Mamaundichundwelt

Selbstwerdung zwischen Containing und Loslassen
Zwei adoleszente Mädchen in einem gruppendynamischen Versuchsfeld

Abschlussarbeit im Rahmen der Ausbildung für psychoanalytisch orientierte Kunsttherapie der APAKT Hamburg. Die Arbeit wurde mit dem Einverständnis der beteiligten Mädchen realisiert und steht unter therapeutischer Schweigepflicht. Für die Publikation wurden alle Namen geändert.

© apakt, Hamburg 2008

brot

Vorweg

Das Projekt, das ich hier darstelle, hat viel Ähnlichkeit mit einem Hefezopf bzw. dem Prozess seiner Herstellung.
Der Umgang mit der Hefe kann unberechenbar sein, schließlich ist sie das Triebmittel, das Unbewusste oder die Seelenenergie, die beginnt in einer bestimmten Umgebung zu gären.
Anfangs ist der Hefeteig selbst meist nicht besonders schmackhaft, fast ungenießbar. Er ist empfindlich und eigensinnig, braucht einen ruhigen, dunklen Ort, Wärme und Zeit, will im Wechsel geknetet und wieder in Ruhe gelassen werden, um sich zu entfalten. Im Zusammenspiel dieser vielen Elemente kann jedoch ein wunderbar duftender schmackhafter Hefezopf entstehen. - In meinem Projekt spielten Ort, Wärme und Zeit eine ähnlich bedeutsame Rolle, denn auch hier ging es um Selbstwerdungsprozesse, die miteinander verflochten sind wie die Stränge des Hefezopfs.

Der eine Strang hat mit dem Selbstwerden von zwei früh-adoleszenten Mädchen zu tun, der andere mit meiner Selbstwerdung als Kunsttherapeutin und der dritte ist die Selbstwerdung i. S. des sich selbst organisierenden Gruppenprozesses. - Die Idee, ein kunsttherapeutisches Versuchsfeld mit Kindern und Jugendlichen zu initiieren, brütete ich im Sommer 2005 aus - am Ende meiner kunsttherapeutischen Ausbildung. Einerseits trieb mich meine eigene künstlerische Praxis dazu an, denn meine Kunstprojekte sind meist prozessual und kommunikativ angelegt; andererseits waren meine Erfahrungen als Kunstpädagogin ausschlaggebend.
Im Schulalltag war mir immer wieder aufgefallen, dass Kinder und Jugendliche statt ihrer Schulbrote, die ganze Palette ihrer familiären Probleme und Störungen mit in den Unterricht brachten. Scheidung, Suiziddrohungen, fehlende Väter, emotional übergriffige Mütter führten zu extremen Lernbehinderungen und Verhaltensstörungen. Unruhige Seelen, die hin- und herflatterten. Im Kunstunterricht konnte ich nur das Wenigste davon auffangen, denn als Unterrichtsfach steht die Kunst, wie alle anderen Fächer auch, unter dem Diktum von Zeitdruck und Bewertung.

Es wird gegängelt von Lehrplänen und droht allmählich zu einem Fach für kreative Techniken (Radierung, Aquarell, Siebdruck etc.) zu degenerieren. Dabei schreit gerade dieser Kontext nach einem Spielfeld, in dem sich alle Sinne öffnen können; einem Möglichkeitsraum, in dem unterschiedliche Seinsweisen des eigenen Selbst aufzuspüren und zu erproben wären. In dem kunsttherapeutischen Versuchsfeld, das mir vorschwebte, wollte ich mit einer kleinen Gruppe von Kindern/Jugendlichen aus problematischen familiären Verhältnissen arbeiten - ambulant und in gewissem Sinne prophylaktisch. Darüber hinaus schien mir dieses Projekt auch als Selbstversuch geeignet, erlernte kunsttherapeutischen Methoden anzuwenden und sie mit eigenen künstlerischen Ambitionen zu verknüpfen.

Wie dieses Projekt sich entwickelt hat und es letztlich, um im Bild des Hefeteigs zu bleiben, aufging, dazu möchte ich den Leser/die Leserin einladen. Das Lesen wird vermutlich wie das Schreiben einer mäandernden Expedition ähneln. Manchmal kam ich mir vor wie Kolumbus, der das klar kartografierte Ziel "Indien" anvisierte, aber unerwartet in Amerika landete. Am Anfang dieser Expedition jedenfalls steht viel ICH und am Ende viel WIR. Und dazwischen? Viel Selbstwerden....

Vorher aber, möchte ich mich noch bei den ‚rauen' Mädchen bedanken, die mich so viel erfahren und lernen ließen, auch bei den MitarbeiterInnen des Hamburger Sozialträgers für ihre offene Kooperation im Hinblick auf dieses Experiment; bei Gerlach Bommersheim, der mich weise gelassen hat, meinem Mann und meiner Tochter, die mich durch das netzwerkelnde Dickicht der Gefühle heldenhaft begleitet haben.


Kunsttherapeutisches Versuchsfeld

Anfang des Jahres 2005 nahm ich mit dem Sozialträger in Hamburg Kontakt auf. Dieser Sozialträger übernimmt die ambulante Betreuung von Familien, Kindern und Jugendlichen mit problematischen Hintergrund.
ADie Betreue. kümmern sich im Wesentlichen um die Aufrechterhaltung bestimmter Funktionsabläufe wie regelmäßige Mahlzeiten, Schulbesuch, Kontakt zu den Eltern und andere Maßnahmen im sozialtherapeutischen Bereich.. Für die "seelischen Allergien" und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder/Jugendlichen gibt es zwar flankierende Feuerwehrmaßnahmen und "Notfalltropfen", aber meist bleibt in dem eng geschnürten Zeitplan der Betreuer kein Spielraum z.B. für eine intensive Selbstwertstärkung der Kinder/Jugendlichen. Erst wenn eindeutig pathologische Symptome auftreten, ist eine psychotherapeutische Intervention angezeigt.

So stieß mein Angebot, ein kleines Pilotprojekt für den Zeitraum eines Jahres mit einigen betreuten Kindern/Jugendlichen zu starten auf kooperative Neugier.
Als stark problematisch hinsichtlich einer festen und andauernden Gruppe wurde seitens der Betreuer die Unpünktlichkeit bzw. mangelnde Verlässlichkeit der Kinder/Jugendlichen angeführt, zumal es sich um eine freiwillige Aktivität handele und die Jugendlichen oft durch Schule und Hort stark eingebunden seien. Ich müsste demzufolge mit unregelmäßiger Präsenz der Jugendlichen rechnen.

Meine Ich-Vorstellungen/Konzeptueller Rahmen/Setting

Das Projekt war offen angelegt und sollte einem Experimentierfeld entsprechen, auf dem ich mit egoistischen Suchbewegungen mein kunsttherapeutisches Arbeiten und meine Haltung entwickeln und beobachten wollte. Ich wollte diverse kunsttherapeutische Übungen einsetzen, um ihre Wirksamkeit und ihren aufdeckenden Charakter einschätzen zu lernen.
Darüber hinaus schien mir der anvisierte Zeitrahmen von über einem Jahr geeignet, um auch den sich selbst organisierenden Prozessen genügend Entfaltungsraum zu geben.

Spielregeln für das äußere ‚Sollte'-Setting waren folgende:

  • die Jugendlichen sollten möglichst einer Altersgruppe angehören
  • Arbeit sollte nicht in den Räumen des Sozialträgers, sondern an einem für die Jugendlichen neuen, unbelasteten Ort, stattfinden
  • die Gruppe sollte sich einmal die Woche für zwei Stunden an einem festen Termin treffen - die Betreuer sollten anfangs die Kinder/Jugendlichen zum Atelier begleiten ( 3-4 mal), um ihnen den Einstieg zu erleichtern
  • minimale Hintergrundinformationen zu den Kindern/ Jugendlichen, um selbst möglichst offen und unbelastet in den Prozess der Begegnung zu gehen (begleitet von der Frage, inwiefern meine Beobachtung des Gruppenprozesses, sowie die hergestellten Bilder genug Hinweise und Spuren aufdecken würden)
  • es sollte einen Austausch mit den jeweiligen BetreuerInnen geben.

Der Raum als Schutzraum und Möglichkeitsform

war in zweierlei Hinsicht ein tragendes Element meiner Konzeption. Ich wollte die Gruppe in einem Raum stattfinden lassen, der bereits eine sinnliche Dimension ausstrahlte Der Raum des Sozialträgers schien mir nicht geeignet. Er strahlte eine administrative, anonyme Behaglichkeit aus, implizierte geradezu ein kontrollierendes Aufpassen-müssen bezüglich Boden und Wände. Für die Jugendlichen schien mir aber genau das Gegenteil wichtig zu sein:
Ein Raum, der bei ihnen schon durch die Gerüche, Materialien, Farbspuren unbekannte, innere Spielfelder freilegen konnte und in dem sie sich anders körperlich bewegen konnten. Die Adoleszenzphase zeichnet sich ja u. a. dadurch aus, dass der Körper starken, hormonellen Wandlungsschüben ausgesetzt ist. Demzufolge spielt er für die Jugendlichen eine große Rolle. Der Raum sollte also die Möglichkeit zulassen, sich frei bewegen zu können, um großformatig und körperorientiert zu arbeiten und sich selbst im Gegenüber des Bildes zu erfahren.

Ich entschied mich, das Projekt in meinem Atelier stattfinden zu lassen; nicht ohne Bedenken, da es sich für mich um einen sehr intimen Raum handelt, der ein wenig die nötige therapeutische Abstinenz vermissen lässt.

Die Lage des Ateliers - im Hinterhof - im 1. Stock über eine Leiter erreichbar, assoziiert die Situation, sich auf ein Schiff oder in ein Baumhaus zu begeben.
Die Fenster im Innenraum sind so hoch angebracht, dass eine Ablenkung durch eindringendes Außen relativ gering ist (Blick in den Himmel). Dadurch entsteht eine geborgene Atmosphäre, die ein ‚Bei-sich-bleiben' ermöglicht. Andererseits ist das Atelier kein vollständig leerer Raum. Es gibt außer meinen noch andere Arbeitsplätze von Künstlern.
Die sichtbaren Arbeitsmaterialien (Bilder, Gipsabdrücke, Stehengelassenes, Unfertiges etc.) erzeugen einerseits Neugier für das andere, andererseits erfordern sie auch Respekt und Achtsamkeit vor der Grenze des anderen.

Die Zeitstruktur der zwei Stunden hatte ich schematisch grob gegliedert:

- Ankommen, Umziehen, den eigenen Platz finden 15-20 min
- Eine Übung bis max. 20 - 30 Min., evtl. auch länger Eine Pause von 15 Min
- Besprechen der Bilder 20 - 30 Min
- Abschied/Aufräumen 15 - 20 Min.

Natürlich orientierte ich mich - nachahmend - an dem mir vertrauten
kunsttherapeutischen Procedere meiner Ausbildung.

Die Gruppenstruktur hatte ich für das Projekt gewählt, weil für Kinder/Jugendliche die Gruppe ein besonderer Agens ist. Innerhalb des sozialen Koordinatensystems dienen Gruppen wie Familie, Klassengruppe, Peer-groups dazu, die Identitätsentwicklung voranzutreiben. Die in diesen Beziehungsfeldern wirksame Gruppendynamik kommt potentiell einer Ressourcenaktivierung entgegen, kann sie natürlich auch entsprechend verhindern (s. Schemmel 2003 s.S.120 ZRM).

Von Seiten der Betreuer des Rauhen Hauses e.V. wurden vier Kinder vorgeschlagen, die altersmäßig eine Gruppe bilden konnten: Nicole 10 Jahre, Leonie 12 Jahre, Max, der Bruder von Leonie, 8 Jahre alt und Lotta, 9 Jahre.
Lotta kam nur die ersten zwei Male und bei Max hatte ich darum gebeten, ihn nicht mit in die Mädchengruppe zu geben, da Leonie, wie sich im Vorgespräch herausstellte, hohe elterliche Verantwortlichkeiten für ihren jüngeren Bruder entwickelt hat.
Leonie erschien das erste Mal mit ihrer Freundin Marlene (13), die nicht vom Rauhen Haus e. V. betreut wurde. Weitere zwei Wochen später führte Leonie noch eine weitere Freundin ein: Susanne (12).
So entstand schließlich ohne Absicht eine integrierte Gruppe aus vier Mädchen.
Wie bereits erwähnt, lag mir viel daran, keine detailgenaue Einschätzung zu den beiden betreuten Mädchen von Seiten des Rauhen Hauses e. V. zu bekommen, da ich die Bildarbeit als diagnostisches Medium einsetzen wollte.

Nicole, 10 Jahre

Nicole lebt mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Ali seit sechs Jahren zusammen. Die Mutter ist tagsüber selten zu Hause. Sie arbeitet als Altenpflegerin. Auch der Stiefvater hält sich kaum zu Hause auf. Nicole ist viel allein zu Hause bzw. in einem Hort und wird einmal die Woche einen Nachmittag vom Rauhen Haus e.V. sozialpädagogisch betreut.
Es gibt, ihrer Betreuerin zufolge, eine nicht nachweisbare Vermutung auf sexuellen Missbrauch. Nicole ist stark übergewichtig und in der Schule wiederholt durch kleine Diebstähle bei ihren Mitschülern (Pausenbrote, Geld etc.) auffällig geworden.

Leonie, 12 Jahre

Leonie wohnt mit ihrem jüngeren Bruder Max und ihrer Mutter zusammen. Zu dem Vater gibt es keinen Kontakt mehr. Bei ihrer Mutter wurde Borderline - Symptomatik diagnostiziert, was mehrfach zu klinischen Behandlungsaufenthalten führte. Während dieser Zeiträume wurden die beiden Kinder anderweitig, meist in Pflegefamilien oder von einer Tante betreut.
Nach Angaben ihrer Betreuerin gestaltet sich der Kontakt zu Mutter und Kindern bisher sehr schwierig wegen der extrem schwankenden emotionalen Zugänglichkeit von Leonies Mutter. So verhält sie sich mal stark aggressiv - abweisend, mal offen, sensibel und kooperativ. Oft ist sie zu Hause nicht anzutreffen und auch telefonisch nicht erreichbar.
Leonie kümmert sich intensiv um ihren 3 Jahre jüngeren Bruder.

Marlene, 12 Jahre (nicht vom Rauhen Haus e.V. betreut)

Sie ist eine enge Freundin von Leonie, geht mit ihr in dieselbe Klasse. Sie wirkt auf den ersten Blick sehr extrovertiert. Sie erzählt viel von sich, von zu Hause, von ihren Schwärmereien für Musikbands oder Jungs. Seit sich ihre Eltern vor einem Jahr getrennt haben, lebt Marlene allein mit ihrer Mutter und ihrer kleineren Schwester zusammen. Leonie übernachtet häufiger bei Marlene.

Susanne, 12 Jahre (nicht vom Rauhen Haus betreut)

Wurde ebenfalls als Freundin von Leonie mit in die Gruppe gebracht. Susanne geht in dieselbe Schule wie Leonie und Marlene. Die Eltern leben getrennt. Susanne ist ein sehr stilles, introvertiertes Mädchen. Auch bei Susanne übernachtet Leonie häufiger.

Für mich kam durch diese Kleingruppenkonstellation ein merkwürdiges Phänomen zustande, dessen Tragweite sich erst im Laufe der Gruppe entfalten sollte. Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich hier Mädchen in einer Kleingruppe zusammengefunden hatten, die in dem gleichen Alter meiner Tochter waren. Koinzidenz oder Synchronizität? 1

Der ca. einjährige Erfahrungsprozess dieses Gruppenprojekts entwickelte sich rückblickend in den folgenden Phasen:

  1. Optimierungsfalle
  2. Containermama
  3. Abschied/Abnabelung

Die erste Phase ,Optimierungsfalle' nahm ca. ein halbes Jahr in Anspruch und stand im Zeichen gegenseitiger Annäherung und des vertrauensvollen Beziehungsaufbaus, sowie aufdeckender bzw. diagnostischer Bild - und Kommunikationsarbeit.
Sie zeichnet sich für mich aber besonders darin aus, dass ich durch die Arbeit zusehends mit meinem kunsttherapeutischen, ambitionierten Ehrgeiz und Konzeptdrang in eine Sackgasse geriet. Anfangs war ich noch stark darum bemüht gewesen, "es richtig und optimal zu machen", d. h. die in meiner Ausbildung erlernte bekannte dreigliedrige Methode ‚Aufgabe - Bildrealisierung - Besprechung' auch in dieser Gruppe anzuwenden. Bald schon musste ich feststellen, dass sich in meinem Wollen etwas eng Pädagogisches eingeschlichen hatte, was mir den Zugang zum Gespür für die emotionale Befindlichkeit der Mädchen blockierte.
Ich scheiterte also umso mehr, je stärker ich versuchte die Gruppensituation hinsichtlich kunsttherapeutischer Kriterien kontrollieren bzw. optimieren zu wollen.
Die Mädchengruppe reagierte z. T. mit starker Abwehr auf die Bildbesprechungen und verweigerte sie schließlich vollends, was mich erst auf meine restriktive Haltung aufmerksam machte. Sie wollten sich nicht zum formatierten Beobachtungsobjekt umfunktionalisieren lassen.

Im Folgenden werde ich diese erste Phase anhand einiger selektiver Bildübungen beschreiben. Dabei vernetze ich meine Assoziationen zu den Bildübungen mit dem situativen Verhalten und Äußerungen der Mädchen, die sich während der Gruppensitzungen ereigneten.
Der Focus liegt auf den beiden Mädchen Nicole und Leonie, die vom Sozialträger betreut werden und die sich vorher nicht kannten.
Auf die beiden Freundinnen von Leonie, Susanne und Marlene, werde ich nur insofern eingehen als beziehungsdynamische Übertragungen innerhalb der Gruppe wirksam wurden.

[1] Als Synchronizität bzw. synchronistisches Prinzip bezeichnet C.G. Jung relativ zeitnah aufeinander folgende Ereignisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind, vom Beobachter jedoch als sinnhaft verbunden erlebt werden. 

Phase I: "Optimierungsfalle"

Erster Eindruck: Nicole

Das erste Mal erscheinen nur Nicole und Lotta zur Gruppe, begleitet von ihren jeweiligen Betreuerinnen. Leonie fehlt. Nicole wirkt anfangs sehr brav und zurückhaltend und ist auffällig schick und tadellos gekleidet. Ich bemerke, wie sie in Windeseile den Raum und die Küchennische nach für sie interessanten (oder bedrohlichen?) Dingen wie z.B. Essbares/Bekanntes "abscannt". In mir entsteht ein leicht unangenehmer Widerstand, der sich aus dem ambivalenten Auftreten Nicoles speist: dieses dicke, artig überangepasste Mädchen mit ihrer nagelneuen trendy - Kleidung strahlt etwas Übergriffig-Distanzloses aus.

Zur Einstimmung beginne ich mit einer Übung aus jeweils vier 2-Minuten-Bildern. Die Farbe wird mit großen Pinseln bzw. Schwämmen auf Zeitungsdoppelseiten aufgetragen, die an der Wand befestigt sind. Diese Übung dient dazu, mögliche Angstblockaden vor einer weissen Fläche aufzulösen. Das bereits bedruckte Zeitungspapier schmälert den Erwartungsdruck, den weißes Papier ausstrahlen kann. Darüber hinaus kommt es der Lust entgegen, eigene Markierungen zu setzen. Die Zeitung vermittelt etwas von erwachsenen, vielleicht verbotenen Terrain, auf dem jetzt lustvoll geschmiert und übermalt werden darf, ganz im Sinne einer Umkehrung des Moralsatzes: "Kinderhände beschmieren Tisch und Wände"

nic lotta

Die beiden Mädchen stehen nebeneinander vor der Wand, und während Nicole zögerlich abwartet und arg abgelenkt mit ihrer Aufmerksamkeit im Raum hin und her springt, schwingt Lotta den Pinsel fast peitschenmäßig auf das Papier. Sie scheint sich körperlich regelrecht auf dem Bild auszutoben. Nicole ist irritiert. Sie wirkt unsicher angesichts dieses Verhaltens, schielt aber fasziniert wiederholt zu der kleineren Lotta neben sich. Dann beginnt sie mit breitem Pinsel ordentlich nebeneinander liegende gelbe Vertikalflächen zu malen, die sie anschließend mit Rot, dann mit Blau übermalt. Alles vermischt sich zu Braun. Beim nächsten 2-Minuten-Bild beginnt sie eine Tabelle aus der Schule (E Z H - Einer, Zehner, Hunderter) mit dem Finger in die feuchte braune Farbe zu zeichnen:
Als Lotta in ihr Bild ihren eigenen Namen schreibt, ahmt Nicole dies nach und steigert es noch, indem sie auch ihre Adresse mit betont wilder Gestik hinzufügt.

nicole zw min

Es ist unschwer zu übersehen, dass diese Übung ein starkes Regressionspotential freisetzt und Gelüste der analen Phase weckt.

Baumbild

Beim zweiten Mal malte jede ihren persönlichen Baum. Es handelt sich um eine bekannte kunsttherapeutische Übung, in der die Baumsymbolik Aufschluss über die Befindlichkeit des Ichs gibt. Die Wurzeln zeigen die Verwurzelung des Ichs im kollektiven bzw. familiären Grund an, der Stamm rekurriert auf die Belastungsfähigkeit, während die Krone die Entfaltung der Persönlichkeit anzeigt.

