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Texte zur Kunsttherapie

Textauszüge – Rotkäppchen im Schwarzweißfilm

Allgemeines zur Methode

Brief Gerlach Ausschnitt

Aus der Einsicht, dass jede Psychotherapie, auch die der Gruppe letztlich eine idiografische Arbeit (A. Maslow) ist, habe ich auf das, was herkömmlicherweise als systematische Methodik gilt, verzichtet.

Ich tat dies leichten Herzens, da es auch eher der eigenen intuitiven und künstlerischen Natur entspricht, mich sozusagen "querfeldein" zu bewegen. Ich vertraue darauf, dass mir bei der Begegnung mit einem Menschen, und was für mich dazugehört, der Begegnung mit seiner Lebensspur im Bild etwas aufstößt, das Anlass zu einer dialogischen Reflexion sein kann, die häufig dann besonders fruchtbar ist, wenn sie nicht prämeditiert ist.

Diese dialogische Reflexion vor dem Hintergrund einer bildhaften Lebensspur, eines auch ästhetisch fassbaren Prozesses, hat besondere Hilfen und Bedingungen von Material, Medium, Thematik, Übungen und Settings. Der Versuch einer systematischen Übersicht mit dem dazu gehörenden Vorbehalt kommt im letzten Abschnitt dieses Buches. Man kann ihn als der Methodik zugeordnet auffassen und stellt - dies zu verstehen ist äußerst wichtig - nur Vorschläge dar.

 

Gertraud Butzke-Bogner hat in ihrem diesbezüglichen Band der Reihe den Text wohlweislich "Unter Vorbehalt" überschrieben, um den irrtümlichen Missbrauch im Rezeptbuchsinne zu vermeiden. Im Übrigen ist es natürlich angezeigt, auf die Selbstregulierungsmechanismen des Patienten zu vertrauen und mit der Energie mitzugehen, die von selbst auftaucht. Dabei ist mit äußerster Aufmerksamkeit und Empathie auf die feinsten Äußerungen einzugehen. Wie dieses EINGEHEN aussehen kann, ohne pädagogisch zu sein, das zu zeigen ist u. a. das Anliegen der nachfolgenden Texte.

Es handelt sich dabei um Protokolle, die ich überwiegend im Anschluss an Einzel- und Gruppensitzungen mit Studierenden der Kunsttherapieausbildung verfasst habe. Wo es im Zusammenhang mit dem Sprechen zu kunsttherapeutischen Interventionen kam, oder umgekehrt, wo es nach dem Gestaltungsprozess zum Sprechen kam. Da es sich um eine Ausbildung mit starken Anteilen an Forschung handelt, fühlte ich mich vom "Zwang zu heilen" entlastet und der Erfolg zeigte sich für mich in den gemeinsamen Erkenntnissen in der analytischen Arbeit. Es passierte auch hier - Analytiker werden nicht müde immer wieder darauf hinzuweisen - dass Heilung quasi als Nebenprodukt des Erkenntnisgewinns auftaucht.

Ich halte die Einstellung, ein Symptom nicht schnell zum Verschwinden bringen zu wollen, (analog der Geschichte vom irregeleiteten Piloten im Cockpit, der die blinkende Alarmleuchte bloß heraus schraubt, statt der Warnung nachzugehen), sondern darauf zu achten, dass nach der gründlichen Analyse sich die ganze Person verändert und verbessert, für etwas völlig anderes und etwas, das, in aller Bescheidenheit und Geduld, zu erreichen nicht nur realistischer, sondern nachhaltig wirkungsvoller ist. Für diese strukturelle Umwandlung von Grund auf bin ich bereit, sehr viel Zeit und materielle Mittel aufzuwenden. Ich habe das seinerzeit für mich getan und kann es jedermann weiter empfehlen. Möglicherweise ist der Streit der Schulen müßig. Jede "reine" Methode ist mit Misstrauen zu betrachten, weil sie versucht, den Zufall und den Umweg zu vermeiden, im Grunde steril und kontrollbesessen ist. Könnte es nicht sinnvoll sein, eine Analogie zu Adornos Satz "Aufgabe von Kunst ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen" in einem Transfer auf die therapeutischen Schulen zu wagen? Immerhin gab es früher eine ärztliche Kunst, deren unreglementierter, ja künstlerischer Charakter am ehesten noch in den Psychotherapien nachklingt. Dass also ein Chaos der Methoden Ordnung in die Seelen bringt. So etwas heißt man heute nicht chaotisch, sondern "integrativ". Die Gesellschaft hat ein hochnotpeinliches Gefühl nicht nur für Ordnung, sondern auch für Wohlanständigkeit. (Mir fällt hierzu die Arbeit einer Kollegin ein, die mit Molke versetzten Ton bei Krebskranken erfolgreich einsetzt. Natürlich ist es der fäkalische Geruch der Molke, der alte Zwänge lösen kann.) Die Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen Schulen haben zu einer unerquicklichen Pattsituation geführt. Jede Schule beansprucht ein Monopol auf ihre "Methode" und merkt nicht, wie sie damit ihr Wirkungsspektrum einschränkt. Soweit zur Gefahr der "Methodenfixiertheit".

Ich habe mich, was das Medium anlangt, nicht auf das Gestalterische fixiert, sondern beschränkt in der Hoffnung, Typisches sichtbar machen zu können. Auf Regeln muss ich weitgehend verzichten. Es reicht, wenn die wenigen Regeln des analytischen Settings, erweitert durch Ruth Cohns hilfreiche Regeln, z. B. sich selbst zu bestimmen, in der Ich-Form zu sprechen usw., den Therapeuten bewusst, im Hinterkopf sind. Besser allemal ist die selbständige Ableitung einer Regel aus einem Gruppenprozess heraus, eine Regel nicht von außen auferlegt, sondern von den Beteiligten in ihrem Sinn erkannt und verstanden. Auf diese Weise ist auch der vorläufige und unvollständige Versuch einer Auswahl von Themen, Übungen und Settings zu verstehen. Die Rückverwandlung des Symptoms in ein Symbol.


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