer 2005 aus - am Ende meiner kunsttherapeutischen Ausbildung. Einerseits trieb mich meine eigene künstlerische Praxis dazu an, denn meine Kunstprojekte sind meist prozessual und kommunikativ angelegt; andererseits waren meine Erfahrungen als Kunstpädagogin ausschlaggebend.
Im Schulalltag war mir immer wieder aufgefallen, dass Kinder und Jugendliche statt ihrer Schulbrote, die ganze Palette ihrer familiären Probleme und Störungen mit in den Unterricht brachten. Scheidung, Suiziddrohungen, fehlende Väter, emotional übergriffige Mütter führten zu extremen Lernbehinderungen und Verhaltensstörungen. Unruhige Seelen, die hin- und herflatterten. Im Kunstunterricht konnte ich nur das Wenigste davon auffangen, denn als Unterrichtsfach steht die Kunst, wie alle anderen Fächer auch, unter dem Diktum von Zeitdruck und Bewertung.

Es wird gegängelt von Lehrplänen und droht allmählich zu einem Fach für kreative Techniken (Radierung, Aquarell, Siebdruck etc.) zu degenerieren. Dabei schreit gerade dieser Kontext nach einem Spielfeld, in dem sich alle Sinne öffnen können; einem Möglichkeitsraum, in dem unterschiedliche Seinsweisen des eigenen Selbst aufzuspüren und zu erproben wären. In dem kunsttherapeutischen Versuchsfeld, das mir vorschwebte, wollte ich mit einer kleinen Gruppe von Kindern/Jugendlichen aus problematischen familiären Verhältnissen arbeiten - ambulant und in gewissem Sinne prophylaktisch. Darüber hinaus schien mir dieses Projekt auch als Selbstversuch geeignet, erlernte kunsttherapeutischen Methoden anzuwenden und sie mit eigenen künstlerischen Ambitionen zu verknüpfen.

Wie dieses Projekt sich entwickelt hat und es letztlich, um im Bild des Hefeteigs zu bleiben, aufging, dazu möchte ich den Leser/die Leserin einladen. Das Lesen wird vermutlich wie das Schreiben einer mäandernden Expedition ähneln. Manchmal kam ich mir vor wie Kolumbus, der das klar kartografierte Ziel "Indien" anvisierte, aber unerwartet in Amerika landete. Am Anfang dieser Expedition jedenfalls steht viel ICH und am Ende viel WIR. Und dazwischen? Viel Selbstwerden....

Vorher aber, möchte ich mich noch bei den ‚rauen' Mädchen bedanken, die mich so viel erfahren und lernen ließen, auch bei den MitarbeiterInnen des Hamburger Sozialträgers für ihre offene Kooperation im Hinblick auf dieses Experiment; bei Gerlach Bommersheim, der mich weise gelassen hat, meinem Mann und meiner Tochter, die mich durch das netzwerkelnde Dickicht der Gefühle heldenhaft begleitet haben.


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