Das Herz des Baums, jene Stelle, wo der Stamm in die Krone übergeht und die Äste entspringen, symbolisiert die Organisationsfähigkeit des ICHs (nach G. Schmeer). Da die ICH - Entwicklung jedoch gerade bei Jugendlichen starken physischen und psychosozialen Veränderungen und Einflüssen ausgesetzt ist, verweist die Baumsymbolik in diesem Alter vermutlich lediglich auf tendenzielle Strömungen von ICH - Anteilen.

nicole baumbild

Was das Bild andeutet

Wie schon bei der ersten Übung fiel mir auch hier auf, dass Nicole große Schwierigkeiten hatte, bei sich und ihrem Bild zu bleiben. Ihr Blick wanderte stets nach rechts zu Lotta und deren Bild. Sie begann Lottas Baumform nachzuahmen, in dem sie sich auch ihrer Farben bediente: Grün und Braun.
Auffällig ist, dass der Baum in Nicoles Bild zwar sehr massiv und stabil, gleichzeitig aber relativ unlebendig und schematisch wirkt. Stamm und Baumkrone sind braun, wohingegen die daran hängenden Früchte unreif grün sind. Auch wirken sie schematisch verteilt.
Insgesamt wirkt der Baum wie das plakative Stereotyp eines Baums. Bei der Farbwahl fällt besonders die Dominanz der Farbe Braun auf.

Der Regenbogen teilt das Bild in zwei Hälften. Er übernimmt die Funktion eines Schutzschirms für den Baum, schützt vor den positiven und negativen (Wetter-)Einflüssen von außen, Sonne und Regen.
In ganz anderer Malweise, nämlich sehr zart und fein, und gar nicht schematisch, ist links neben dem Baumstamm eine hellgrüne rundliche Form mit winzigen roten Pünktchen zu erkennen. Rechts neben dem Stamm eine ähnliche amorphe hellgrüne Form : "abgefallene Blätter" ( Zit. Nicole)

Auf meine Frage, ob sie denn der Baum sei, verneint Nicole und verweist auf eben jene kleine hellgrüne, rot gepunktete Rundform links neben dem Baumstamm.
Das sei ein kleiner Brombeerbusch. Sie mag Brombeeren und erzählt, dass es in der Nähe ihrer Wohnung zwei wilde davon gebe, von denen sie sich immer die Beeren stibitzt, aber auch ihre Mutter. Es scheint ihr "diebische" orale Lust zu bereiten an den "verbotenen" Beeren zu naschen, denn in ihrem Blick flackert etwas ganz Lebendiges auf. Über den Baum im Bild will sie nicht sprechen, stattdessen drängt sie auf die Pause. Ein wenig habe ich den Eindruck, als hätte sie mit dem Bild jetzt ihre Pflichtaufgabe erledigt und würde ihre ‚rechtmäßige' Belohnung einfordern.

baumbild ausschnitt

Diese beiden hellgrünen amorphen Formen, links und rechts vom Baumstamm, scheinen viel mit Nicoles emotionalem Seelengewebe zu tun zu haben. Nach G. Schmeer macht sich im Bild oft ein Dominoeffekt dergestalt bemerkbar, dass tiefsitzende Bilddetails (s. Brombeerbusch und abgefallene Blätter) während der behutsamen Bearbeitung in bewußtere Zonen aufsteigen. Um diesen Vorgang zu verdeutlichen, entwickelte sie folgendes Schema der ‚therapeutischen Komplex-Bearbeitung' im Bild:

Schema des Dominoeffekts nach G.Schmeer

diagram

Demnach würde ‚D' in Nicoles Bild für den kleinen Brombeerbusch linksseitig und die abgefallenen Blätter rechtsseitig vom Stamm stehen.
Beide sind dem unbewussten Bereich zugeordnet, wohingegen Sonne und Regenwolke in der eher bewussten oberen Bildhälfte für ‚A' steht.

Der kleine Brombeerbusch wird sich tatsächlich in den nächsten Monaten in Nicoles Bildräumen ausbreiten und aufsteigen - insbesondere die roten Beeren!

Es war mir wichtig diese erste Begegnung mit Nicole kurz zu skizzieren, weil in ihr schon wesentliche Züge angelegt sind, die sich später im Gruppenprozess weiter ausstülpen werden.

Erster Eindruck: Leonie

Leonie tauchte das erste Mal zur Gruppe gar nicht auf, beim zweiten Mal nicht mit Betreuerin, sondern mit ihrer Freundin Marlene. Leonie wirkt auf mich feingliedrig und introvertiert. Gleichzeitig haftet ihr etwas Sprödes, fast burschikos Abwehrendes an.
Sie trägt eine dickglasige Brille, die ein stark schielendes Auge korrigiert. Brille und Haarsträhnen scheinen ein Schutz vor dem direkten Blick zu sein, denn Leonie vermied es, mich anzusehen und war auffällig eng auf ihre Freundin Marlene bezogen, mit der sie in eloquentem Redekontakt stand.
(Erst viel später sollte sich herausstellen, dass Leonie anfangs offenbar große Widerstände gegen die Malgruppe hatte, was sicherlich auch mit dem Umstand zusammen hing, dass ich darum gebeten hatte, dass Leonie ohne ihren jüngeren Bruder erscheint. Es war also Leonies Freundin Marlene gewesen, die sie als neugierige Zugkraft mit in die Gruppe gebracht hatte.

Leider gibt es keine Abbildungen von Leonies und Marlenes Baumbilder. Sie nahmen sie mit nach Hause. Doch ich erinnere, dass mir bei Leonie die stark akkurate Malweise aufgefallen war, fast so, als würde sie mit dem Pinsel zeichnen. Ganz anders dagegen Marlene, die sehr weit und malerisch mit dem Pinsel ausholte.

1. Gruppenbild: "Hände" - 20.04.05

anwesend: Nicole, Leonie und Marlene

Übung

Jede arbeitet an einer Seite des Tischquadrats. Die eigenen Hände sollten vorher von der anderen konturiert werden (1. Kontakt). Anschließend sollte jede das eigene Händepaar und den umgebenden Raum bemalen und sich langsam zu den Seiten, zur Nachbarin und zur Mitte bewegen. Die Tischplatte symbolisierte damit ein überschaubares Gemeinschaftsfeld, das von jeder "mit beackert" wird.

Angestrebte Erfahrung

ist es, sich über ‚eigenes Handeln' (die beiden Hände als vorgegebene Form) einen Bereich auf der Papierfläche anzueignen, diesen zu bespielen bzw. damit etwas von sich zu erzählen und über die Mitte und zu den Flanken eventuell ersten Kontakt zur Anderen aufzunehmen.

Bildprozess

Ich hatte mich spontan dazu entschlossen, an diesem Gruppenbild mit teilzunehmen (die therapeutische Abstinenzregel missachtend), weil ich die Lücke an Nicoles Seite füllen und einen Ausgleich zu dem Duo Marlene-Leonie herstellen wollte.

Die Tischsituation beschwor geradezu die Assoziation einer klassisch familiären Tisch-Mahlzeit herauf, in der alle Familienmitglieder um einen Tisch versammelt sind.

Nicole beginnt mit einer großen phallisch rosafarbenen Form, die zwischen ihren Händen gen Mitte "aufsteigt". Ihre Hände malt sie in Signalorange aus, konturiert sie mit Schwarz und versieht sie mit schwarzen Schweißbändern. Inspiriert von Marlene, die ihr gegenüber sitzt und lustvoll mit dem Finger und dem Pinselende malt, legt auch Nicole den Pinsel zur Seite und malt eine zweite aufsteigende Spiralform mit den Fingern. Sie bezeichnet diese Form als "Tornado".

Ganz offensichtlich genießt sie es mit der Farbe zu matschen, setzt überall heftig emotional ihre Handabdrücke drauf und scheint für Momente den Raum um sich herum vergessen zu haben.
Anschließend löscht sie mit dickem Pinsel die Handabdrücke wieder aus und auch der "Tornado" wird mit dunkelblaugrauer Farbe zugedeckt.
Auf meine Frage, warum sie denn alles übermalt habe, schweigt sie. Für eine Schattensekunde wischt ihr etwas Trauriges übers Gesicht, was sie aber abrupt unterbricht. Sie klinkt sich aus dem Malprozess aus und flieht förmlich vom Tisch und beginnt ihre Hände noch mal auf ihrem eigenen Mal-T-Shirt abzudrücken. Zuletzt schreibt sie noch ihren Namen darunter.

Assoziationen zu Nicole

Die phallische Form, anfangs fleischfarben zwischen ihren Händen aufsteigend, setzte in mir sofort den Gedanken an die geäußerte Vermutung des sexuellen Missbrauchs frei. Wie schnell und in welch kausaler Direktheit diese Vermutung in Verbindung mit einer Bildform zu einer scheinbar eindeutigen Gewissheit gerinnen konnte, irritierte mich. Mir scheint solch eine diagnostische Festschreibung hochgefährlich zu sein, zumal sie die Macht hat, alle Eindrücke und Wahrnehmungen auf ihr Format umzuschreiben. Denn hatte ich ihr anschließendes Übermalen der "phallischen Szene" nicht gleich als einen Akt des Verschwindens, eben einer versteckenden Geste, gedeutet.

Auch Nicoles Bezeichnung, es würde sich um einen "Tornado" handeln, fütterte meine Vorurteilsphantasie eines erregten, ejakulierenden Phallus. Ob Nicole jedoch den mutmaßlichen Missbrauch in dem Malgeschehen auf - und wieder zugedeckt hatte, erscheint mir jetzt eher zweitrangig. Weitaus wichtiger sind mir ihre emotionalen Reaktionen, die auf eine Traumatisierung, welcher Art auch immer, hindeuteten.

Auf den ersten Blick haftet Nicoles signalorangenen Händen etwas Glühendes, Brennendes an, dass in mir die Struwwelpeter-Geschichte "Paulinchen war allein zu Haus..." vergegenwärtigte. Es handelt sich um jenes Mädchen, das von den Eltern zu Hause allein gelassen wird, und genau das tut, was sie ihr verboten war, nämlich mit dem Feuer zu spielen. Das Verbotene, Heimliche drückt sich darin aus, wo Angstlust die Hände führt. Am Ende der Geschichte zerstört eben diese ‚Angstlust am Verbotenen' nicht nur das Mädchen, sondern das ganze Haus. So gesehen, scheinen die orangenen Hände von Nicole selbst zum Signal geworden, die um Hilfe zu ringen, als hätten sie sich an etwas Verbotenem (?) verbrannt, vielleicht etwas Bedrohlichem, einem Konflikt. Jedenfalls scheinen die Hände einer Hilflosigkeit ausgesetzt, in der die Hände nicht selbstständig anpacken, sondern nur passiv beklagen können. Sie könnten demnach ein Warnhinweis sein. Die Passivität wird durch die schwarzen Schweißbänder unterstrichen, die schnell die Assoziation von Handschellen hervorrufen, insofern auch ein gewaltsam An-der-Hand-geführt-Werden i. S. einer Mani-pulation nahe legen.
Die Tatsache, dass Nicole ihre Hände statt des Pinsels benutzte, um lustvoll in der Farbe zu matschen, ist m. E. auch ein Hinweis auf ein regressives Sich - Selbst - Spüren - Wollens. Allerdings konnte Nicole es erst zulassen, nachdem Marlene es ihr vorgemacht hatte. Ebenso lassen sich die Handhabdrücke, die Nicole über sich selbst und ihr Malfeld "stempelte" als ein Versuch lesen, Kontakt /Berührung zu sich und zur Welt herstellen zu wollen. "Hier bin ich gewesen!" oder "Das gehört mir!" - kleine Kinder versuchen sich durch lustvolle Handhabdrücke in Welt einzuschreiben.

Bildprozess/Leonie - das Getrennte und Vermischte

Leonie sitzt mir beim dem Gruppenbildgeschehen gegenüber - sie beginnt sehr sorgfältig mit verschiedenen Farben der Mitte zuzustreben, doch alle Farben mischen sich unversehendes miteinander, so dass sich ihre Handkonturen am Ende gar nicht mehr erkennen lassen. Sie ist sehr unglücklich darüber: "Das ist alles so düste r- mir fehlen die Farben Grün und Rot!" Doch gerade diese Komplementärfarben hatte sie anfänglich benutzt, allerdings vermischten sie sich im Malprozess zu Dunkelgrau. Enttäuscht von sich, will sie den Pinsel ‚werfen' und aufgeben. Ich schlage ihr vor, ihre Hände im Bild mit einer anderen Farbe zu konturieren, um sie wieder "herauszuholen aus dem düsteren Sumpf". Sie versucht es widerwillig und ist am Ende nicht zufriedener und ignoriert ihr Gemaltes.

Assoziationen zu Leonie

Im Bild war Leonie stark darum bemüht, das vor ihr liegende Feld mit roten und grünen Farbtönen zu bemalen. Sowohl zu Marlene (rechtseitig) als auch zu Nicole (linksseitig) grenzte sie sich mit einem dicken roten Farbbalken ab. Leonies Hände wirken wie Pfoten, die versuchen etwas zu erklimmen - einen Berg? Aber sie scheint abzurutschen. Am Auffälligsten jedoch war ihr Bemühen um Farbe, die ihr "aus den Händen" glitt, weil sich die einzelnen Farben ‚wie von selbst' vermischten. Es könnte sein, dass das Sich - Trennen von etwas bzw. eigene Grenzen ziehen, ein Thema von Leonie ist.

Ein Sprechen über das, was sich im Gruppenbild ereignete, war nur bedingt möglich: Nicole hatte sich dem Malprozess entzogen, nachdem sie wesentliche Bereiche ihres Feldes übermalt bzw. wieder hat verschwinden lassen und war in eine Art Stempelfieber verfallen, nämlich der Lust, alles mit ihren Handabdrücken zu markieren.

Leonie konnte nur in einem Satz ihre Unzufriedenheit mit sich zum Ausdruck bringen und wollte möglichst nicht auf ihren "Fehler", der sich ihrer Meinung nach im Bild manifestierte, angesprochen werden.

Vexierbild - 27.04.05

anwesend: Nicole, Leonie und Susanne

Leonie brachte unangekündigt eine neue Freundin mit (Marlene ist nicht da!).
Mir kommt in den Sinn, dass sie möglicherweise Probleme hat, allein an der Gruppe teilzunehmen. Jedenfalls scheint sie freudig erleichtert, als ich zustimme, dass Susanne mit an der Gruppe teilnehmen kann. Nicole wurde von ihrer Betreuerin gebracht und präsentiert stolz einen selbst gemachten Obstsalat für die gemeinsame Pause. (Eine Alternativmaßnahme, die Nicoles Heißhunger auf Süsses umleiten soll.)

Übung

Mit geschlossenen Augen zeichnet jede mit einer dunklen Jaxon-Kreide eine ununterbrochene Linie auf das Papier. Die Vorstellung auf dem Papier Schlittschuh zu laufen hilft. In dem entstandenen Liniengewirr versucht jede ihre Figur oder das Wesen zu finden, "was ihr entgegenblickt" und mit Farben herauszuarbeiten. Die Liniengrenzen sollen dabei möglichst respektiert und nicht überschritten werden.

Angestrebte Erfahrung

Die Übung hat einen abstrakt - unbewussten (1. Teil) und einen Konkret - erkennenden Aspekt (2. Teil). Das Herauslesen von eigenen, inneren Bildfiguren aus dem Liniengewirr wirkt positiv zurückspiegelnd auf die Selbstwahrnehmung (Ich habe etwas gefunden = ich erkenne etwas!). Die vorgegebenen Linien erleichtern aber auch Grenzen einzuhalten und Farben zu trennen (s. Problem der Vermischung bei Leonie) Dadurch, dass die eigenen Figuren auch für die anderen sichtbar gemacht werden (2 .Teil der Aufgabe), wird das eigens gefundene Bild nach außen kommuniziert.

Bildprozess/Nicole

Jede malt anfangs an einer eigenen Wand im Raum. Nach dem 1. Teil der Aufgabe tut sich Nicole schwer "ihre" Figur in bzw. aus ihrem Liniengewirr zu erkennen. Ich helfe ihr. Wir legen das Bild auf den Boden, um es von allen Seiten anzuschauen:

Jetzt entdeckt sie einen Fischschwanz und einen Kopf und verbindet beides zu einer Meerjungfrau. Sie beginnt ihr Bild neben das von Susanne aufzuhängen. Eigentlich wollte sie der Meerjungfrau goldene Haare malen, "solche langen, schönen, blonden Haare wie meine Mutter" . Doch es kommt nicht dazu. Nachdem sie die Haare mit einem goldenen Stift konturiert hat, wirkt sie unschlüssig und unzufrieden. Es scheint, als stehe sie unter Druck, auch weil die anderen beiden, Leonie und Susanne, schon weit fortgeschritten sind mit ihrem Bild.

Ausweichbewegung!?

Nicole geht auf Toilette - und bleibt so lange fort, dass ich beginne mir Sorgen zu machen und ihr nachgehe. (Die Toilette befindet sich auf dem Hof!). Von der Toilette zurück, entscheidet sie sich um und schwärzt die Haare ihrer Meerjungfrau. Immer wieder wandert ihr Blick zu der langhaarig, blonden Susanne und deren Bild, das links von ihr hängt. Sie benutzt Susannes Farben: Grün und Rot, und zwar aus Susannes Farbtöpfen. Susanne scheint sich nicht an diesem übergriffigen Verhalten Nicoles zu stören - sie arbeitet hoch konzentriert an ihrem Bild weiter. Nicole ist sichtlich fasziniert von Susanne.

Assoziationen zu Nicole

Kontakt durch Imitation

Wiederholt fällt auf, dass es Nicole schwer fällt, bei sich zu bleiben. Ihre Aufmerksamkeit ist oft bei den anderen. In ihrem Bildverhalten zeigt sich dies in ihrem starken Drang, sich der anderen angleichen (s. Susanne) zu wollen, sie zu imitieren. War es anfangs noch Lotta (s. 2-Minuten-Bilder, Baumbild) und beim gemeinsamen Gruppenbild Marlene, ist es jetzt Susanne. Als wolle sie sich über diese Gesten der Imitation annähern und Kontakt suchen. In der Nachahmung könnte sich auch ein Neidfaktor verbergen, nämlich etwas von dem haben zu wollen, was die andere hat! Vielleicht ein Hinweis auf einen Mangel eigener Ich-Grenze bzw. Ich-Stabilität.

Bildprozess/Leonie

Leonie hat sehr schnell eine Schnecke in dem Liniengewirr entdeckt.

Aufgrund der vorgegebenen Linien konnte Leonie die einzelnen Flächen gut voneinander abgrenzen. In diesem Bild hat sie sich wieder für den von ihr favorisierten Komplementärkontrast ‚Rot-Grün' entschieden, der schon bei der vorherigen Übung eine Rolle spielte. Schwarz wird zum rahmenden Hintergrund für die Schneckenfigur. Allerdings drohte Leonie im Malprozess die Grenzen zu überschreiten und erzählte, dass sie das bei sich schon kennt: Immer, wenn sie mit etwas gut anfängt, "dann wird es immer blöder", und sie weiß dann nicht mehr, wann und wo sie aufhören soll. (Vielleicht kann sie das gute Gefühl nicht (aus)-halten?) Dass sie dieses Bild nicht "übermalte", sondern nur mit Schwarz die "blöden" Felder, die sich zu vermischen drohten, rettend übermalte. schützte und stützte ihre ‚hauslose' Schnecke. Leonie war sehr stolz auf ihr gelungenes Bild. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie für das Bild bewundernde Anerkennung aus der Gruppe bekam.

Assoziationen zu Leonie

Mit dem Bild ihrer Schnecke ohne Haus zeigte Leonie auch ihren eigenen Weichanteil. Die Schnecke ist ein sehr empfindliches Weichtierwesen, das in ihrem Schneckenhaus einen sicheren Rückzugsort vor äußeren Gefahren hat. Mit den lang gestreckten kontrollierenden Augenfühlern stets auf der Hut vor äußeren Gefahren.
Für ihre Schnecke wählte Leonie wieder ihren Komplementärkontrast Rot- Grün. Sie bettet das energetisch, dynamische Orangerot ihrer Schnecke in ruhig erholsames Grün. Die Schnecke ähnelt auch einem Schmetterling, vielleicht handelt es sich um zarte innere Weichteile von Leonie, die keinen eigenen sicheren Schutz ( s. fehlendes Schneckenhaus) oder das Gegenteil keinen Ausdruck finden können. Grün umgibt das innere, gefühlige Schneckenorgan von Leonie wie einen Schutzwall und wird nochmals stabilisiert oder eingeschlossen (?) durch den massiven Schwarzrahmen.

Exkurs ‚Sicherer Ort':

Hinsichtlich des ‚sicheren Orts' erinnere ich eine andere, nachfolgende Übung, bei der wir mit Ton arbeiteten. Die Aufgabe war, sich selbst einen Ort zu bauen, eine Hütte, Baumhaus zum Wohlfühlen. Leonie begann hauchdünne Stäbe zu rollen, die sie zu einem Rohrsessel flechten wollte, doch die Stäbe brachen. Dann versuchte sie winzig kleine Würfel herzustellen (Steine), mit denen sie ein Haus bauen wollte, doch das Fundament des Hauses, eine dünne Tonplatte, zerbrach ständig. Schließlich baute sie eine kleine Mauer aus den klitzekleinen Steinen. Aus dem restlichen Ton formt sie eine dicke Wurst, die sie darum legt: "meine Alarmanlage!'" Wichtig war ihr erklärtermaßen ein Haus/ein Ort, der sicher ist, d.h. klar abgegrenzt vom Draußen und in dem kein Einbruch möglich ist. Parallel zum Arbeiten entspann sich in der Gruppe ein Gespräch über Glück und Liebe, was Leonie mit einem trotzigen Ausdruck der Unzufriedenheit abwehrte, in dem sie ihre ganze Tonarbeit wieder zerstörte und lautstark erklärte, für sie sei nicht die wichtigste Frage, was einen glücklich mache, sondern woher wir kämen?! Eine Frage, die natürlich auch wieder nach dem Herkunftsort schielt, in dem man geschützt wachsen und sein Selbst entwickeln kann. Es ist die Identitätsfrage, die sich Leonie stellte.

Die 6 Spontanen - 25.05.08

Anwesend: Leonie, Marlene und Susanne

Übung

Es werden fünf Bilder à 15 Minuten gemalt, zu denen es jeweils eine Handlungsanweisung gibt:

  1. linkshändig malen
  2. mit irgendeinem (nur einem!) möglichst fremdartigen Werkzeug
  3. ein hässliches Bild
  4. zu einem Musikstück
  5. malen, wie man sich gerade jetzt fühlt!

Angestrebte Erfahrung

Durch den Wechsel von thematischen Bezügen, Materialien und dem Einsatz verschiedener Sinne soll sich das Spektrum der Selbsterfahrung im Umgang mit fremden Material (Objekten) erweitern.

Zwischenakt

Die Schnecke im Wohnzimmer

Bevor wir anfingen zu malen, hatte Leonie sehr aufgeregt und freudig überschwänglich erzählt, dass sie ihrer Mutter das Schneckenbild geschenkt hätte, die es sofort im Wohnzimmer über der Couch aufhängte. Endlich wisse die Mutter, so Leonie, in welcher Farbe sie das Wohnzimmer streichen wolle: dem Orangerot der Schnecke. Mich freuten die emotionalen Reaktionen von Leonie, denn offenbar hatte die Mutter sie mit dieser ‚guten' Geste des Bildaufhängens gesehen. Und doch unterschwellig keimte in mir Skepsis. Es fühlte sich alles zu wunschgemäß, zu perfekt an. Ich fragte nach.

Im weiteren Sprechen mit Leonie stellte sich heraus, dass sie sich mit ihrem jüngeren Bruder Max ein Zimmer teile. Sie fände dies wunderbar. Auf die Frage, ob sie nicht mal das Bedürfnis hätte, sich zurückzuziehen oder mit ihrer Freundin allein zu sein, reagierte sie vehement abwehrend und wies das Bedürfnis harsch zurück mit den Worten, dann hätte sie ja schließlich keinen mehr, mit dem sie vorm Einschlafen reden könne. Ja, ihre Mutter, die hätte ein eigenes Zimmer. Und es gäbe dieses weitere Zimmer, das Wohnzimmer, in dem aber keiner sich aufhalte. Eine Art Abstellraum, in dem neben Kartons, Wäscheständer, u. a. auch ein Sofa stehe. Über diesem Sofa im "Wohnzimmer" hatte die Mutter also das Schneckenbild gehängt. Der anfängliche Stolz der Mutter auf das Werk der Tochter war schlagartig ins Gegenteil gekippt - das Bild hing nicht, wie ich anfänglich vermutet hatte, am exponiertesten Ort, dem Sofa der Mutter, sondern war im Gegenteil mit und zu den anderen Dingen abgestellt d.h. in gewisser Weise unsichtbar gemacht worden. Durch diese Nebenbei - Erzählungen verstärkte sich die bereits erahnte symbolische Dimension des Schneckenbildes von Leonie: ihr fehlte scheinbar ein sicherer, geschützter Ort, an dem Gefühlsbewegungen genug Entfaltungsraum hatten

Bildprozess

Wir begannen mit der Übung der ‚6 Spontanen'. Leonie arbeitete an der Wand neben Susanne. Während der ersten beiden Übungen bemerkte ich, dass Leonie immer noch innerlich stark aufgewühlt war - ein kichernder Redeschwall nach dem anderen strömte aus ihr heraus - grenzenlos. Sie wirkte i.G. zu den vorherigen Malen wie verwandelt, emotional vollständig aus sich herausquellend - geradezu außer sich. Da sie trotz mehrmaliger Bitten meinerseits das Reden nicht stoppen konnte und immer wieder durch den Raum hindurch mit Marlene, die am anderen Ende des Raums arbeitete, Kontakt aufnahm, entschied ich mich spontan noch eine andere Übung dazwischen zu setzen: Schweigend sollte ein Redebild gemalt werden, in dem sich alle Gedanken und Wörter, die in den Sinn kommen ins Bild ‚eingeschrieben bzw. eingemalt' werden. Durch diese harte Grenzsetzung hatte ich - zumindest bei Leonie - etwas zerstört, was eine unerwartete Wende einleitete. Entsprachen die ersten drei Bilder von Leonie noch dem sehr expressiv - nonfiguralen Malduktus ihrer Stimmung, begann sich mit dem 3. schweigenden Redebild, sowohl Stimmung als auch Malweise bei ihr radikal zu ändern.

 

Die Handlungsanweisung für das 4.Bild lautete:
Ein hässliches Bild malen!

Leonie malte ein hexenartiges Profil, das sich in die schwarze Bildfläche reinschiebt. Die Nase ragt nashornartig und scharf wie eine Messerklinge ins Schwarz hinein:

bild leonie

Ab diesem 4. hässlichen Bild findet sie plötzlich auch bei dem 5. Bild die Musik blöd, malt abwehrend lustlos schwarze Zickzacklinien auf zwei weiße Flächen, um im 6. Bild "malen wie man sich gerade fühlt" mit einer knallroten Fläche zu antworten, in die sie ein aggressives Dreieck setzt. Gleichzeitig verkündet sie lautstark, dass sie sich jetzt auf ihre Mathehausaufgaben freue. Sie weigert sich ihr Gefühl zu malen, doch die roten Zickzacklinien sprechen für sich! Ihr Widerstand- das bewusst Vermiedene, nämlich ihr Gefühl zu malen, hat sich als Unbewusstes ins Bild geschlichen. Es gibt wohl kaum eine spannungsvollere Farbe für Gefühlsenergien wie Rot. (Nicht nur laut C.G. Jung ist Rot die Farbe affektiver Libido)

Pause

Beim anschließenden Versuch während der Teepause über die Bilder zu sprechen, erzählt sie knapp, dass sie eine Frau gemalt hätte, die so hochmütig und arrogant sei wie die Frau, die mit ihr im Chor sänge - sie mag diese Frau überhaupt nicht, müsse aber mit dieser Frau immer abends vom Chor zurück nach Hause fahren, weil es abends schon so spät sei.
Ihre Mutter hätte auch in dem Chor gesungen, aber wegen dieser Frau aufgehört und jetzt müsse sie, Leonie, immer allein mit ihr fahren.
Ich frage etwas bohrend weiter, wieso ihre Mutter sie denn zwinge mit einer Frau zu fahren, die sie selbst unsympathisch fände und die der Grund dafür sei, weshalb selbst ihre Mutter nicht mehr zum Chor ginge?
Leonie wird abwehrend und im Laufe des Dialogs immer ungehaltener: "das ist doch egal... und wieso ist das jetzt alles so wichtig?"
Sie hätte ein hässliches Bild gemalt und damit "basta!" Schlagartig beginnt sie sich zu verschließen, verschränkt ihre Arme vor den Bauch. Meine direkten, zweifelnden Fragen haben offenbar etwas in ihr geblockt. Der Dialog zwischen Leonie und mir hat etwas Kämpferisches; die anderen beiden hören schweigend zu!

Leonie geht in den Rückzug und baut eine fühlbare Distanz zu mir, dann auch zu ihren Freundinnen Susanne und Marlene auf.

Der schützende Rückzug setzt sich fort: Sie entzieht sich der gesamten Situation, in dem sie aufräumt und beginnt abzuwaschen: Pinsel, Geschirr etc. Sie verschanzt sich förmlich hinter der Spüle, bemerkt zufällig einen winzigen Farbfleck auf ihrer Hose, an dem sie akribisch, fast zwanghaft, versucht zu reiben, um ihn auszuwaschen.

der Fleck

Der Fleck scheint für Leonie zu einem kleinen Übertragungsobjekt geworden zu sein, etwas Haftend-Hässliches, eine unbewusste Selbstbeschmutzung; etwas, was sich nicht wegwaschen lässt. Der Kontakt zu Marlene und Susanne ist abgebrochen. Die beiden gehen zusammen - Leonie bleibt allein - mit ihrem Fleck und mir zurück.

Assoziationen zu Leonie

Meine Fragen haben offenkundig etwas berührt, was sie schneckenmäßig zurückziehen ließ. War es die sich selbst nicht gestattete Wut auf die Mutter, die sie jetzt auf mich transponiert? (Plötzlich komme ich mir vor wie die Frau mit der Nashornnase, die ihre Nase in alles hineinsteckt, was sie nichts angeht. Als hätte sie mich mit der hässlichen Frau gemeint - die negativen Anteile - Leonie schützt das gute Bild ihrer Mutter)

Leonies Phantasie vom "Hässlichen" ist in ihrem Bild Gestalt geworden, in jener Frau, von der sie erzählte, hat sich ihr "Hässliches" verkörpert. Dem Kopf - sie spricht von einer Hexe - hat sie allerdings keine Hakennase gemalt, sondern fast umgekehrt, besteht der Kopf formal aus einer enormen Nashornnase, mit dazugehöriger Warze. Diese Nase ist wie ein Angriffsorgan (= Nashorn). Phallische Assoziationen werden wach und Angriffslust paart sich mit Deprimiertheit/Melancholie angesichts des Gesichtsausdrucks dieser Gestalt.

Man muss aber zuerst die Tendenz des Konkretisierens überwinden, mit anderen Worten, man darf die Phantasien, sobald man an die Frage der Deutung herantritt nicht wörtlich nehmen. Ja, solange wir im Erleben der Phantasie begriffen sind, kann man sie nicht wörtlich genug nehmen, wenn wir sie aber verstehen wollen, dann dürfen wir den Schein, eben das Phantasiebild, nicht für das dahinter liegende Wirkende halten. Der Schein ist nicht die Sache selber, sondern bloß der Ausdruck .... gesetzt für etwas Unbekanntes, aber Wirkliches! ( C.G. Jung, Beziehungen zwischen Ich und Unbewussten)

Was aber ist das Hässliche, Unbekannte, welches Wirkliche arbeitet hinter dem Schein, zeigt sich als bloßer Ausdruck der Phantasie Leonies?

Setze ich den Focus ‚nur' auf das "hässliche" Bild als Ausdruck ihrer Phantasie und berücksichtige das von Leonie Erzählte dazu, so könnte es sich bei dem Nashornkopf um mögliche "hässliche/böse"
Selbstanteile bzw. introjizierte Objektanteile von Leonie handeln, die sie abwehrt und infolgedessen auf diese Person bzw. das Bild projiziert. Melanie Klein beschreibt diese Dialektik von Introjektion und Projektion von guten und bösen Objekten dergestalt, dass z.B. das phantasierte "böse" Objekt projiziert wird, als ob der Trieb oder Affekt sich notwendigerweise in einem Objekt verkörpern müsste, um ausgeschieden zu werden.

Nun besteht das Bild nicht nur aus dieser nashornigen Kopffigur, sondern auch aus einer schwarzen Fläche, die mehr als die Hälfte des Bildraums einnimmt und in die das Horn hineinstößt.
Was ist diese schwarze Fläche, was verbirgt sich hinter bzw. in ihr? Oder wird etwas mit dem Schwarz geschützt?
In der Un-Farbe Schwarz mischt sich symbolwertig Trauer, Angst, Depression mit dem psychischem Abwehrmechanismus des Verbergens/Versteckens - eine Schutzfunktion.

Schwarze Flächen tauchen bei Leonie auch in späteren Übungen immer wieder auf, um etwas verschwinden zu lassen, aber auch um dadurch Stabilität zu erlangen.
Sie entzieht es dem Blick, deckt Unangenehmes oder Hässliches damit zu und schützt so auch evtl. Unaushaltbares.
Das Unbewusste führt ihre Hand, wenn sie immer wieder erfahren muss, dass sich die Farben wie von selbst ins Dunkle hinein mischen

Mit einem spekulativen ‚Vielleicht' gedeutet, könnte bei Leonie eine frühe schmerzhafte Verletzung vorliegen, in deren Wunde stets herumgebohrt wurde. Ihr Bemühen diesen Schmerz/Trauer zu verbergen und sich immer wieder neu schützen zu müssen, davon erzählt vielleicht ihr Bild.
Eine andere Lesart des Bildes wäre jedoch die Nashornnase als ihren eigenen Anteil anzusehen.
Gerade für den Individuationsprozess, der sich während der Adoleszenz verdichtet, sind die schwarzen Aspekte, also die unbeleuchteten, d.h. verdrängten oder unbekannten Seelenanteile, als wesentlich zu betrachten.
Erweitere ich den Blick von diesem einen " hässlichen" Bild und setze es in den lebendigen Kontext der Gesamtsituation, fällt mir folgendes auf:
Leonies anfänglich redselige, expressive und Kontakt suchende Art drückte sich entsprechend malerisch in ihre ersten drei Bildern aus. Schlagartig änderte es sich, als ich bestimmte, alles Sprechende, alle Wörter schweigend ins Bild zu malen.
Damit hatte ich den Kontakt, den Leonie permanent zu Marlene suchte, abgeschnitten und sie auf sich selbst zurückgeworfen.

Leonie fühlte sich allein gelassen, was sich sofort in einer trotzigen Haltung niederschlug Nach dem 4. "hässlichen" Bild machten wir die Pause, in der sie von der " hässlichen" Frau erzählte. Ab diesem Zeitpunkt begann sich auch ihre Malweise drastisch zu ändern - eine Art Dominoeffekt von Abwehrreaktionen: In den nachfolgenden Bildern werden sie - nach dem figurativen Dreieck des Nashornkopfes - als geometrische abstrakte Formen sichtbar: wütende Zickzacklinien, Spitzen und Dreiecke - interessanterweise auf weißen, rosa und roten Untergründen.

Gleichzeitig verschließt sich Leonie, geht in den Rückzug und beginnt einen kleinen, kaum sichtbaren Farbfleck an ihrer Hose - fast zwanghaft - auszuwaschen.

Die anfänglich positiv-expressive Gefühlswallung schlägt um durch eine Grenzsetzung meinerseits, die Leonie auf sich selbst zurückwirft! Sie fühlt sich bedroht (= Nashornnase) und reagiert mit beleidigtem Rückzug und Wut auf mich? (s. letztes Bild/ rote Fläche!), die als Affekt aufs Bild projiziert wird.

Das Verlassensein - Gefühl, noch verstärkt dadurch, dass die beiden Freundinnen ohne sie gehen, überschwemmt Leonie.

Reflexionen zur Übertragungsdynamik

Schweigen im Redebild Reden im Schweigebild

Möglich, dass sich durch diese Übung eine Übertragungsdynamik gestrickt hat, die ich versuche jetzt im Schreiben ein wenig auf zu rebbeln. In der damaligen Situation war ich eher unbewusst Agierende. Vergegenwärtige ich mir noch einmal die Dynamik des Geschehens : Ich setze eine scharfe Grenze (Redeverbot-Schweigebild), die Leonies bemühten Redefluss um Nähe/Verbindung zu Marlene kappt/abschneidet. Ein dramatischer Akt, der an das Zerschneiden einer Nabelschnur erinnert.

Ich fühlte mich ein wenig gewalttätig in diesem strikten Unterbinden und habe dadurch vielleicht bewirkt, dass Lara mit dem 4. Bild der "bösen" Hexe ihre "bösen" Mutteranteile auf mich übertragen konnte.

Mir fallen die wiederholten Trennungen ein, die Leonie und ihr Bruder Max durch die Klinikaufenthalte ihrer Mutter verkraften musste - auf sich allein gestellt - Hänsel und Gretel! Sie werden bei "einer bösen Hexe" untergebracht. Dieses Verlassensein von der Mutter war bedrohlich und hat Angst ausgelöst, die später vielleicht zu einem Angstwutgemisch wurde. Die ohnmächtige Angst, von der Mutter verlassen zu werden und gleichzeitig die Wut auf die Mutter, dass sie dies tut und immer wieder tut. Eine Wut, die nicht zugelassen werden darf. So wird alles dafür getan, dass das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleibt. Die "bösen" Anteile müssen abgespalten und nach außen - auf ein anderes Objekt - projiziert werden, um die starke innere Spannung abzuwehren!

In dieser Beziehungslosigkeit, dem Zustand der Trennung, spürt Leonie den inneren Druck, den Schmerz und richtet ihre Wut erst auf das "hässliche" Bild, dann auf mich (Übertragung!) Als ich danach auch noch die "gute" Mutter in Frage stelle bzw. anzweifele (s. meine bohrenden Fragen), entsteht ein so starker innerer Konflikt, dass Leonie in den regressiven Rückzug flüchtet. Ich hatte durch mein Fragen und Nachhaken den Abwehrschutz des Bildes, in dem Leonie das "Hässliche" gebannt oder wie M. Klein sagt, in dem "das böse Objekt verkörpert" war, angebohrt/bedroht. Nicht gerade ein therapeutisches Verhalten meinerseits und doch klärte es viel.

Die Bindung nicht verlieren, alles dafür tun bis hin zur Verleugnung der eigenen Wut/Aggression gegen die Mutter, die abgespalten werden muss, damit das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleiben kann.

Rückblickend kommt mir meine Deutungsakrobatik wie eine Wahrnehmungswucherung vor, die nach etwas handfestem sucht. Natürlich wurde sie nicht von Leonie bestätigt ( therapeutischer Fauxpas!). Vielleicht war dies aber gerade ein Indiz dafür, dass hier etwas von meinem Verhältnis zu meiner Mutter sich dazwischen geschoben hatte.

Doch zu jenem Zeitpunkt des Gruppengeschehens - in der 1. Phase - konnte ich meine Gegenübertragungsanteile noch nicht wahrnehmen. Trotzdem wird deutlich, dass in diesem eben beschriebenen ("kunsttherapeutischen") Prozess durch die Bildübung zwischen mir und Leonie eine trianguläre Beziehung entstanden war. Diese Präsenz ist von sinnlicher Dauer - sie ist gegenwärtig, visuell und haptisch wahrnehmbar. Nach meinem heutigen Kenntnisstand würde ich das, was im Bild als Konstruktion dieser Konstellation erscheint, eben auch als erzeugte Übertragungen und Gegenübertragungen ansehen. An einem weiteren Beispiel möchte ich das verdeutlichen.

Ganzkörperbild - 25.05.05

Anwesend: Susanne, Marlene, Nicole und Leonie
(Nicole - 15 Minuten verspätet)

Übung

Jede hilft der anderen ihren Körper am Boden auf Packpapier mit Jaxon - Kreiden zu konturieren. Die Körperkontur soll anschließend von jeder, wie ein Gefäß, mit den Gefühlsfarben/Stimmungen, die gerade präsent sind, gefüllt werden.

Angestrebte Erfahrung

Durch den bereits vorgegebenen Rahmen für den eigenen Körper bzw. der Grenze zwischen "innen" und "außen" wird das freie Malen erleichtert. Selbsterfahrung auf der Ebene der Wahrnehmung von eigenen verborgenen Gefühlen/Wünschen. Das Innen und Außen des Bildes kann in Beziehung zur eigenen Person gesetzt werden und sich im Verlauf ändern. Gruppendynamisch stellt sich durch das anfängliche paarweise Zusammenarbeiten eine körperliche Nähe/Berührung her.

Bildprozess

Leonie und Marlene arbeiten zusammen und ich konturiere Susannes Körper. Als Nicole kommt, löst mich Susanne ab. Marlene beginnt sich für das Ausmalen am Boden einzurichten. Leonie hat sich eine eigene Ecke gesucht. Nicole arbeitet wieder rechts neben Susanne an der Wand - wie das letzte Mal.

Während des Malprozesses schielt Nicole immer wieder verstohlen zu Susannes Bild. Wieder benutzt sie Susannes Farben ( Blau, Hellgelb, Rot), wodurch sich Ähnlichkeiten in beiden Bilder überkreuz herstellen:
Hände bei Susanne + Korpus bei Nicole= hellgelb Füße bei Susanne + Hände bei Nicole= schwarz beide Köpfe= zinnoberrot

Den hellgelben Körper bestempelt Nicole ebenfalls in zinnoberrot, nachdem sie es bei Marlene gesehen hat, mit einem kleinen Schwämmchen.

Assoziationen zu Nicole

Wiederholt fällt Nicoles imitatives Malverhalten auf. Als würde sie darüber eine Nähe oder Verbindung zu Susanne bzw. Marlene herstellen, in dem sie deren Farben und Formen benutzt. Möglich ist, dass der Neid bei ihr eine große Rolle spielt. Signifikant spiegelt sich das in der hellgelben* Farbe, die sie für ihren ganzen Körper im Bild benutzt hat. Durch den Kontrast vor dunkelblauen Hintergrund, springt ihr hellgelber Körper noch mehr ins Auge und läßt ihre reale Leibesfülle fast leuchten. Nicole will ganz offensichtlich gesehen werden und bekommt nicht genug. Ihren gelben Körper hat sie auch in diesem Bild "bestempelt", diesmal nicht mit den Händen wie im Gruppenbild, sondern mit einem Schwämmchen und roter Farbe. Diese Spuren auf dem Körper erinnerten mich in ihrem Musterhaften auch an Stigmata, aussätzige Wundmale.

Für ihren Kopf wählte Nicole Zinnoberrot, dieselbe Farbe, die sie schon für ihre Hände im Gruppenbild benutzt hatte. Rot - die Farbe der Gefühlsausbrüche; wenn vor Wut die Röte in den Kopf steigt, man die Kontrolle verliert, "rot sieht" oder gar sich schämt. ‚Zinnober machen' wird umgangssprachlich auch im Sinne von "viel Aufsehen erregen wegen etwas Wertlosem, Unsinnigem" verwendet.

Insgesamt machte Nicole auf mich den Eindruck, als würden sich bei ihr vielfältige Gefühle, von der Wut bis zur Scham, tatsächlich stauen. Sie wirkte auf eine Weise so emotional neutral und unauffällig, als würde sie sich permanent kontrollieren, andererseits brach immer wieder dieses grenzüberschreitende, übergriffige Verhalten bei ihr durch. Sie bediente sich dann aus den Farbtöpfen der anderen, wollte genau das haben, was andere haben, legte dreckige Pinsel und Farbtöpfe auf meinem Arbeitsplatz ab. In ihrem Bild taucht noch ein zweiter roter (Kopf-)Ball im blauen Hintergrund auf, der sich wie ein Satellit zum Kopf verhält. "Das ist eine Sonne !" (Zit. Nicole) - das einzige Statement zu ihrem Bild, zu dem sie mehr nicht sagen will! Die schwarzen Hände wirken wie eine Negation d.h. auch jene Handlung bzw. das, was die Hände tun, wird "trauernd" verdeckt. Insgesamt wirkt die Armhaltung abwehrend und hinter dem rechten Arm versteckt sich der feuerrote Kopf, der vielleicht auch von dem Arm geschützt wird. Die feurig orangene Hitze staut sich im Kopf und das Bild schlägt sofort die Brücke zu zornigen, hochroten Köpfen.

* Gelb ist eine zwiespältige Farbe: Einerseits steht sie für sonnige Lebensfreude und Optimismus, andererseits wird mit ihr Neid, Missgunst, Ärger und Verlogenheit verbunden. Zudem symbolisiert die Farbe kollektiv - unbewußt Geächtete und Ausgegrenzte. Im Mittelalter mussten Prostituierte und Mütter unehelicher Kinder gelbe Markierungen tragen - ähnlich wie Juden durch den gelben Judenstern während des Nationalsozialismus ausgegrenzt wurden.

Nicoles Hände

Da Nicoles Hände in meinen Augen eine so exponierte Rolle in den bisherigen Bildprozessen spielten, möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bedeutung von Händen eingehen.

Exkurs ‚Hände'

Die Hand ist als Symbol aus vielfältigen kulturellen Kontexten bekannt. Wie schon Höhlenmalereien zeigen, handelt es sich um einen archaischen Drang, die eigene individuelle Präsenz zu visualisieren - etwas, was im Kollektiv - Unbewussten weiter wirkt.

Entwicklungspsychologisch betrachtet, kommt der Hand - nach dem Mund- als Tast-, Greif- und Kontaktorgan wesentliche Bedeutung zu. Mit dem Mund bzw. der Hand wird vom Säugling der erste Kontakt in der Symbiose mit der Mutter hergestellt. Im 1.Lebensjahr, dem primären Zustand entwickelt das Kind sein bindungssuchendes Verhalten. Über die Suche nach Nahrung, verknüpft mit oraler Lust entsteht Kontakt/Nähe - oder aber eben kein Kontakt. D.h. was am Anfang die Mutterbrust, sind später die Dinge der Welt, was anfangs der Mund, sind später die Hände. Mit den Händen wird Welt be-griffen und Kontakt aufgenommen (s. oral - kaptative Phase), indem alle möglichen Dinge in den Mund bzw. in die Hand genommen werden. Es ist eine Weise der Weltaneignung, in der sich gleichermaßen eine Subjekt-Objektdifferenzierung vollzieht. Erikson bringt diese Phase des 1.Lebenjahrs mit dem Motto: "ich bin, was ich bekomme" auf den Punkt.

Inwieweit sich Verbindungen zur oralen Phase bei Nicole herleiten ließen, in dem Sinne, dass sie vielleicht nicht genug guter Kontakt mit der Mutter hatte oder, ob Störungen in dieser Phase der mögliche Schlüssel zum Verständnis ihrer kleinen Diebstähle lag - diese Fragen gärten in mir weiter!

Bildprozess/ Leonie

Leonie beginnt ihre Figur flächig auszumalen, den Kopf gelb, den Oberkörper orange, den Unterkörper rot. Dabei entsteht eine scharfe Mittellinie auf Nabelhöhe, zwischen oberer und unterer Körperhälfte. Als von der oberen orangenen Fläche durch den flüssigen Farbauftrag eine Farbträne in den unteren roten Bereich rollt, versucht Leonie verzweifelt diese Farbträne aufzuhalten, doch es bleibt eine verwischte Tränenspur. Leonie wird wütend, gerät außer sich, findet ihr Bild plötzlich "hässlich" und beginnt mit dem Pinsel auf diese "hässliche" Stelle im Bild einzupeitschen. Ihre Wut steigert sich derart, dass sie die obere orangene Farbe mit beiden Händen nach unten schmiert und dabei, fast als würde sie sich selbst kasteien, skandiert "hässlich, hässlich, hässlich". Sie greift zu schwarzer Farbe und fängt an das Bild damit zu übermalen. Leonie wirkt in ihrem körperlichen Gestus ‚außer sich'. Mir verschlägt es die Sprache angesichts dieser vulkanisch geladenen Energie, die aus Leonie heraus bricht. Bislang war es immer Marlene gewesen, die sehr expressiv ihren jeweiligen Launen in der Gruppe Ausdruck gab. (Sind Susanne und Marlene etwa die beiden schwarzen Flügel? Stütze und dichotome Anteile von Leonie?)

In diesem "heißen" Moment spüre ich den Impuls, Leonie vor irgendetwas bewahren zu müssen. Vielleicht davor, dass sie ihr Bild mit dem Schwarz vollständig zudeckt? Bewahren vor der Zerstörung? Ein mütterlich sorgender Akt? Spontan trete ich hinter sie und halte sie an ihren Schultern. Durch diesen körperlichen Kontakt, diese Berührung, hole ich sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. Ich spüre, wie die Spannung langsam aus ihrem Körper weicht und bitte sie leise, zwei oder drei Schritte von ihrem Bild zurückzutreten. Meine Hände liegen noch immer auf ihren Schultern. Wir stehen eine Weile ruhig hintereinander, der Atem wird tiefer. Ihr Bild ist das Gegenüber - die andere Leonie, ihr anderes.

Mir fällt dazu eine Familienaufstellung von mir ein, in der ich anfangs allein stand, unstabil durch eine Konfrontation - bis "meine aufgestellte Mutter" hinter mich gestellt wurde als stabilisierende Verstärkung, ein Gefühl, das ich durch meine eigene Mutter so nie erfahren hatte...

Die anderen Mädchen sind dazu gekommen und betrachten auch Leonies Bild. Offensichtlich spüren alle, dass hier etwas für Leonie sehr Wesentliches passiert ist. Die anderen finden, dass die Figur durch das Verwischen des Oranges jetzt viel wilder und lebendiger wirkt. Und was ist mit dem großen linke schwarzen Fleck? Der könnte sich ja auch zu einem Flügel auswachsen; und mit einem zweiten Flügel würde die Figur zu einem Engel werden. Ich erzähle die Geschichte Luzifers, dem Lichtbringer, der später fälschlicherweise durch den biblischen Kontext seinen Namen dem Teufel leihen muss, ein gefallener, verstoßener Engel - Leonie gefällt dies von allen zusammen gesponnene Bild. Sie wirkt jetzt, durch die Anerkennung der anderen, ganz gelöst, fühlt sich gesehen und getragen. Sie kann ihr Bild so stehen lassen wie es ist.
Nur den zweiten schwarzen Flügel möchte sie rechts noch dazu malen - wegen der Balance.

Assoziationen zu Leonie

Als sei die gemalte Figur in Leonies Bild zum Spiegel geworden. Die Farbkomposition spiegelt das ganze, eben Erlebte, noch mal zurück: Die ganze Figur gleicht einer lodernden Flamme. die Hilfe rufend die Arme empor reißt, als würde sie verbrennen. Die von unten aufsteigende rot-orange-gelbe Farbströmung in der Figur zeichnet das feurige Wüten Leonies, ihre vitale Aggressivität aber auch eine warme bis leidenschaftliche Lebendigkeit nach. Das Schwarz als Verdränger und gleichzeitiger Ich-Stabilisator. Das Blau reflektiert das Zurücktreten vom Bild, wo aus einer relativ sicheren Distanz der Blick und die Emotionen geklärt werden konnten.

Fragen, Fragen, Fragen.....

Mich beschäftigt die Frage, was Leonie mit dem "Hässlichen" abwehrt bzw. abspaltet. Das Hässliche entspricht jenen eigenen dunklen Schattenanteilen, die mit tiefer Trauer, Schwäche, Neid (?), aber auch unkontrollierten, schamvollen Emotionsausbrüchen und der Angst in Verbindung stehen. Das Hässliche soll verdeckt werden, obwohl es gesehen werden will.

Durch das Erleben mit und in dem Bild fungierte das Bild als eine Art Katalysator. Hier wurde das "Hässliche"/Negative umgewandelt wie in einem alchimistischen Prozess (C. G. Jung). Die Wut und das Schwarz konnten zugelassen werden. Die anfängliche Zerstörung (=schwarze Übermalung) wurde umgewandelt zu etwas Neuem(= schwarze Flügel), das eher aufbauend und stabilisierend ist.
Die Destruktion ist im Bild nach wie vor sichtbar. In gewissem Sinne hatte das Bild die Wut von Leonie sich "einverleibt" und sie ihr damit abgenommen.

Aber waren diese heiß-kalten Stimmungswechsel bei Leonie eventuell auch auf das Borderline - Milieu ihrer Mutter zurückzuführen, dem sie und ihr Bruder tagtäglich ausgesetzt waren? Oder wurden gar die starken Emotionen zu Hause von der Mutter besetzt, so dass Leonie eher die Rolle der Sorge tragenden, sich kümmernden Mutter übernahm, aus Angst vor einer erneuten Trennung, eines Verlassenwerdens (erneuter Klinikaufenthalt der Mutter)?
Sollte die leidvolle Erfahrung des Verlassenwerdens, des Nichtgesehenwerdens seitens ihrer Mutter, die sie vielleicht abgespaltet hatte, traumatisierende Spuren in ihr hinterlassen haben?
Fragen, Fragen, Fragen und kreisende Spekulationen - in mir sucht es nach dem Dingfesten. Soll das etwa heißen, ich will etwas beweisen? Oder soll etwas wirklich werden, was in meinem Kopf kreist und nach Projektionsflächen im Äußeren sucht?
Vielleicht ist ja alles ganz anders.... Was projiziere ich - was sind meine Anteile an diesem ganzen Geschehen - wie finde ich das heraus?

Gegenübertragung

Es taucht noch etwas anderes auf - was mir auf identifikatorische Weise bei Leonie bekannt vorkommt:
das ‚Nicht-gut-genug-sein' und der daraus resultierende Druck der Perfektion, weil nur dadurch Legitimation vor der Mutter und der Welt zu erlangen ist...

Meine Form - 22.08.05

Anwesend: Leonie, Marlene, Nicole und Susanne

Übung

Jede soll sich eine geometrische Form wählen, mit der sie sich verbunden fühlt: Kreis, Quadrat, Dreieck, Rechteck, Oval.

Bildprozess

Leonie begann das Papierformat mit einem großen aufrechten Dreieck einzuteilen, so dass drei Dreiecke entstehen:

Das mittlere Dreieck malt sie blau aus, auch die anderen beiden. Plötzlich setzt sie Rot in die Mitte des mittleren vormals dunkelblauen Dreiecks - die Farben mischen sich zu Dunkelviolett. In der Mitte bleibt ein undeutliches rotes Dreieck stehen. Sie fängt noch einmal an - auf einem neuen Blatt. Jetzt malt sie die Ränder des Blattes rot, das innere Feld gelb und dunkelblau. Sie malt wütend mit heftiger Gestik und sehr schnell - übermalt dann den roten Rahmen mit Schwarz, weil "das Rot ist hässlich!" "Alles hässliche Rot muss verschwinden!" (Zit. Leonie)

"Rot ist hässlich!"

Wir können aus dem Beispiel ableiten, dass Rot ein starkes Symbol für Gefühle sein kann. Stark in jeder Hinsicht, auch in der Anstrengung, es abzuwehren....wenn es Aufgabe der Psychotherapien ist, an und mit Gefühlen zu arbeiten, dann liegt das Problem auf der Hand: die Erinnerung an das Verdrängte ist nur Teil des Heilungsprozesses...." (Zit. G. Bommersheim)

Leonie ist unzufrieden mit sich und strahlt etwas rigide Unerbittliches aus. Sie kann einfach nicht begreifen, warum sie immer mit hellen leuchtenden Farben anfängt, die dann - wie von selbst - immer dunkler werden. Ich schlage ihr vor, es einfach mal in umgekehrter Reihenfolge zu versuchen. Sie probiert es im dritten Versuch: Nachdem sie die Farben Rot, Blau, Grün gemalt hat, überdeckt sie diese mit Weiß.
Es entstehen pastellene Farbtöne. Bezeichnerderweise wählte sie als ihre Form jetzt den Kreis. Ihre Stimmung ist leichter und flüssiger geworden. Vielleicht durch das Weiß, das die dunklen, kraftvollen Farben abmildert, ihnen die Schärfe und vielleicht sogar das Bedrohliche nimmt.
Vielleicht aber auch, weil während des Malprozesses am Tisch eine entspannt liebevoll witzelnde Atmosphäre zwischen den Mädchen entstanden ist.
Ich erzähle anhand von verschiedenen Beispielen, warum es nichts Hässliches in der Kunst gibt, und so wird schließlich vereinbart, dass das Wort "hässlich" zu behandeln wie manch einen Hund "Bitte draußen bleiben!"
Der Humor schafft bei Leonie eine kleine Distanz, durch die sie über sich und ihr "hässlich" selbst zu lachen beginnt.
Sie ist der rigiden Selbstabwertung offenbar nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert, denn am Ende der Übung, als jede ein Bild auswählen und aufhängen soll, wählt Leonie signifikanterweise mit einem spitzbübischen Lächeln gerade das erste Bild aus: das "hässliche Rot".

Assoziationen zu Leonie

"Hässlich" hat sie in dieser Übung an die Farbe Rot gebunden - zwischendurch betonte sie immer wieder, dass Blau ihre Lieblingsfarbe sei - der distanzierte Gegenpol?
Wovon spricht dieses Rot, was so tief in der Seele der so coolen Leonie sitzt. Mir fiel im Laufe der Zeit immer mehr auf, dass sich Leonie offenbar unbewusst auch in ihrer Freundinnen - Wahl an den Farbtemperamenten Rot und Blau orientiert hatte.
Vielleicht lebte Marlene Leonies ‚Rote Innenseiten' aus, wohingegen Susanne mit ihrem kühl distanzierten Wesen eher Leonies Blaugrünanteile übernahm? In Marlenes Wesen steckte etwas unglaublich Wild-Erotisches. Ihre Art zu malen, aber auch ihr sonstiges Verhalten war sehr direkt emotional und physisch. Manchmal rollte sie plötzlich auf dem Boden durch das Atelier, fast hysterisch schreiend oder lachend, erzählte schwärmerisch von süßen Jungs an der Bushaltestelle und ließ ihren begehrlichen Phantasien ungezügelten Lauf.
Leonie schien fast ein wenig berauscht von Marlenes Gefühlswirbeln, um sie dann gleichermaßen sehr vernünftlerisch erwachsen zu Recht zu weisen. Andererseits verhielt sich Marlene sehr kooperativ und verantwortlich warm den anderen gegenüber.

Susanne hingegen, war sehr distanziert, redete wenig und wirkte ein wenig kühl. Innerhalb der Gruppe schien sie immer ein wenig in ihrem eigenen Kokon zu bleiben, arbeitete meist still und hoch konzentriert und gab sich hinsichtlich Bildentscheidungen sehr selbstsicher und eigen. An der Seite von Leonie schien sie i. G. zur ‚roten' Marlene, den blauen Farbwert zu übernehmen.

Die Ambivalenz, die dem Rot innewohnt, nämlich einerseits eine warme, ganz dicht heranrückende Farbe zu sein, andererseits eine, die sich als ein Gefühltes von Innen nach Außen bewegt und in dieser Dynamik einen Gefühlskokon abwickelt, sei es Aggressions - oder Liebeswallung, führt möglicherweise auf die verdrängte Spur in Leonies Gefühlsbereich.

Es geht auch darum, das Erinnerte mit dem dazugehörenden Gefühl in Verbindung zu bringen, aufzuladen. Bestimmte Farben und/oder Farbverbindungen können uns auf die Spur des verdrängten Gefühls bringen.... Nach der aktiven Verwendung einer vermiedenen Farbe, kann der Gefühlsbereich, der damit in Zusammenhang steht, erschlossen und aktiviert werden ( Zit. G.Bommersheim)

Das Rot tauchte immer massiver in ihren Bildern auf, obwohl bzw. gerade, weil es als "hässlich" apostrophiert und weggedrängt werden sollte.

Tastporträt - 24.08.05

Anwesend: Leonie, Nicole und Marlene

Übung

1. Teil : Wahrnehmungsübung
Mit geschlossenen Augen erkunden beide Hände, allerdings nur mit den Fingerspitzen, das eigene Gesicht. Vom Haaransatz über Stirn, Augenbrauen, Augenhöhlen, Nasenwurzel etc. hin bis zum Halsansatz. Am Ende der Übung ruht der Kopf in der Schale der beiden Hände.
Ich führe und begleite diese Wahrnehmungsübung durch Sprechen.

2. Teil: tastendes Zeichnen
Anschließend wiederholt nur eine Hand die Tastreise durch das Gesicht, während die andere parallel mit Kohle die Berührungslinien auf dem Papier seismografisch "aufzeichnet"

3.Teil/ Farbakzente setzen mit offenen Augen
Das eigene Bild soll in Ruhe betrachtet werden und
bestimmte Stellen der Zeichnung können mit Farbe betont werden - ohne das Porträt zu übermalen!

Angestrebte Erfahrung

Durch das ‚Sich-selbst-Betasten' entsteht eine gefühlte Beziehung zu sich selbst - jenseits der Augenkontrolle. Das entstehende Selbstbild kann in seiner visuellen Deformation durch die eigene Tasterfahrung besser akzeptiert werden.

Bildprozess/Leonie

Die Mädchen reagierten sehr unterschiedlich auf die Übung:
Leonie, die an diesem Tag sehr offen und weich war, genoss es, sich zu betasten und bei sich zu bleiben.
Ihr Tastporträt erinnerte an einen zarten am Papierrand verwurzelten Gnom.
Nach dem Augen öffnen und Anschauen des Bildes, stellte sich bei Leonie der kurz aufflammende Reflex ein, ihr Gesicht als "hässlich" zu bezeichnen, doch er wich einer lächelnden Verblüffung als alle anderen ihn als lieben kleinen Gnom aus dem Film "Herr der Ringe" assoziierten.

Während des 3.Teils der Aufgabe bemalte Leonie ihren Gnom fast zärtlich. Sehr vorsichtig und liebevoll legte sie schraffierend grüne und hellgelbe Flächen in das Tastporträt...
Immer wieder entsponnen sich scherzende Gesprächsfäden, in denen es um die Vorstellung von Gnomen ging, die jede/r in sich trägt, frei nach dem Motto : Jedem sein Gnom!
Parallel und in der Pause fortgesetzt, erzählte Leonie von sich. Dass sie jetzt bald ein eigenes Zimmer bekäme..., zwar sei das Zimmer zurzeit noch Abstellraum, aber ihre Bilder würden dort schon hängen... und sie freue sich darauf.

Assoziationen zu Leonie

Leonies Stimmung erstaunte mich - ich hatte sie nie zuvor so durchlässig, weich und ausgeglichen erlebt.
Möglich, dass es mit der neuen Perspektive eines eigenen Zimmers zusammenhing. Interessanterweise hatte sie jetzt das Zimmer, was vor Wochen noch das idealisierte Wohnzimmer gewesen war, als das darstellen können, was es war: als Abstellraum.

Noch ein anderer Aspekt, der durch die Übung zum Vorschein gekommen war, schien mir etwas mit der Wahrnehmung zu tun zu haben. Ich selbst hatte bislang das Augenhandikap von Leonie verdrängt.
Vielleicht war es ja gerade die Fehlsichtigkeit bzw. das Sehhandikap was sie unter Druck setzte und sie zur Perfektion antrieb.

Insofern hatte die Blindzeichnung auch zu einer Druckentlastung bei ihr geführt: Sie musste nicht mehr perfekt und fehlerfrei arbeiten und ihre Sehschwäche durch einen überkontrollierenden Blick kompensieren, sondern konnte durch die Blindzeichung auch Schattenanteile, eben gnomische, zumindest zulassen, wenn vielleicht auch nicht akzeptieren.

Bildprozess/Nicole

Ganz anders als Leonie reagierte Nicole auf diese Übung. Sie tat sich schwer beim Betasten ihres Gesichts, schielte zwischen ihren Händen immer wieder zu den anderen rüber. Ab und zu erinnerte ich sie an die ‚Spielregel' der Aufgabe.
Doch ihr Blick schien sich durch die Finger fast magnetisch zu den anderen hin zu bewegen.
Als sie am Ende ihr getastetes Ergebnis auf dem Papier sah, war sie geschockt, verweigerte jedes Sprechen darüber und verlangte sehr dringlich nach den dicken Fettstiften, mit denen sie sofort die Zeichnung zu übermalen begann.

Erst nachdem Nicole ihr Blindporträt vollständig übermalt hatte, konnte sie über ihr Bild sprechen. Sie verwies auf die roten Spangen im Haar und die roten Ohrhänger, die ihre Mutter immer trage.

Assoziationen zu Nicole

Der Anblick ihres eigenen aus der Form geratenen Blindporträts war Nicole unerträglich.
Ich konnte ihre Erleichterung spüren, nachdem sie ihre Blindzeichnung sehr entschlossen mit den Fettstiften übermalt hatte. Sie liebte die Fettstifte und verlangte immer wieder nach ihnen. Sie symbolisierten ihre Sehnsucht nach ICH - Stabilität.

Blondschemagesicht und dicke rote Beeren

Durch die Übermalungen wollte sie ihr eigenes Tastporträt aufhübschen, doch tatsächlich war es nicht mehr ihres, sondern eine Mischung aus ihrem oft benutzten Blondschemagesicht, der idealisierten Mutterimago* und ihren eigenen Wutknoten. Die hübschen, roten Haarspangen entpuppten sich demnach als kleine Teufelshörnchen, die roten Ohrhänger erinnerten stark an die Schwimmblasen eines Frosches bzw. Hamsterbacken.

Die übermalenden Verschönerungsmaßnahmen zeigten ihr wütendes Teufelchen umso mehr, je mehr sie es verstecken will. Selbst die kleine rote Tulpe( links) schien eher zu eine spitze Dreizack- Waffe zu sein.

Nicole war es gelungen in der konsequenten Übermalung ihren wütenden Widerstand gegen mich und die Übung zu zeigen. Sprechen konnte und wollte sie darüber nicht.
Erst als die anderen Mädchen nach den roten Backen fragten, belehrte Nicole sie beleidigt: "Das sind rote Ohrringe!"
Mit der Übermalung hatte sie mir ein methodisches Mittel gezeigt. Übermalung als Widerstandsmittel, um im Widerstand gegen das andere, Vorgegebene die eigenen Gefühle erst einmal bildnerisch zu erleben, bevor sie wahrgenommen werden können.

*Der ‚Imago'- Begriff stammt von C.G. Jung und beschreibt ein erworbenes imaginäres Schema, das sich in den ersten intersubjektiven, realen und phantasierten Beziehungen im familiären Umfeld gebildet hat. Ein statisches Klischee, nach dem ein Subjekt den anderen erfasst: Mutter-,Vater- und Bruderimago. Die Imago lässt sich ebenso gut durch Gefühle, Verhaltensweisen und Bilder objektivieren. Es handelt sich aber nicht um eine Widerspiegelung des Realen. So kann die Imago einer schrecklichen Mutter sehr wohl mit einer real farblosen Mutter übereinstimmen und umgekehrt.

2. Gruppenbild: ‚Spiegelmandala' - 26.09.05

Anwesend: Leonie und Susanne, etwas später Marlene
Nicole, eine Stunde verspätet

Leonie und Susanne kommen freudig erregt im Atelier an, besonders Leonie.
Sie hält mir eine Grundrissskizze unter die Nase und erzählt, dass sie jetzt ihr eigenes Zimmer bekommt.
Während wir noch auf Marlene und Nicole warten, richten Leonie und Susanne auf dem Papier das Zimmer ein.
Leonie erklärt mir sehr genau, wo sie was hinstellen möchte. Ihr ‚neues' Zimmer ist das Wohnzimmer bzw. die familiäre Abstellkammer.

Übung

Als Hauptübung vor den Herbstferien hatte ich noch ein Gruppenbild vorgesehen, in dem die Gruppe sich noch einmal aufeinander beziehen sollte, um die zwei Ferienwochen zu überbrücken.

Jede sollte versuchen - spielerisch interaktiv - auf ihr Gegenüber zu achten, das Gemalte der anderen aufgreifen oder als weiterführende Inspiration für das Eigene sehen oder je nach Stimmung anders darauf reagieren - sei es durch Nachahmung, Kontrapunkt oder Negierung.

Angestrebte Erfahrung

Die Übung sensibilisiert die Wahrnehmung für den Anderen. Wie ein Austausch im Sinne eines Gruppenbildgesprächs zu zweit, allerdings mit dem Unterschied, dass jede von ihrer sicheren Malposition Zeichen ‚senden' bzw.‚empfangen' kann.

Bildprozess

Wir beziehen den Tisch mit Papier.
Leonie lehnt sich spontan mit ausgestreckten Armen über die mit Papier bezogene Tischplatte, Susanne und Marlene ebenso. Durch diese spontane Gestik, kommt mir die Idee, das Mandala wie eine Art Fortsetzung des ersten Gruppenbilds zu malen.
Jede sitzt an einer Tischseite, Hände und Arme werden umrandet. Leonie und Susanne sitzen sich gegenüber und beziehen sich aufeinander. Der Platz gegenüber von Marlene ist noch immer frei, weil Nicole noch nicht da ist.

gruppenbild S48

Leonie beginnt mit der rechten orangenen Sonne und lässt aus ihren Armen und Händen Bäume wachsen - sie wirkt sehr gemittet, greift klar und selbstbewußt zu den Farben, hoch konzentriert und - sie nimmt viel Raum ein, auf dem Papier.
Marlene dagegen, ist heute fahrig und lustlos und versucht während des Malens verbal ständig Kontakt zu Leonie herzustellen, was misslingt. Offenbar ist die Verbindung zwischen Leonie und Susanne heute zu innig und dadurch abgeschottet.
Doch Marlene versucht immer wieder zu Leonie eine Brücke zu bauen, erfindet sehr phantasievoll eine Übernachtungsverabredung mit ihr. Sie hätte für Leonie schon die Luftmatratze aufgebaut, und ob Leonie denn ihre Mutter informiert habe...?
Leonie ist irritiert. Letzten Endes stellt sich heraus, dass Marlene alles erfunden hat.
Eine eifersüchtige Inszenierung, um die Traurigkeit über das Ausgeschlossensein zu befrieden.
Der Versuch an Leonie anzudocken, spiegelt sich auch im Bild wieder, denn Marlene greift die Metamorphose Hand/Arm - Baum von Leonie auf.
Als Nicole nach einer Stunde Verspätung zur Gruppe kommt, flüstert sie mir als erstes leise zu, dass ihr zwei Backenzähne gezogen wurden und sie fünf Kilo abgenommen habe. Ein Geheimnis, was nach Bestätigung verlangt!

Sie setzt sich zu den anderen an den Tisch und beginnt eine kleine Palme zu malen.
Doch - wie schon so oft - hat sie nicht richtig zugehört und ich erkläre ihr die Übung noch mal. (Erst beim Erklären merke ich wie kompliziert die Aufgabe für Nicole sein muss und frage mich, warum ich eigentlich nicht einfach ein Gruppenbildgespräch gemacht habe!?).
Sehr lustlos deformierend "übernimmt" sie den Baum von Marlene und die rote amorphe Form mit dem schwarzen Kern. Anschließend ‚ist sie am Zug'. Sie setzt einen gelben und blauen Strich, den Marlene von ihr aufgreift, aber an die falsche Stelle setzt, nämlich unter den Baum. Nicole wird darüber ungehalten und ärgerlich. Sie fühlt sich ‚nicht richtig' gesehen und will jetzt auch nicht mehr auf die anderen achten (Trotz!).
Entsprechend ihres regressiven Gefühls malt sie auf den gelben und blauen waagerechten Strich unter ihre Palme eine kleine Inselszenerie mit kleinen Figürchen.
Trotz des Rückzugs auf ihre kleine Insel, möchte sie aber Aufmerksamkeit von den anderen und macht verschiedene Versuche, diese zu erreichen. Als sie z.B. eine Farbflasche braucht, ruft sie mehrmalig laut in die Runde:
"Wer gibt mir mal das Gelb?" Keiner bewegt sich...."Hol dir doch das Gelb!" Nicole muss selbst aktiv werden und aufstehen. Oder sie kleckst mal wieder auf ihre gute Hose, als würde sie aus dem Fleck und dem daraus resultierenden Auswaschen die entsprechende Portion Aufmerksamkeit für sich ziehen.
Sie beginnt sich im Gesicht zu bemalen und lacht ein wenig verschämt.

Leonie und Susanne sind im Malprozess sehr stark aufeinander bezogen, arbeiten beide gemeinsam an ihrer Welt (= Erdball). als würden sie auf ihrer grünen Spielwiese damit fangen spielen - die anderen beiden sind außen vor.

Assoziationen zu Leonie und Nicole

Die positive Botschaft von Leonie, ein eigenes Zimmer zu bekommen, beeinflusste intensiv den Mal- und Beziehungsprozess und das Verhalten Leonies. Susanne war ihre Komplizin in diesem neuen eigenen Gefühlsraum. Leonie hatte sich selbstbewußt und raumgreifend gegeben, was sich auch im Gruppenbild niederschlug. Ihre Gestik, mit den ausgestreckten Armen die Papierfläche einzunehmen, hatte mich mit Begeisterung infiziert, so dass ich spontan die Übung im Leonies Sinne erweiterte. Wieso hatte ich mich verführen lassen von Leonies überschwänglicher Stimmung?

Übertragung- die stolze Nebenmutter

In gewisser Weise hatte ich die raumgreifende Geste von Leonie i. S. einer Übertragung aufgegriffen. Hinzu kam, dass sich bei mir so etwas wie diffuser Stolz regte, als ich von Leonies eigenem Zimmer hörte. So deutete ich diese positive Veränderung auch als ein allmähliches Wirken unseres Gruppendaseins, an dem auch ich - quasi als stolze Nebenmutter - meinen Anteil hatte.

Dies Übertragungsgefühl setzte sich fort. Meine Aufmerksamkeit war viel stärker auf Leonie gerichtet als auf Nicole oder die anderen. Im Bild selbst zeigte sich m. E. der ICH-Zuwachs bei Leonie dadurch, dass sie aus Händen und Armen Bäume wachsen ließ - wenngleich Zwillingsbäume, die unten und oben verschmolzen und in der Stammmitte gespalten waren. Als hätte Leonie ihre enge Verbindung zu Susanne in den Zwillingsbäumen spiegeln wollen. Die Zwillingsbäume riefen in mir aber auch Leonies oft schwankende Beziehungsbindung zu ihren beiden so unterschiedlichen Freundinnen Marlene und Susanne wach.

Im Zweierspiel hatten Leonie und Susanne die Welt für die Gruppe entworfen und damit die Mitte (des Bildes) eingenommen - das war unübersehbar. Die beiden beherrschten ganz zentral die "Welt der Gruppe", zu der Marlene und Nicole eindeutig nicht gehörten. Marlene war von Anfang an in einer sehr melancholischen Stimmung gewesen, die ich bei ihr so noch nicht erlebt hatte. So wie sie Leonies Nähe suchte, erinnerte es mich eher an Leonies Verhalten aus früheren Zeiten - als hätte Marlene Leonie ein Gefühl abgenommen. Leonie hingegen ignorierte sie fast, als sie müsse sie die unverhohlen zur Schau getragene Traurigkeit von Marlene abwehren. Bei Nicole fiel mir nachträglich auf, dass ich offensichtlich ihren Stolz hinsichtlich ihres Zahn - und Kiloverlustes nicht genug gewürdigt hatte. Sollte ich sie dadurch, dass ich die stolze Mutter - Übertragung nicht angenommen hatte, in die Regression getrieben haben?
War ich zu stark auf Leonie konzentriert gewesen?
Nicole reagierte jedenfalls mit Taubheit und Regression in das Bild hinein: Unten rechts malte sie ihre eigene kleine Inselwelt- Palme, Sonne, Fische und einige Wurmfiguren.

Es fällt ins Auge, dass sie ihren linken Arm in demselben Blau malte wie die zentrale Weltkugel von Leonie und Susanne. Der Arm greift nach der Welt, nach draußen, möchte eine berührende Verbindung, wird jedoch ausgebremst von der roten, amorph umrandenden Fläche.

Es wunderte mich, dass der virulente Imitationsdrang Nicoles, der sich in den vergangenen Übungen immer wieder gezeigt hatte, gerade bei dieser Übung, die ja Nachahmung offen anbot, von Nicole verweigert wurde.

Ich empfand ihr Verhalten in der Deutung als zwiespältig: Suchte sie sich nun einen eigenen Ort, weil sie sich ausgeschlossen fühlte und nicht genug Zuwendung/ Aufmerksamkeit bekam oder war sie in der Gruppe ausgeschlossen und suchte sich deshalb einen Ort außerhalb? ‚Der eigene Ort außerhalb' tauchte auch noch in späteren Übungen bei Nicole auf.

Kritische Anmerkungen zur Übung

Im Nachhinein scheint mir diese Übung zu stark affirmativ gewesen zu sein. Die Aufgabenstellung war zu zielgerichtet und zu kompliziert in der Ausführung gewesen.
Sie implizierte stets gleichzeitig bei sich bzw. dem anderen zu sein, was eigentlich einer symbiotischen Matrix entspricht. Ich war der Übertragung von Leonie ohnmächtig ausgeliefert gewesen, was mich entsprechend an der Empathie für Nicole gehindert hatte.
Zwar war das Bild ästhetisch gelungen, setzte allerdings keine Ressourcen frei hinsichtlich der Beziehungsaufnahme in der Gruppe, sondern bildete nur 1:1 die bereits vorhandene gespaltene Gruppensituation ab, die auch bereits vor dem Malprozess bestand. Susanne und Leonie als Paar, sowie Marlene und Nicole als einzelne Abdrifter.
Durch Aufgabenstellung und Sitzordnung - je zwei gegenüber- am Tisch, wurde die Situation der klar definierten Zweiheit in der Gruppe nochmals potenziert und verstärkte auf der anderen Seite auch das Ausgeschlossensein der anderen ( Nicole und Marlene)

Zumindest beim Gruppenbild - vor den Ferien - wäre ein erneuter Versuch, mit den Mädchen ins Sprechen zu kommen, vielleicht fruchtbar gewesen. Doch ich hatte den starken Widerständen seitens der Mädchen nachgegeben, ohne den Widerstand selbst noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt zu thematisieren.
Die Tatsache, dass ich auf meinem Konzept beharrt hatte, noch vor den Ferien ein Gruppenbild zu malen, anstatt ganz grundsätzlich auf die von Leonie und Susanne "mitgebrachte Situation des eigenen Zimmers" bzw. den Zahn -und Kiloverlust von Nicole mit einer vollständig anderen Übung einzugehen, zeigt wie blind man auch bei selbst angeleiteten Wahrnehmungsübungen sein kann.

Geburtstagswunschbild für Nicole - 2.11.05

Da Nicole in den Ferien Geburtstag hatte, hatten wir verabredet, dass ihr Geburtstag in der Gruppe nachgefeiert wird. Nicole war dies ganz wichtig gewesen. Sie hatte mit ihrer Betreuerin Apfelkuchen gebacken.
Ich schenkte ihr eine Kleinigkeit und schlug vor, ein gemeinsames Wunschbild für Nicole zu malen. Ich beteiligte mich an dem Bild.

Leonie und Marlene bauten Schichttorten für Nicole. Susanne und ich malten duftige Blumen und Schmetterlinge. Die Massivität der Torten schien Nicole arg zu irritieren, denn sie schaute immer wieder ungläubig zu Leonie rüber. In ihrem Blick war etwas Ängstliches unterwegs, auch schien sie der Ehrlichkeit der Torte nicht zu trauen: Was war das für ein Wunsch von Leonie für Nicole? War es die große nährende Mutterbrust oder eine Rakete mit Zündschur? Die Aggressivität der roten Kerze war kaum zu übersehen.
Nicole selbst malte sich ein Haus. Viele sich kreuzende Feuerleitertreppen verbanden ein Fenster mit dem anderen. Trotzdem haftete dem Haus etwas Auswegloses an - es war kein sicherer Ort.

Ich fragte sie, ob dieses Haus ihr Wunsch-Ort wäre. Sie verneinte - sie wüsste auch nicht, wie dieses Durcheinander zustande gekommen sei. Nein, sie würde sich darin nicht wohl fühlen.
Ich schlug ihr vor, für sich selbst noch einen eigenen, schönen Ort zu malen. Sie malte ihn als Außenstelle, aus dem Fundament des Hauses, wuchs ihr Ort wie ein schräges Schild heraus.

Ganz ähnlich wie zuvor im zweiten Gruppenbild tauchte auch hier eine ideale Phantasie auf: Ein grüner Garten mit einem Baum und kleinem Teich.
Nachdem sie ihren kleinen grünen Ort gemalt hatte, fühlte sie sich besser und begann das Haus vollständig mit dunkelblau über zu lasieren. Ihr fehlte ein sicherer geborgener Ort. - das Haus mit chaotisch verbundenen Feuerleitertreppen zeigte einerseits ihren Beziehungswunsch, andererseits schienen die Treppen im Bild das Haus geradezu durchzustreichen. ‚Das Haus, von dem man sich Geborgenheit wünscht, schmeißt einen raus.' Dieser prosaische Gedanke blieb bei mir hängen.

Hinter den Bildern - eine Episode vom Rand

Ich möchte an dieser Stelle ein Ereignis darstellen, das wesentlich in den Gruppenprozess eingriff und ein neues Schlaglicht auf meine Beziehung zu Nicole warf.

Wir hatten eine Bildübung angefangen, die Materialkosten verursachte und an der ich die Mädchen bat, sich zu beteiligen. Jede war einverstanden dafür einen kleinen Geldbetrag mitzubringen. Nicole und Marlene wollten eine Notiz für ihre Mutter "Meine Mutter glaubt mir sonst nicht"(Zit. Nicole).
Leonie hatte zufällig schon Geld dabei und gab es mir. Ich deponierte das Geld auf meinen Arbeitstisch, der erklärten Tabuzone.

Nach dem organisatorischen Procedere begannen wir mit der Übung. Nicole war sehr schweigsam. Erst später fiel mir auf, dass ich wieder einmal stark auf Leonie konzentriert gewesen war.

Kleiner Diebstahl
am Rand

Gegen Ende der Gruppe, während die anderen noch aufräumten, hatte Nicole schon ihre Jacke angezogen und war bereit zum Gehen, obwohl sie ihren Arbeitsplatz noch nicht aufgeräumt hatte. Das Geld war vom meinem Arbeitstisch verschwunden. Keine hatte es genommen. Daraufhin begann ein emsiges Suchen, an dem sich alle - ausser Nicole - beteiligten.

Ich spürte ihren Drang wegzugehen, aber die Ansprache der anderen, mitzusuchen und auch meine restriktive Ansage, dass jetzt keine den Raum verlasse bis das Geld wieder auftaucht, schien sie zu lähmen. Sie stand auffällig-passiv im Raum, als hätte sie mit all den Suchenden nichts zu tun, wodurch sie geradezu den Verdacht von allen auf sich zog. (= absolute negative Aufmerksamkeit!) Mehrmals gefragt, stritt sie immer wieder ab, das Geld genommen zu haben. Vor zwei Wochen hatte es im Rauhen Haus e.V. ebenfalls einen Diebstahl gegeben. Nicole hatte dort Geld aus der Kasse entwendet.

Als die anderen gegangen waren, sprach ich sie noch mal an. Ihr ganzer Körper glich einer uneinnehmbaren Festung. Voller Abwehr. Mir fiel wieder ihr erstes Baumbild mit diesem massiven unbeweglichen Stamm. Nicole wirkte stur, gefühllos und in sich eingeschlossen. Sie wehrte alles ab, was im Zusammenhang mit dem Diebstahl etc. stand. Als ich andeutete, dass sie ja oft allein sei, rollte Traurigkeit aus ihr heraus. Sie weinte, erzählte von ihrer Mutter, von der sie arg beschimpft und geschlagen werde. Sie dürfe aber nicht sagen, warum. Die Mutter hätte es ihr verboten. Und der Vater (= Stiefvater), der würde gar nichts mit ihr machen....

Empathie -
was ist richtig?

Zum ersten Mal nehme ich ein Gefühl von Nicole wahr und empfinde so etwas wie Empathie ihr gegenüber. Gerade deshalb beschäftigt mich die ganze Woche die Frage, wie ich die Situation in der Gruppe das nächste Mal lösen soll, ohne Nicole zu kompromittieren. Ich entscheide mich für eine kleine Inszenierung, die Nicole schützen soll. Das nächste Mal hat sich Nicole Verstärkung mitgebracht, nämlich ihre drei Jahre jüngere Freundin Sammy, die sie schon häufiger mal erwähnt hat. Sammy ist ein sehr schweigsames Mädchen. Sie wird von Nicole wie Luft behandelt.

Auch die Art, wie Nicole selbst malt gleicht eher einem einzigen Abwertungsvorgang. Am Schluss der Sitzung thematisiere ich nochmals das verschwundene Geld vom letzten Mal. Jede soll die Chance bekommen, anonym das Geld wieder zurück zu legen. Eine nach der anderen geht ins Atelier. Als Nicole dran ist und die anderen draußen warten, ist ein kurzer Aufschrei von Nicole zu hören.Sie kommt mit knallrotem, ungläubigem Gesicht raus und kann "es" nicht fassen.

Projektion oder
Verschiebung?

(Ich hatte für sie das Geld zurückgelegt, um ihr das Gefühl zu geben, sie zu schützen) Durch diesen inszenierten Akt war eine geheime Verbindung zwischen Nicole und mir entstanden. Die ganze Gruppensituation, aber auch die Beziehung zwischen Nicole und mir wurde in doppelter Weise unbewusst von Nicoles Problematik beherrscht.

Für Nicole hatte sich hier eine altbekannte Musterkonstellation in der Gruppe reinszeniert, und das sie bereits aus der Schule kannte. Sie war ja schon dort durch Diebstähle an Mitschülern auffällig geworden. Dort wie hier hatte sie eine Außenseiterposition, war nicht vollständig integriert, weil sie keine Freundin hatte wie z.B. Leonie, die gleich mit zweien aufwarten konnte. Dadurch hatte sich ein Ungleichgewicht in dem Gruppengefüge hergestellt.

Mir war die Verlagerung meiner Aufmerksamkeit während des halben Jahres von Nicole zu Leonie entgangen. Nicole hatte sich also durch den Akt des (Geld-)Wegnehmens etwas genommen, was sie brauchte: sie hatte sich ins Zentrum der Gruppe "gespielt". Dadurch war ihr Aufmerksamkeit, wenngleich negative (!) sicher.

Durch diesen Diebstahlakt war ihr unbewusst noch etwas anderes gelungen:
Nämlich eine Übertragungsverbindung zu mir herzustellen. Ich hatte mich durch meinen inszenierten heimlichen Akt (= Geld für sie hinlegen) spiegelbildlich mit ihrer Heimlichkeit (des Diebstahls) verbunden und damit ihre unbewusste Strategie übernommen. Die anderen waren ausgeschlossen. Eigentlich hätte ich offen und bewusst das Thema in der Gruppe besprechen oder eine Bildübung dazu machen müssen, aber ich hatte mich verführen lassen, zu einer Geheimnisträgerin zu werden.

Insofern hatte mein heimlich inszenierter Akt, der sie wieder in die Gruppe integrieren sollte, das genaue Gegenteil bewirkt. Andererseits verwies der Diebstahl selbst symbolisch und ganz konkret auf Nicoles Mangel und ihre Beziehungsbedürftigkeit. Die Diebstahl-Episode und meine unklare Beziehung zu Nicole beschäftigten mich. Warum hatte ich dies zwiespältige Gefühl: Ich konnte sie in ihrer Realität nicht spüren, bekam keinen Kontakt zu ihr und war ihr doch ganz vertraut?

Da diese Fragen intellektuell nicht zu klären waren, entschied ich mich, selbst ein Bild zu malen, um heraus zu bekommen welcher Art meine Beziehung zu Nicole war.

Dabei ist ein Bild entstanden, das ich als Übertragungsbild bezeichnen möchte. Während ich das Bild ‚Nicole' malte, klärten sich einige Ambivalenzen.

Übertragungsbild ‚Nicole'

Die auffälligsten Momente im Bild waren für mich damals die blonde Maske, die einen Bezug zu dem idealisierten mütterlichen Gesichtsstereotyp herstellte, der bei Nicole sowohl in der Rede von ihrer Mutter als auch in ihren Bildern immer wieder aufgetaucht war. Das dahinter verborgene, dunkelviolette Gesicht verband sich für mich mit Nicoles Heimlichkeit und Wut, ebenso das militärisch grünbraune Camouflagemuster.
Die geschlossene Faust, in der das Geklaute versteckt wurde und die gleichzeitig zum Schlag ansetzen könnte. Und dann das Rosa, was sich unersättlich ins Bild geschrieben hatte. Der kindliche Narzissmus war darin gespeichert. Und die Brüste-Landschaft aus karierten Bettbezügen, die für mich etwas zu tun hatte mit ihrer ungestillten Gier.
Besonders die Brüste-Landschaft rief assoziativ meine eigene Mutter-Beziehung hervor, in der die stillende Brust gefehlt hatte. Dieser Mangel, nie eine gut genährte emotionale Beziehung zur Mutter gehabt zu haben, hatte für den emotionalen Kontakt in späteren Beziehungen weit reichende Auswirkungen. Gab es hier eine Spiegelähnlichkeit zu der Beziehung von Nicole und ihrer Mutter? Kannte sie den Mangel eines ‚Nicht-genug-Bekommens', der sich zum essentiellen Selbstwertmangel eines ‚Nicht-genug-Seins' auswachsen kann?
War es dies, was ich als Ähnlichkeit, als etwas Vertrautes zu Nicole gespürt hatte?

Das Bild sollte mich den ganzen Gruppenprozess hindurch begleiten und legte immer wieder neue Übertragungsaspekte in der Beziehung zwischen Nicole und mir frei.


Fazit zur Phase I "Optimierungsfalle"

Nachdem die Gruppe bereits über ein halbes Jahr bestand, hatten sich für mich ansatzweise einige Erkenntnisse zum allgemeinen Prozess, meiner Rolle darin und der Psychodynamik herauskristallisiert. Während des halben Jahrs hatte sich eine relativ stabile Kleingruppe in vertrauensvoller Atmosphäre gebildet.
Die Mädchen kamen regelmäßig und ausgesprochen pünktlich. Für mich waren die Gefühlsäußerungen und Gesten, die Interaktionen der Mädchen wie in einem lebendigen Bildtableau in einer Art Zeichensprache anschaulich geworden und hatten etliche diagnostische Spuren hinterlassen.
Wie in einem Gesamtkunstwerk schien jedes Detail des psychodynamischen Prozesses wichtig zu sein, weil es sich mit anderen verknüpfte und Ahnungen über Störfelder, Problemknoten und Traumatisches aus dem biografischen Kontext von Nicole und Leonie vorantrieb..

Aus dem gefühltem Erleben, einzelnen Beobachtungen des Gesamtkontextes und den Bildarbeiten erwuchs bei mir allmählich auch ein diagnostisches Erkennen für die spezifische Problematik der beiden Mädchen, Nicole und Leonie.

Allgemeines zum Projektverlauf

Widerstand der Sprache

Mein Versuch, das in meiner Ausbildung erlernte kunsttherapeutische Procedere (Aufgabe, Realisierung, Bildbesprechung) möglichst adäquat anzuwenden, war durch einen spezifischen Widerstand der Gruppe gescheitert.
In der Literatur zur kunsttherapeutischen Psychotherapie wird immer wieder der Stellenwert der Sprache beschworen:
"der Klient berichtet auf eine ihm eigene Weise, wie er angefangen hat zu malen, was ihn dabei bewegte, woran er sich erinnert und welche Gefühle aufgetaucht sind.....die Art und Weise, wie ein Patient über sich selbst, den Malprozess und sein Bild berichtet, gibt bereits wichtige Hinweise auf die neurotische Struktur seiner Persönlichkeit...[...]....da also die Sprache selten abgelöst von einem Bild oder Bildern praktiziert wird, kommt es im Idealfall zu einem permanenten Oszillieren zwischen Bild und Sprache, wobei sich wie von selbst die Informationen des Bildes erhellen, was wiederum eine Auswirkung auf die Sprache hat. (G. Schmeer)

Doch genau der von mir angestrebte Idealfall assoziierender, zuweilen reflektierender Sprechbewegungen war mit den adoleszenten Mädchen nicht möglich gewesen. Sie weigerten sich beharrlich meinen archäologischen Suchbewegungen in ihren Bildern zu folgen, genossen andererseits aber sichtlich das intensive Ausagieren im Bild selbst.

Ich hatte die adoleszente Entwicklungssituation der Mädchen vielleicht nicht genügend berücksichtigt und war dem pädagogischen Format zu stark verhaftet gewesen. Andererseits war mir die Arbeit mit pubertierenden Jugendlichen vertraut und ich konnte auf Erfahrungen mit meiner eigenen gleichaltrigen Tochter zurückgreifen. Es gab noch etwas anderes in der Sprechverweigerung, die eine produktive Eigenbewegung der Mädchen ahnen ließ.

Sprache des Widerstands

Möglich, dass die angestrebte Verbalisierung in ihnen zu stark schulische, insbesondere das kunstpädagogische Umfeld wachrief, mit dem sich immer auch ein unangenehmer Bewertungsaspekt verbindet. In ihrer "trotzigen" Weigerung steckte auch eine Mutterübertragung, eine adoleszente Abgrenzung der Mutter gegenüber.

Mutterübertragung

Metaphorisch gesprochen, kam es mir manchmal vor, als hielten sie die Tür zu ihrem eigenen Zimmer, zu ihrem Geheimnis, vor der Mutter bzw. mir als dem anderen Mutterobjekt, bis auf einen Spalt verschlossen. Sie hatten gespürt, wie viel sie von sich mit ihren Bildern freilegten, wie viel Einblick sie in ihr Innerstes gewährten. Einerseits sehnten sie sich danach, auch darin gesehen zu werden - die anderen und ich sollten als Zuschauer daran teilnehmen, gleichzeitig merkten sie aber auch, dass das Bild sie schützen konnte. Gerade durch das Unausgesprochene.Sie konnten, wie in einem Code, in und durch die Bilder sprechen.Darüber hinaus meinte ich in ihrer Sprechverweigerung auch eine verschlungene Gegenübertragungsdynamik zu sehen.Denn genau genommen hatte ich sie für mein Projekt benutzt. Zwar meinte ich anfangs unmissverständlich die Bedingungen dieses

Aneignung
meines Orts

Gruppenprojekts transparent gemacht zu haben, doch durch ihre Weigerung hatten sie sich mein Projekt angeeignet. Sie hatten den Montagstermin zu ihrem Termin, mein Atelier zu ihrem Ort gemacht, an dem lustvolle Malreisen und wohliges Zusammensein, fast wie in einem Jugendclub, im Vordergrund standen.

So war gerade jene wohlige Ausdrucksmalgruppe entstanden, die ich um jeden Preis hatte vermeiden wollen. Andererseits hatten sie gerade dadurch meinen eigenen, inneren Wunsch realisiert, nämlich ein paar Stunden "einfach so sein" in meinem Atelier statt unentwegt in bestimmten Konzepten zu funktionieren. Hier war ich offensichtlich in die Gegenübertragung hineingerutscht.

Erst nach der Erfahrung des halben Jahres konnte ich den Widerstand auch als Zeichensprache lesen, mit der die Gruppe ihr ureigenes Bedürfnis nach Sicherheit zum Ausdruck brachte. Sie wollten und brauchten einen sicheren Entfaltungsort. Sie wollten und brauchten mich als schwingende, wohlwollende, fragende und grenzsetzende Präsenz - die andere Mutter. Sie wollten sprechen und sprachen auch, aber nicht so, wie es theoretisch dem kunsttherapeutischen Paradigma entsprach.
Ihr Sprechen ereignete sich unentwegt als ein mäanderndes Sprechen. Es schlängelte sich bezeichnenderweise geradewegs über jene Wege, gegen die ich Widerstand aufgebaut hatte:
Das Sprechen hatte sich in die Pause (Wohlfühlen/ Relaxen!) hineinverlagert, in der es sich rasend ausdehnte und wie selbstverständlich waren auch die Ränder des Malgeschehens davon miterfasst worden. (z.B. erzählte Leonie während ihres Tastporträts das erste Mal von ihrem neuen Zimmer)
Als hätten sich unbemerkt Hyperlinks im dreidimensionalen Raum gebildet, über die emotionale Botschaften in den Zwischenräumen keimten.

z.B. die Pause:

Die Pause, ursprünglich als entspannende Leerstelle von mir gedacht, verwandelte sich zu einem unerwartet zentralen Kommunikationspool, in dem die Mädchen viel von sich, ihrer familiären Situation, der Schule, ihren Sehnsüchten, Wünschen Popstars, Musik etc. en passant austauschten und preisgaben. Doch mir war nicht bewusst gewesen, wie ich selbst die Pause verführerisch als Lockmittel eingesetzt hatte.

Die abwesenden Mütter

Eigentlich sollte sie als kleine Distanzweiche nach dem Malakt dienen. Ich hatte Tee, Knabbereien, manchmal Süßkram und Obst besorgt - also durch und durch mütterlich - sorgende Gesten, durch die sich eine familiäre Tischsituation herstellte.Im Grunde kompensierte diese Pausen-Situation einen fundamental emotionalen Mangel, der bei allen vier Mädchen vorkam.Sie lebten zwar alle in getrennten Familien mit ihren Müttern zusammen, doch meist waren diese Mütter durch Berufstätigkeit (bei Nicole, Susanne, Marlene) oder Krankheit abwesend (s. Borderline-Schübe bei Leonies Mutter).

‚Die Pause und ich' verkörperten demzufolge fütternde Präsenz, eine Art "Stillzeit", in der sich mütterliche Übertragungsdynamik abspielte, die, unterschiedlich aspektiert, sowohl Nicole als auch Leonie betraf.

Zur Bildarbeit

Die Entscheidungen für die jeweiligen Bildübungen habe ich zumeist situationsbezogen intuitiv getroffen.
Im Nachhinein lassen sich die so geschehenen Bildübungen geduldig sinnvoll hin und her deuten, wie ich es ja auch versucht habe, doch letztlich verhält sich jede Bildübung wie eine neue Nervenzelle: sie bewegt sich einfach los - erst blind, nicht wissend wohin, und im Moment des Andockens an eine andere stellt sich heraus, dass der Weg vielleicht sinnvoll oder bedeutsam war. Zielgerichtet ist er jedoch nicht, obwohl ich gerade dies angestrebt hatte.
Zuweilen kam mir die Assoziation, dass es in den Bildern der Mädchen zuging wie in Petrischalen, in denen besondere Bakterienkulturen angesetzt worden waren, die vor sich hin wimmelten und seltsame Zellteilungen vornahmen.
Irgendwann ließe sich das Zellwachstum beobachten, ohne genau sagen zu können, wann und wodurch dies wohl eingetreten sein mochte.
Z.B. das Bakterium "Rot ist hässlich" bei Leonie wandelte sich durch verschiedene Bilder hindurch, mutierte noch mal zu "Rosa" und konnte an den jeweiligen Konfrontationen reifen; oder auch die winzig kleinen roten Pünktchen-Beeren aus der 1. Übung "Baumbild", die sich entsprechend des Schmeerschen Dominoeffekts zu dicken roten Backen und roten Hörnchen ( s. S. 45 Tastporträt) entwickelt hatten.

Psychodynamik in der Gruppe

Gerade durch die zuletzt beschriebene Diebstahl-Episode (s. S. 55, Hinter den Bildern) kristallisierte sich jene Gruppenstruktur heraus, deren Matrix von Anfang an vorhanden war, die ich jedoch vollständig verdrängt hatte. Gemeint ist Nicoles Stellung innerhalb der Gruppe. Durch die beiden Freundinnen von Leonie war ein Ungleichgewicht in der Gruppe entstanden, was Nicole sofort eine Sonderrolle zuwies:

  • sie war jünger als die anderen
  • sie ging in eine andere Schule als die drei anderen
  • sie kam und ging stets allein
  • sie konnte nicht mitreden, wenn die anderen über Schule oder andere Freunde in der Pause redeten....
  • sie hatte keine Freundin zu bieten außer Sammy, die sie ja nach der Diebstahl-Episode auch als Verstärkung mitgebracht hatte.

So gesehen war sie von Anfang an in einer, mit Mangel behafteten Außenseiterposition gestartet, ein für sie alt bekanntes Muster aus der Schule.
Ich als Leiterin hatte versucht dies (s. 1. Gruppenbild) auszugleichen, in dem ich den leeren Platz neben Nicole versuchte zu füllen, hatte mich dadurch jedoch in eine zwiespältige Rolle manövriert. Ich tat so, als würde ich zur Gruppe gehören, hatte Unterschiede verwischt und mich zu ihresgleichen gemacht, um ihre Position in der Gruppe zu stärken. Höhepunkt dieses Verhaltens war meine heimlich erzeugte Solidarität mit ihr in der Diebstahlepisode gewesen. Und alles, obwohl ihre fordernde, übergriffige Art in mir inneren Widerstand und z. T. Ignoranz hervorrief.
Diesen inneren Konflikt hatte ich ganz im Sinne einer Abwehr "gelöst", in dem sich meine Aufmerksamkeit langsam auf Leonie verschoben hatte.
Mein Interesse an Leonie wuchs in dem Maße, wie sie sich emotional öffnete. Ich werde auf diese Gegenübertragungsdynamik noch an späterer Stelle eingehen.

Leonie hatte sich durch ihre beiden Freundinnen Marlene und Susanne schützenden Rückhalt und größtmögliche Freiheit mitgebracht. Sie konnte je nach Belieben und innerer Befindlichkeit zwischen zwei emotionalen Mustern wählen:
Marlene, die extrovertierte und Susanne, die Introvertierte. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Beziehung von Leonie zu den beiden, auch von projektiver Identifizierung lebte, sie also emotionale Anteile, die sie selbst nicht leben konnte auf die eine bzw. andere projizierte.

Nicole hatte ein untrügliches Gespür entwickelt, sich jeweils an die von Leonie ‚übrig gelassene' Freundin - entweder Marlene oder Susanne - anzudocken. Beide, Marlene und Susanne, akzeptierten Nicole grundsätzlich, wenn sie auch in ihrem Sozialverhalten von allen gelegentlich kritisiert wurde. "Wir räumen jetzt alle auf und du gehörst auch dazu!" Trotz der Kritik wurde sie nie ausgeschlossen, sondern die anderen versuchten ihr ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.

Die Tatsache, dass Marlene und Susanne jüngere Schwestern hatten, übertrugen sie auf Nicole, für die diese Art der sorgenden Auseinandersetzung offensichtlich unbekannt war.
So erfuhr sie Korrekturen ihres Verhaltens, ohne abgelehnt bzw. immer wieder aufs Neue integriert zu werden.
Sie schien sich trotz ihrer Sonderstellung recht wohl in der kleinen Gruppe zu fühlen, was ihre regelmäßige Teilnahme trotz des extrem weiten Weges, den sie zurücklegen musste, bestätigte. Das Verhältnis Nicole - Leonie hingegen war stark abgegrenzt voneinander bis ignorant.
Vermutlich hatten sich hier Neid und Eifersüchteleien in die Übertragung eingenistet, ohne dass ich es zu jenem Zeitpunkt realisiert hatte.
Die Gruppendynamik ist therapeutisch gesehen eine Gradwanderung zwischen Risiko und Chance. Dem Risiko, unbemerkt in die Reinszenierung alter Muster zu fallen, wie bei der Diebstahlsituation geschehen, steht die Chance gegenüber, alte Muster in der Wiederholung zu erkennen und aufzubrechen.
Doch bei einer adoleszenten Gruppe steht nicht die Reflexion im Vordergrund, sondern die emotionale Interaktion und Kommunikation untereinander; das, was sich an ‚Hier und Jetzt' - Konflikten entzündet, kurz das Sich-selbst-Erleben mit anderen.

Nicoles Problematik

Durch die Bildübungen, aber auch durch bereits erwähnte Randereignisse wurde die Problematik von Nicole immer differenzierter sichtbar. Mein erster Eindruck von Nicole war ambivalent gewesen : ich empfand sie einerseits als distanzlos, übergriffig und andererseits als überangepasst und brav.

Ambivalenz

Diese Ambivalenz zeigte sich abgewandelt in verschiedenen Zusammenhängen. Einerseits war sie körperlich unübersehbar, durch ihre Leibesfülle, andererseits hatte sie z.B. in der Pause beim Knabbern eine Strategie der gierigen Unauffälligkeit entwickelt.

Beides drückte sich signifikant in ihrer Körperhaltung aus. Meist saß sie sehr still in der Pausenrunde, ein Arm vorm Bauch verschränkt. Sie tat so, als höre sie den anderen interessiert zu, doch ihr Blick und auch die andere Hand wanderten fast tagediebisch zu den Keksen. In diesem körperlichen Verhalten drückte sich ihr Zwiespalt aus: eine unersättliche Gie, die mit Schuld und Scham besetzt war.

Meinen Beobachtungen zufolge, aber auch, was mein ‚Übertragungsbild von Nicole' thematisierte, war ein unbändiger Trieb bzw. eine tief sitzende orale Bedürftigkeit bei Nicole, die aus einer sehr frühen Entwicklungsphase zu stammen schien und sich nur heimlich Befriedigung verschaffen bzw. agieren konnte ( s. heimliche Diebstahl/s. karierte Brüste und Camouflagemuster im Übertragungsbild). Eine Heimlichkeit, die durch den Klammergriff des Über-Ichs entstanden war?
In der Übertragung war dieser innere Druck bzw. der Kampf Nicoles für mich stark spürbar gewesen, aber auch die Wut dahinter, die sich nicht Bahn brechen konnte.( s. a. Übertragungsbild ‚Nicole'/ dunkelviolette Gesicht hinter der Blondmaske)
In der Gegenübertragung bemerkte ich ebenfalls ein Wut- und Ablehnungsgemisch gegenüber Nicole.
Sie verhielt sich nicht entsprechend meiner Vorstellungen, jetzt war ich schon ein Stück auf sie zugekommen, hatte - statt gesundes Obst-, reichlich Kekse und Schokolade (als Lockmittel ?) ausgelegt, und trotzdem war es noch nicht genug, sie hatte nicht funktioniert, sondern trotzdem gestohlen, obwohl sie alles bekam.

Ich spürte darin die Wut der realen Mutter Nicoles, die alles dafür tat, damit ihre Tochter funktionieren solle, doch leider ohne Erfolg (Gute Kleidung, Diätprogramme für die Tochter, Nachhilfe, Ausflüge, Sport, eine ‚richtige' Familie).
Die Tochter mühte sich zwar sisyphusartig ab, der Mutter zu gefallen, doch es war nicht genug. Ihr Hunger nach narzisstischer Befriedigung konnte nicht gestillt werden.
In mir stieg die Erinnerung an meine Kindheitswut hoch - auf meine Mutter, die mich zwar versorgt hatte, aber emotional nicht genährt hat. ( Gegenübertragung?)

Nicoles Mutter

Bei der Feedback-Besprechung mit ihrer Betzu dem neuen Stiefvater in einer Entwicklungsphase statt, in der nach Mahler Individualität konsolidiert wird und sich emotionale Objektkonstanz bildet.reuerin vom Rauhen Haus e.V. erfahre ich, dass Nicoles Mutter 18 Jahre alt war, als sie Nicole bekommen hat. Mit 14 Jahren zog sie von zu Hause aus zu ihrer Oma, weil ihr Vater sie stark misshandelte.
Nach dem Tod der Oma, weigern sich die Eltern sie wieder aufzunehmen. Sie wird in einer christlichen Pflegefamilie auf dem Land untergebracht. Bei ihrem ersten Disco-Besuch wird sie schwanger.
Das christliche Umfeld macht eine Abtreibung unmöglich. Durch das Kind kann sie ihre berufliche Ausbildung nicht fortsetzen - eine "double bind" - Situation.

Ambivalenz durch
die Mutter

In dieser Situation ist das Kind Nicole ihre einzige emotionale Bindung (Symbiose) und gleichzeitig Zerstörung ihrer perspektivischen Lebenswünsche oder doch zumindest eine Behinderung. Dieser Zwiespalt könnte zu einer inneren Ablehnung des Kindes geführt haben bei gleichzeitig stark wirksamen Schuld - und Schamgefühlen. ( s. auch christlicher Hintergrund in der Pflegefamilie). Diese Ambivalenz scheint sich transgenerational auf Nicole übertragen zu haben und weiter zu wirken.

Mutter-Kind-Symbiose

Zu der Mutter-Kind-Symbiose, die auch als Ausgangsproblem für Adoleszenzkonflikte gesehen werden kann, schreibt Helmut Fend (2005):

" Heute ist nicht mehr die große Distanz zwischen Eltern und Kindern das Problem, sondern eher die zu große Nähe im Sinne einer Symbiose zwischen Mutter und Kind. Es erlebt andere Personen nicht primär von der eigenen getrennt, sondern verschmolzen. Das Kind wird zum zentralen Lebensmittelpunkt der Mutter, ja, es ist die wichtigste Quelle ihrer Bedürfnisbefriedigung. Gleichzeitig erwartet die Mutter aber sehr viel vom Kind.... es muss gleichzeitig Ausweis sein, dass sich die großen Investitionen ( Arbeit, Entbehrungen etc.), die man in das "Lebensprojekt Kind" getätigt hat, auch gelohnt haben, dass also das Kind ein "Erfolg" wird. Das Kind wird so Teil der narzisstischen Bedürfnisse...insbesondere der Mütter...... es erlebt sich in einer überhöht-idealisierten Wertigkeit, die es möglicherweise internalisiert." Mag sein, dass Nicole diese überhöht - idealisierte Wertigkeit ihrer Mutter internalisiert hat und diese in ihren Bildern zum Blondschema gerinnt.

Anale Phase -
keine Objektkonstanz

Als die Mutter ihren Stiefvater Ali heiratet, ist Nicole 2 bzw. 3 Jahre (anale und ödipale Phase) alt.Für Nicole findet diese neue, sehr abhängige Beziehung ihrer Mutter zu dem neuen Stiefvater in einer Entwicklungsphase statt, in der nach Mahler Individualität konsolidiert wird und sich emotionale Objektkonstanz bildet. Es handelt sich um "eine außerordentlich wichtige intrapsychische Entwicklungsphase, in deren Verlauf ein stabiles Gefühl der Einheitlichkeit (Selbstgrenzen) erworben wird. Auch die Objektkonstanz beinhaltet mehr als die Bewahrung der Repräsentanz des abwesenden Liebesobjekts Mutter; sie beinhaltet zugleich die Vereinigung von " gutem" und "bösen" Objekt zu einer Gesamtrepräsentanz." ( M. Mahler S. S. 142/143.)

Gerade in dieser Phase, in der sich eigentlich das Kind langsam von der ‚sicher präsenten' Mutter trennt, passiert das genaue Gegenteil: Die Mutter trennt sich aus der Symbiose-Beziehung mit der Tochter zugunsten des Mannes. Das Kind Nicole muss sich von Mutter verlassen fühlen.
Eine Situation, die sich seit dieser frühen Phase immer mehr manifestiert hat.

Nicole ist der Bedürfnislage ihrer Mutter vollständig angepasst. Taucht der Stiefvater mal in der Wohnung auf, muss sie auf die Strasse. Ist er weg, muss sie für ihre Mutter da sein. Fährt die Mutter mit einer Freundin weg, muss sie zur Oma. Es gibt viele Aktivitäten, aber wenig emotionale Mutterpräsenz.

Auf meine Frage, ob sie das denn nicht traurig mache, dass ihre Mutter so selten da sei, antwortet Nicole "Sie braucht das ja auch mal!". Sie echot die Worte der Mutter. Handelt es sich bei Nicoles Mutter-Idealisierung um eine Folge dieser symbiotischen Verschlingung?

Verschiedene Symptome und ihre Deutung

Schmier - und
Schmutzlust

Eine anderes durchaus ambivalentes Phänomen bei Nicole, was ebenfalls stark an die anale Phase erinnert, zeigt sich in ihrer Schmier - und Schmutzlust bzw. ihrem Umgang mit Kleidung. Bezeichnenderweise ist es die Kleidung, in der die Mutter für Nicole an - und abwesend zugleich ist.

Einerseits präsentiert sie sich sehr stolz in der neuen Kleidung, ein Geschenk ihrer Mutter oder der Freundin ihrer Mutter, andererseits beschmutzt sie sich lustvoll zerstörerisch, wohlwissend, dass die Mutter das Verhalten sanktionieren wird. Ein heimliches Ausagieren von Trotz/ Wut gegen die Mutter, in der die Kleider für Nicole fast zu Übertragungsobjekten werden?

Toilettengänge

Auch eine andere Randauffälligkeit fügt sich m. E. ebenfalls symptomatisch in diese Phase. Nicole suchte oft während einer Gruppensitzung die Toilette auf. Ich hatte beobachtet, dass ihrem Toilettengang häufig eine kleine konflikthafte Irritation mit mir oder einem anderen Mädchen voraus ging oder das Ende der Gruppensitzung stand bevor und sie mit beim Aufräumen helfen sollte. Allen Situationen war gemeinsam, dass sie auf der emotionalen Ebene etwas mit Trennung, Getrennt werden zu tun hatten.

Durch die Feedbackbesprechung mit Nicoles Betreuerin wurden die Toilettengänge jedoch in einen eindeutig organischen Kausalkontext gestellt. Nicole leidet signifkanterweise seit ihrem 2./3. Lebensjahr (anale /ödipale Phase!) unter einem Inkontinenz - Problem. Nach fachärztlicher Meinung verursacht durch ein Hormondefizit, das seit Jahren medikamentös behandelt wird. Aufgrund dieses Symptoms wurde auch auf den vermuteten sexuellen Missbrauch geschlossen.

Nach meiner 1/2 jährigen Erfahrung mit Nicole und den bereits dargestellten Gesamtkontext, würde ich allerdings nicht ausschließen, dass diese körperliche Dysfunktion bei Nicole eher auf einen ursprünglich traumatischen Konflikt in der Beziehung mit der Mutter hinweist, der - umgekehrte Kausalität - möglicherweise das Hormondefizit ausgelöst hat.

Schon während der Bildübungen war ihre starke Tendenz zur Nachahmung aufgefallen, die sich gelegentlich zu Neid formierte. Auf der farbsymbolischen Bildebene zeigte sich dies in ihrem häufigen Gebrauch der Farbe "Gelb". Auf der gruppenpsychologischen Ebene, dadurch dass ihre Aufmerksamkeit stets bei den anderen (s. Susanne und Marlene) weilte.

Nachahmung - Neid

Oft versuchte sie - meist nach den Toilettengängen - Aufmerksamkeit für sich durch kleine Versteckspiele und sadistische Racheakte herzustellen z.B. indem sie anderen den Stuhl wegzog, ein Bein stellte oder sonst etwas wegnahm. Von den anderen "nahm" oder "klaute" sie sich z.B. die Farbe, den Pinsel oder den Malkittel.
Auch die kleinen Diebstähle an MitschülerInnen lassen sich als kleine sadistische Racheakte lesen, in denen der Wunsch nach Dazugehören wollen steckt.
Diese stark imitierende Focussierung auf das andere Objekt betraf in ihren Bildern immer wieder ihre Mutter, die als starkes blond-und-blauäugiges stereotypisches Schema auftauchte. Diverse Randbemerkungen von Nicole wie z. B."ich habe die Haare meiner Mutter - nur ihre sind noch viel schöne, blonder und länger..." verweisen auf eine starke Idealisierung des Mutterobjekts.
So schien Nicole in ihren Bildern ähnlich wie in ihren Kleidern quasi projektiv eine Objektanwesenheit ihrer Mutter herzustellen, die real für sie eher abwesend und unerreichbar war.

Versteck dich-
entdeck mich!

Das Gefühl des Neids bzw. der Nachahmung also, das zu haben bzw. zu tun, was andere haben bzw. tun, verbindet sich mit einem anderen Verhalten Nicoles, das ebenfalls aus der frühkindlichen analen Phase stammt: Sie versteckte sich manchmal hinter der Eingangstür, um von den anderen Mädchen oder mir entdeckt zu werden. Bei diesen Versteckspielen, aber auch Nicoles Imitationsdrang scheint es sich um einen frühen Ausdruck von sozialer Interaktion zu handeln.Entwicklungspsychologisch findet diese zumeist wie gesagt in der analen Phase statt.

"Versteckspiele und Nachahmungsspiele wurden nun zum bevorzugten Zeitvertreib. Die Wahrnehmung der Mutter als einer getrennten Person in der weiten Welt ging mit dem Gewahrwerden der getrennten Existenz anderer Kinder einher, die dem eigenen Selbst ähnlich und dennoch verschieden davon waren. Dies wurde anhand der Tatsache deutlich, dass die Kinder nun stärker den Wunsch hatten, zu haben oder zu tun, was ein anderes Kind hatte oder tat, d.h. bis zu einem gewissen Grade das andere Kind widerzuspiegeln, zu imitieren, sich mit ihm zu identifizieren.....Im Zusammenhang mit dieser wichtigen Entwicklung trat nun spezifischer, zweckbestimmter Ärger bzw. Aggression in Erscheinung, wenn das begehrte Ziel definitiv unerreichbar blieb. Natürlich verlieren wir nicht die Tatsache aus den Augen, dass diese Entwicklungen mitten in der analen Phase mit ihren charakteristischen Merkmalen der analen Habsucht, der Eifersucht und des Neides stattfinden." (s. S. 119 M. Mahler)

Die Entstehung des Neids hingegen siedelt Melanie Klein noch früher an, nämlich in den frühesten Partialobjektbeziehungen des Kindes zur mütterlichen Brust an.
Hier kommt es zu einem Wechsel von befriedigenden und versagenden Erlebnissen. Wenn dem Kind die Befriedigung durch ein gelingendes Stillen vorenthalten wird, entwickelt es die Phantasie, die mütterliche Brust enthalte alles, was es begehrt und halte dieses alles für die eigene Befriedigung zurück.
Die Brust wird so zum ersten beneideten Objekt. Kann das triebhafte Begehren nicht befriedigt werden, kommt es zu einer ernsthaften Störung der Beziehung zur Mutter, sie bzw. ihre Brust wird als quälend und enttäuschend erlebt. Sie wird zum Objekt von Hassgefühlen, die sie zerstören wollen. ( Melanie Klein 1957)

Aus meinem Übertragungsbild ‚Nicole' taucht wieder die rosafarbene Brüste-Landschaft als begehrtes Objekt auf und verbindet sich mit der frühen ambivalenten Beziehung der Mutter zu Nicole (s. oben/Ablehnung Symbiose)

Die Mutter, die sich nicht gut genug an die Bedürfnisse des Säuglings anpassen d.h. sie befriedigen kann und sich mit ihm nicht identifiziert, wird den Säugling zum Sich-Fügen verführen. (Rührt daher die Angepasstheit von Nicole?)

Falsches Selbst

Folge ist, dass der Säugling in seiner weiteren Entwicklung ein gefügiges falsches Selbst aufbauen wird, mit dem er auf die Umweltforderungen nur reagiert, statt selbst zu existieren. Das falsche Selbst hat allerdings auch eine positive und sehr wichtige Funktion: Es verbirgt das wahre Selbst, und zwar gerade dadurch, dass es sich den Umweltforderungen fügt.Sich-fügen ist also das Hauptmerkmal, mit der Nachahmung als spezieller Ausprägung. Fehlende Hingabe der Mutter kann also zum Wachstum eines falschen Selbst führen.

Hier streift mich wieder mein erster Eindruck von Nicole, des Angepaßtseins, verbunden mit ihrer übergriffigen Neu-Gier und dabei wirkte sie insgesamt so eigentümlich unlebendig. Und doch gab es einen Moment, in dem Nicole wie zum Leben erwacht schien.
Sie erzählte tief berührt von einem, wie es anfangs schien, lebensbedrohlich wichtigen Erlebnis.
Die Mutter ihrer jüngeren Freundin Sammy hatte sie nur vor hänselnden Kindern auf der Strasse verteidigt und in den Schutz genommen. Mit dieser Haltung gab Sammys Mutter ihr offensichtlich jenen sicheren Schutz, den ihre eigene Mutter vermissen ließ.
Von daher gab es durchaus diesen existentiell lebensbedrohlichen Anteil in Nicole, den ich anfangs in ihrem Erzählduktus nicht deuten konnte.

Alle Puzzleteile zusammengesetzt, ergeben die Annahme, dass es Nicole verwehrt blieb, eine gute, befriedigende und geschützte Beziehung zur Mutter aufzubauen, die es ihr ermöglichte sich selbst gut von ihrer Mutter zu trennen, um eigene ICH bzw. SELBSTgrenzen aufzubauen und damit auch ICH-Stärke.

Die Abtrennung von der Mutter führt zu starken Trennungsreaktionen des Kindes. Z.B. wenn das Kind sich seiner Getrenntheit bewusst wird, dann kommt es zu einem Stimmungsabfall: Traurigkeit! Um diese Gefühle zu bewältigen, braucht es viel ICH-Stärke, die das Kind aber oft noch nicht aufbringen kann.
Um mit der Abwesenheit der Mutter fertig zu werden, entwickeln Kinder nach M. Mahler oft hyperaktives, ruheloses Verhalten als eine frühe Abwehrform.
Ebenso dienen auch erwachsene Ersatzfiguren, symbolische Spiele oder das Erfinden von Spielarten, in denen das Verschwinden und Wiederauftauchen von Dingen für sie begreifbar wird, der Bewältigung!

Farben Tisch

Wenn es sich vielleicht auch nur um eine Randerscheinung handelt, so tut sich für mich doch ein Zusammenhang zu den frühen Abwehrformen aus. Ich beobachtete, dass Nicole bei Zuständen starker innerer Spannung (zumeist angesichts des Gruppenendes oder eigenen Ausgeschlossenseins) sich "James", unseren Rollclostuhl griff und mit ihm rasend Kreise im Atelier zog. Er war praktisch unser Butler, der alle Farbtuben, Pinsel und Lappen jederzeit bereithielt, um sie mobil an unterschiedliche Orte im Atelier zu fahren.

 

Leonies Problematik

Nach den Erfahrungen in den Bildprozessen und dem gruppendynamischen Kontext waren für mich bei Leonie besonders ihre starken Polarisierungs- bzw. Spaltungstendenzen in Vordergrund gerückt.Sie schlugen sich in den Begriffspaaren ‚Schön - Hässlich', Richtig - Falsch', Perfekt - Fehlerhaft' nieder. In ihrer Malweise waren diese extremen Unterschiede ebenfalls wahrzunehmen: Mal ergoss sie sich regelrecht in einer abstrakt - expressiven Farbsetzung, während sie ein anderes Mal hoch kontrolliert und akribisch an figural-konkreten Bildelementen arbeitete. Selbst in ihrer Beziehung zu den beiden Freundinnen Marlene und Susanne schien sich diese Polarisierung zu manifestieren. Als würde sie ihre expressive Emotionalität auf Marlene und ihre distanzierte, kontrollierte Art auf Susanne projizieren. Ihr inneres Dilemma bestand aus der Nähe und Distanz. Zwischen beiden schwankte sie stets hin und her, suchte mal die Nähe zur einen, während sie die andere kühl ignorierte und umgekehrt.

Polarisierung

Unüberseh- und unüberhörbar war ihr starker Widerstand gegen die Farbe ROT (= hässlich), die sich als unbewusst drängender Anteil in ihren Bildern immer wieder listig eingeschlichen hatte.
Es fühlte sich für mich an, als müsse sie durch den Widerstand den Kontakt zur eigenen Gefühlswelt abtrennen, abwerten bzw. zerstören. Wenn sich etwas Unkontrolliertes im Bildraum ereignete (s. 33/Fehlerträne im Ganzkörperbild) reagierte sie oft zornig mit

Kontrolle versus
Emotion

schwarzen Übermalungen oder unbewusst mit sich vermischenden Farbgebungen, die ja in ihren Bildern wiederholt "einfach so passieren". (Zit. Leonie) Die Kontrollbestrebungen von Leonie hatten vielleicht auch etwas mit ihren Augen zu tun. Ihre Augen - der schiefe Blick - waren ein sichtbares Handikap, das sie möglicherweise durch ein Mehr an Kontrolle und Perfektion auszugleichen suchte. Es war ein Mangel, der sie stigmatisierte, der sie beschämte und den sie nicht annehmen konnte.

Suche nach Sicherheit

Vermutlich glich die Kontrolle auch eine innere Unsicherheit und emotionale Labilität aus (s. S. 19 ff./fehlendes Schneckenhaus im Vexierbild/Übung in Ton) Im Hinblick auf den Sicherheitsaspekt war mir noch ein anderes Detail aufgefallen. Bei Leonie war nicht die alterstypische, narzisstische Verkleidungslust zu beobachten.
Leonie erschien unauffällig, meist in derselben Jeans, einem ununterscheidbaren T-Shirt. Ihrem ganzen körperlichen Habitus haftete etwas Unerotisches, Neutrales an.
Wenn es ums Umziehen ging, legte sie großen Wert auf ihren Malkittel und ihre eigene Malerjeans.
Als sie einmal später zur Gruppe kam, hatte sich Nicole bereits ihren Malerkittel gegriffen und für einen Bruchteil von Sekunden huschte ein Schatten aus Trauer und Wut über ihr Gesicht.

Doch Leonie sagte nichts. Mir kam es vor, als nehme sie sich und ihre Bedürfnis zurück. Diese kleinen Randbeobachtungen führten zu dem Eindruck, dass es einzig dieselbe, vertraute Kleidung war, die Leonie ‚heimatliche' Sicherheit bot, denn über ein eigenes Zimmer verfügte sie ja nicht.

Leonies biografischer Hintergrund

In den Bildprozessen wirken natürlich all die Symptome, die aus dem biografischen, sprich familiären Milieu hervorgehen. Bei Leonie spielten im Wesentlichen zwei Komponenten die Hauptrolle: - die an Borderline erkrankte Mutter - die langwährende Scheidung der Eltern Kinder, die in einem Borderline-Milieu aufwachsen, so wie Leonie, zeitigen oft in der Folge selbst bestimmte Borderline-Symptome wie Objektbeziehungsspaltung, Spaltung in Gut-Böse, zerstörerische Tendenzen, Angst vor Veränderungen, Trennungs-und Verlustängste.

Borderline - Symptome

Durch diverse stationäre Behandlungsaufenthalte der Mutter wurde Leonie und ihr Bruder früh in verschiedenen Pflegefamilien, bei einer Tante und ihrem Vater untergebracht, was einerseits die enge symbiotische Beziehung zu ihrem Bruder erklärt, andererseits die absolut instabile Beziehung zu ihrer Mutter. Durch den langen Trennungs-/Scheidungsprozess der Eltern verschärfte sich die Situation der Kinder in doppelter Weise, zumal beide nach Angaben der Betreuerin darin stark involviert wurden. Insgesamt müssen die Umstände sich kumulativ traumatisierend auf Leonie und ihren Bruder ausgewirkt haben. Solche traumatischen Umstände wie Trennung, Scheidung der Eltern und emotionale Vernachlässigung in einer frühkindlichen Phase u. a. werden von der psychologischen Fachliteratur u. a. als Verursacher für Borderline-Störungen angesehen. Für Leonie hat sich daraus eine doppelt traumatische Dispositon ergeben - einmal die alltägliche Interaktion mit ihrer an Borderline

Angst vor Alleinsein

erkrankten Mutter, aber auch das eigene frühkindliche Trauma ‚verlassen worden zu sein'. Von daher erklärt sich auch die ungewöhnlich symbiotische Beziehung, die Leonie zu ihrem jüngeren Bruder hat. Sie teilt sich - trotz ihres Alters - mit ihm ein Zimmer und betonte anfangs immer wieder, wie wichtig es für sie sei, mit ihm zusammen bzw. nicht allein zu sein, und dass sie so mit ihm abends noch reden könne. Rückblickend war es also ein mutiger Schritt für Leonie gewesen, dass nur sie ohne ihren Bruder an der Malgruppe teilnahm. Zuhause übernimmt Leonie die Mutterrolle für ihre kranke Mutter und ihren Bruder - sie kauft ein, kocht für den Bruder, geht mit Hund Gassi, denn die Mutter ist nur sporadisch und unberechenbar anwesend ist. Dennoch wird Leonie stark über Ver- und Gebote von der Mutter kontrolliert.

In der Gruppe übernimmt Leonie auch jenen verantwortlichen Part, den sie - laut Marlene - auch zu Hause innehat: In erwachsener Manier rief sie die anderen zur Ordnung und trieb zum Aufräumen an, wusch häufig noch einsam zurückgebliebene Pinsel aus. Andererseits entzieht sie sich diesem co-abhängigen Pflichtfeld, in dem sie wahlweise und sehr oft mehrere Male hintereinander bei ihren Freundinnen übernachtet.

das eigene Zimmer

Zweifelsohne wird durch diese Umstände die Vision eines eigenen Orts/ Zimmers immer häufiger ein Thema in der Gruppe. Hatte Leonie ihr gemeinsames Zimmer mit dem Bruder anfangs noch hartnäckig gegen alle Infragestellungen aus der Gruppe verteidigt ("Oh ,das könnte ich nicht! Wie ziehst du dich denn dann aus?"), entschlüpfte ihr immer häufiger auch ein Genervt - sein über den Bruder. Parallel dazu mehrten sich die Übernachtungen bei ihren Freundinnen. Das Abstellwohnzimmer (s. anfangs als d a s Wohnzimmer von ihr vorgestellt) rückt als mögliches ‚eigenes Zimmer' ins Zentrum ihres Denkens.

der böse Vater

ine langsame Annäherung also, die immer wieder Zeiten aufwies, in denen Leonie alles vollständig rigide ignorierte und - wie in einer zurück schwingenden Bewegung - auch wieder in ihr Polarisierungsmuster fiel. Zu ihrem Vater, ein freischaffender Künstler, hat Leonie gar keinen Kontakt mehr. Sie negierte ihren Vater anfangs vollständig, schien sich zutiefst verletzt und im Stich gelassen von ihrem Vater zu fühlen. (Dass der Vater freischaffender Künstler ist, spielte in der Übertragung eine nicht unwesentliche Rolle, die mir jedoch erst viel später bewusst wurde) Ihr Vater hat kein Interesse an ihnen, den Kindern, sagt Leonie. Infolgedessen hat Leonie ihren Vater auch aus ihrem Leben gestrichen. (Nach Angaben der Betreuerin stellte sich das reale Vater- Verhalten jedoch anders dar. Offenbar hatte er sich stark für das Sorgerecht eingesetzt. Es war die Mutter gewesen, die den Kontakt verhindert hatte)
Leonie scheint die bösen Objektanteile der Mutter auf ihren Vater abgespalten zu haben, worüber sie die Mutter für ihre Trennungen "entschuldet", um sie fortan als gutes Objekt aufrechterhalten und schützen zu können. Mit der Spaltung hat sie sich vermutlich auch vor der existentiellen Verlustangst vor gerettet.

Übertragungsdynamik

Zu Beginn der Gruppe hielt mich Leonie auf Distanz, ignorierte mich und bezog sich vollständig auf Marlene. Ich merkte, wie ich ihre Igoranz adaptierte. Wie gesagt, Leonie wollte ursprünglich nicht zu der "blöden Malgruppe", schon gar nicht ohne ihren Bruder. Selbst in diesem Widerstand schien sich Malen mit dem Vater zu konnotieren und war demzufolge wechselseitig negativ besetzt. Die bösen Objektanteile übertrug sie auf mich (s. Die 6 Spontanen) und ich reagierte auch voll in der Übertragung - allerdings vollständig unbewusst. Da mir zu jenem Zeitpunkt die therapeutische Arbeit in der Übertragung unbekannt war, konnte ich nur mit meinem Gefühl in der jeweiligen Situation arbeiten. Zum Beispiel beim Ganzkörperbild hatte ich vollkommen intuitiv reagiert, mich hinter sie gestellt und sie am Zerstören ihres "Selbst" - Bildes gehindert. Mit dieser haltenden, körperlichen Berührung konnte ich sie emotional beruhigen und stabilisieren. Durch den richtigen Nähe-Abstand zum Bild stellte sich für sie ein anderer Blick auf ihr Bild her, was letztlich dazu führte, dass sie, zwar in Maßen, aber immerhin in einem ersten Schritt auch die dunklen Anteile (s. Schwarze Flügel links und rechts) zulassen konnte.

Andererseits war mir, als würde Leonie durch und über die Malerei in der Gruppe offenbar eine unbewusste Beziehung zu ihrem Vater aufbaute, die langsam zum Vorschein kommen durfte. So nahm sie manch eine Bezugnahme von mir hinsichtlich ihres Vaters an. Zum Beispiel, dass sie den souverän, malerischen Farbumgang wohl von ihm geerbt hätte, oder ob sie sich erinnere, welche Art von Bildern ihr Vater denn male ?. Sie zeigte auf meine Pigmente im Regal. Er male auch mit, solchen Farben ganz große Bilder, wo nur Farben drauf seien. (Zit. Leonie) Durch diese kleinen Erzählsplitter und sinnlichen Eindrücke wurde der Vater von Leonie immer anwesender und sie konnte ihn immer besser präsent werden lassen.

Elemente der Gegenübertragung

Identifizierte
Gegenprojektion

Das polarisierende "einerseits - andererseits" von Leonie treibt auch in mir sein Spiel. Ich fühle mich abgelehnt durch die anfänglich kühle Distanziertheit von Leonie, baue andererseits einen leichten Widerstand auf. Je mehr ich mich abgelehnt fühle, desto mehr kapsele ich mich ab und gehe auf Distanz; andererseits spüre ich in mir ein ehrgeiziges Verlangen diese Coolness aufzubrechen, um Nähe herzustellen. Eine alte Wunschprojektion meinerseits. Sie knüpft an ein Gefühl aus meiner Kindheit an, in der meine Mutter für mich weit weg, eben emotional nicht anwesend war. Der Wunsch nach emotionaler Nähe trieb eigensinnige Blüten. Später wollte ich alles tun, um die ablehnende Ignoranz meiner Eltern zu durchbrechen, wollte mit viel Leistung, die Ablehnung in Anerkennung umwandeln. Hinzu kam die Verantwortlichkeit für meine Geschwister. Das verbindet sich für mich spiegelnd mit der mütterlichen Verantwortlichkeit, die Leonie an den Tag legt. Mir stellt sich die Frage, ob sie je die verspielte Unbedarftheit des Kindseins erfahren hat? Ich spürte den Wunsch, Leonie die emotionale mütterliche Nähe zu geben, die auch mir versagt blieb und die Voraussetzung für eine sich entfaltende kindliche Phantasie im Spiel ist - weil ja jemand anderes einem die Sicherheit dazu gibt!


Überlegungen zur SELBSTwerdung

Allen ausführlichen, differentialdiagnostischen Ansätzen zum Trotz, schälte sich für mich am Ende der ersten Phase für den weiteren kunsttherapeutischen Verlauf etwas sehr Einfaches und Klares heraus: Im Grunde ging es um das "hinreichend gute Selbst" (s. Winnicott), in dem bestenfalls wahre und falsche Selbstanteile integriert und eben nicht abgespalten sind.

Bei beiden, Nicole und Leonie, hatten vermutlich gravierende emotionale Störungen, Trennungen von der Mutter in der frühkindlichen Entwicklung teilweise zu Traumatisierungen geführt und verhindert, dass sich eben dieser integrierende Aufbau der Selbstobjekte vollziehen konnte.
Es ging also erst einmal ganz allgemein darum, bei beiden das ICH bzw. Selbst zu stärken.

Das Selbst während der Adoleszenz

Aber das Selbst ist keine Fertigprodukt, das mit der Kindheit abgeschlossen ist, sondern ein langwieriger Prozess, der gerade in der Adoleszenz durch vielfältige Umbaumaßnahmen gekennzeichnet ist.

Dieser Übergangszustand (Adoleszenz) verlangt es, so viel Ungewissheit und Konflikthaftigkeit auszuhalten und so viel Lernfähigkeit und Anpassungsvermögen zu erbringen, wie wohl in keinem anderen Stadium der menschlichen Entwicklung. Daher ist diese Lebensphase einerseits ganz besonders für das Auftreten aller möglichen Auffälligkeiten prädestiniert, einschließlich derer, die in die Zuständigkeit der Psychiatrie fallen. Ängste, Zwänge, Essstörungen und Psychosen nehmen hier ihren Ausgang. Die Folgen kindlicher Traumata, wie sie durch Misshandlung, Vernachlässigung und Ausnutzung ausgelöst werden, werden häufig im Jugendlichenalter manifest, ebenso die Folgen unglücklicher physiologischer Ausstattungsmerkmale. Andererseits steht diese Entwicklungsphase des Übergangs wie wohl keine andere unter dem Einfluss vielfältiger Veränderungen, weiterführender Entwicklungen und anderer unvorhergesehener Entfaltungen.! (Kurt Ludewig s.S 178)

 

Mit anderen Worten, da gerade in der Phase der Adoleszenz frühkindliche Konflikte, Bindungsstörungen und Traumatisierungen oft in verkleideter Form wieder auftauchen, scheinen die Chancen während dieser Phase erhöht, dass alte Erfahrungen durch neue positiv "kompostiert" werden.

das Selbst

Ich möchte hier noch mal kurz theoretisch auf den Begriff des Selbst bzw. ICH eingehen. Fasst man die letzten Erkenntnisse der Hirnforschung (A. Damasio), der Säuglingsforschung ( Daniel Stern) und moderner Identitätstheorien ( Höfer) zusammen, so modelliert sich heraus, dass der heranwachsende Mensch es mit den folgenden Elementen seiner Psyche zu tun hat:

  • mit dem Körper-Selbst bzw. dem adaptiven Unbewussten Hier wird die früheste Geschichte der Interaktionen zwischen Mutter und Kind gespeichert. Daniel Stern (1985,1992) geht davon aus, dass am Anfang kleinste Interaktionseinheiten, die episodic memories, stehen. Diese winzigen Einheiten werden im emotionalen Erfahrungsgedächtnis zu größeren Einheiten gebündelt, den sogenannten RIGs (representations of interactions generalized) Sie sind unbewusst und vorsprachlich d.h. auf der Körperebene bzw. als Emotion gespeichert. Weil das emotionale Erfahrungsgedächtnis die wichtigsten Erinnerungen mit einer Bewertung - einem sogenannten somatischen Marker - versieht, haben die RIGs später großen Einfluss auf unsere Motivlagen, Beziehungen, Entscheidungen und Handlungsweisen. Neben dem so strukturierten Körperselbst entwickelt sich parallel
  • das ICH od. Bewusstsein, in dem Informationen der Außenwelt verarbeitet und so die bewussten me's erzeugt werden. James (1892) hat sehr früh die Begrifflichkeit von ‚I and me' geprägt, um zwischen dem ICH als erkennendem Subjekt und dem Ich als erkanntem Objekt i. S. eines "I think about me" zu unterscheiden. Durch die Interaktionen mit der Außenwelt entwickelt das ICH Mini-Theorien über sich selbst, eben die me's. Höfer (2000) spricht davon, dass in jeder Situation eine Information von 5 verschiedenen Erfahrungsmodi verarbeitet wird:
  • körperlich, kognitiv, emotional, sozial, produktorientiert Aus dieser Verarbeitung entstehen dann diese kleinen situativ angelegten Gedächtniseinheiten, eben die me's bzw. Selbstrepräsentationen, wie die kognitive Psychologie sie bezeichnet. Andere Forschergruppen sprechen von Teilselbsten, Selbstkonstrukten oder einfach nur Selbsten.
I und me

Das Kind bzw. der Jugendliche macht also z. B. mit anderen Personen jeweils unterschiedliche Erfahrungen. So kann er/sie z.B. für ein und dieselbe Handlung bei der Oma als "Engelchen" und bei den Eltern als "Teufelchen" angesehen werden. Die me's können aus unterschiedlichsten Inhalten bestehen:

  • Erfahrungsbereiche/ Tätigkeiten
    (Ich als Radfahrer/in, Ich als Computerspieler/in)
  • Gruppenzugehörigkeit
    (Ich als ‚Tokyo Hotel'-Fan, ich als Hundeliebhaberin, ich als Single)
  • Soziale Beziehungen
    (Ich als Tochter, ich als Freundin meiner Mutter)
  • Persönliche Attribute
    (Ich, die Romantische, die Gutaussehende, die Übergewichtige)

Zudem werden me's auf der Zeitachse angeordnet, d. h. sie haben einen retrospektiven, aber auch prospektiven Aspekt.

So kann es sein, dass bewusst erworbene me's an bereits vorhandene, unbewusste RIGs ankoppeln oder bewusst vorhandene me's ins Unbewusste verdrängt werden.

Interessant ist, dass bereits C.G. Jungs modulare Konzeption der Psyche (1) vieles von dem vorwegnimmt, auf dem aktuelle Identitätstheorien aufbauen.
Jung unterteilt das psychische System in die persona und den Schatten. Die persona wird in Auseinandersetzung mit der Umwelt geformt und hat zum Ziel, den Anforderungen des Kontextes, in dem man lebt, zu entsprechen.
Zur persona gehören also die me's, die absichtsvoll in der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Jung siedelt den Beginn der persona in der Adoleszenz an. Wenn Erikson als Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz den Aufbau einer Identität nennt, so entspricht diese der Jungschen Idee vom Aufbau einer persona.

Konsequenzen für den weiteren Verlauf

Wichtig an diesem Modell zur Selbst-Entwicklung scheint mir insbesondere der Aspekt zu sein, dass sich gerade in der Adoleszenz ein Möglichkeitsfeld eröffnet, in dem neue me's erzeugt d.h. neue Selbste "kompostiert" werden, die auch frühe, unbewusste RIGs quasi überschreiben können.

Konsequenzen für den weiteren Verlauf

Um aber neue me's zu erzeugen, bedarf es Situationen und Beziehungen, die das Selbstwertgefühl stärken, brauchen Jugendliche einen Bedingungsrahmen, in dem sie ihre eigenen Ressourcen spüren und erkennen können; darüber hinaus aber auch lernen, mit dosierten Kränkungen/Verletzungen umzugehen und Defizite zu bewältigen.

Die Chance, dass diese Gruppensituation für Nicole und Leonie den Bedingungsrahmen schuf, in dem eine Art psychosoziale und emotionale Nachnährung i.S. neuer Selbste stattfinden konnte, war groß und bestand aus einem Bündel verschiedener Faktoren: Dem Ort, das Atelier, der verlässliche Zeitrahmen, die feste Gruppe sowie ich als verlässliches Objekt mit positivem Interesse an den Mädchen.

Und dennoch war meine innere Haltung dem Projekt als meinem Experimentierfeld gegenüber eine gewesen, bei der mehr das kunsttherapeutische Konzeptinteresse/Agieren auf der Bühne gestanden hatte, denn meine Empathie den Mädchen gegenüber. Bisher hatte immer wieder die Gefahr bestanden, meine Vorstellungen und Deutungslinien den Mädchen aufzuoktroyieren statt mich ihnen von innen her zu nähern, mich an ihrem Erleben zu orientieren und von hier aus die psychodynamischen Verknüpfungen zu erarbeiten.

Emotionale
Aufmerksamkeit

Ich hatte mich wie eine Mutter (Nicoles Mutter!) verhalten, die zwar für Essen und Getränke, einen Raum, Farben und Programm sorgt, aber das Wesentliche missen lässt : emotionale Aufmerksamkeit! Andererseits hatte es in der 1. Phase immer wieder unerwartete Situationen gegeben (Leonies Ganzkörperbild, Nicoles Diebstahl, Geburtstagswunschbild für Nicole etc.), die mich berührt und in denen ich spontan die Gefühlsdurchbrüche der Mädchen getragen oder gehalten hatte. Es waren Augenblicke eines intensiven Gefühls von Zusammengehörigkeit und einer gemeinsamen Bedeutung.

Beziehung

Darin war Beziehung aufgeflackert und gefühlt. Es waren genau jene lebendigen Momente gewesen, in denen - jenseits von kunsttherapeutischen Aufgabenstellungen - winzige Irritationen an etwas tief verborgen Lebendigem arbeiteten. Bion drückt dies klar aus, wenn er feststellt, dass eine emotionale Erfahrung nicht isoliert werden kann von einer Beziehung. "Umgekehrt ist eine Beziehung nicht ohne eine emotionale Erfahrung möglich." Und die erste menschliche Beziehung, in der erste emotionale Erfahrungen gemacht werden, ist die Beziehung zur Mutter.

[1] C.G. Jung hat in seiner analytischen Psychologie die Psyche modular als aus Komplexen bestehend konzipiert.Die Komplexe als Basisbausteine bestehen aus unbewussten, vorbewussten und bewussten Anteilen. Jung sieht die Pole "unbewusst" und "bewusst" nicht als binäre Kategorien, sondern als zwei Endpunkte eines Kontinuums, auf dem sich auch die einzelnen Elemente von Komplexen ansiedeln können.

Phase II : "Containermama"

Wende zur Hinwendung - Das Mutter-Milieu

Natürlich war ich in etlichen Situationen der ersten Phase für die Mädchen auch zu einem neuen Objekt geworden, in denen es vor mütterlichen bzw. väterlichen Übertragungen nur so wimmelte. Es hatten sich Beziehungsfasern zwischen mir und den Mädchen durch verschiedene Situationen hergestellt, die einem Nährlösungsmilieu für neue Selbste glichen.

Winnicott (1963) hebt diesen Aspekt besonders hervor.Er war überzeugt, dass ein bestimmtes Milieu in der therapeutischen Beziehung die "Techniken der frühen und frühesten Bemutterung" reproduziere. Dazu unterschied er später den Aspekt der Umwelt - Mutter und den Aspekt der Objekt-Mutter. Die Umwelt-Mutter stellt den zunächst primären Aspekt dar und bezieht sich auf die Fähigkeit der Mutter, verfügbar und da zu sein, sowie ausreichend einfühlsam auf die Bedürfnisse des Kindes eingestellt zu sein und antworten zu können.

Umwelt - Mutter
Objekt - Mutter

Diese Beziehung ist eine grundsätzliche mütterliche Matrix, die, solange sie intakt ist, kaum registriert wird. Es ist wie mit Sauerstoff, den wir nicht bewusst wahrnehmen, solange er vorhanden ist.Für die therapeutische Situation ist der Aspekt der "Umwelt - Mutter" ganz bedeutsam: der/die TherapeutIn wird durch empathische Verfügbarkeit zur Umwelt und vermittelt dem Patienten dadurch basische Hintergrundsicherheit. Nur dadurch kann sich der Patient allmählich öffnen und sich auf neue und bisher unbewusste Bereiche in ihm selbst einlassen.

Es handelt sich um die zentrale Holding - und Containing - Funktion des Therapeuten, die mir am Herzen lag, und der ich im weiteren Verlauf des Gruppenprozesses nachspüren wollte. Ich, verknüpft mit dem Ort, dem verlässlichen Zeitrahmen, der Gruppe und dem kreativem Handeln/Malen - alles zusammen war ein komplexes Gewebe, das für Nicole und Leonie zur Umwelt-Mutter werden konnte.

Ich musste also nur loslassen und meine Aufmerksamkeit auf das richten, was von den Mädchen mitgebracht wurde und was "jetzt" im Gebärmutterraum, dem Atelier, passierte.
Zu Beginn des Projekts war es mir nicht ausreichend genug erschienen, einfach nur da zu sein. Ich hatte mich gemüßigt gefühlt, zu machen, zu agieren, zu konzipieren, zu kontrollieren. In der zweiten Phase änderte sich - neben meiner inneren Haltung - auch noch einiges anderes, so z. B. dehnten sich thematische Bildprozesse über mehrere Gruppenmale aus und vor dem Hintergrund meiner Containing - Haltung gab es keine Apriori-Trennung mehr zwischen Randereignissen und Bildgeschehen. Ich möchte diesen Umstand in die beschreibende Darstellung der zweiten Phase einfließen lassen, die dadurch mancherorts vielleicht flüssiger und vermischter erscheint.
Retrospektiv gesehen konnte ich vier Bögen in dem weiteren Gruppenprozess entdecken:

  • Öffnungen im Container - das Draußen kommt rein!
  • Zwischen ROT und ROSA - Beziehung zu einem neuen Gefühl
  • Zeige deine Maske - sie zeigt dich!
  • Abschied/Abnabelung

Öffnungen im Container - das Draußen kommt rein!

Wir begannen vor Weihnachten mit einer Übung, die sich über zwei Gruppentreffen erstreckte. Sie arbeitet auf zwei verschiedenen Ebenen, zum einen stark regredierend (Farbauftrag) und zum anderen fordert sie durch das Wirken der Phantasie die ICH - Funktion heraus.

Übung: "Ich entdecke etwas von mir...."

anwesend: Leonie, Nicole, Marlene und Susanne

Die Übung besteht aus zwei Schritten:

  1. Jede wählt sich zwei Farben, die auf einer eigenen Glasplatte mit Walze, Pinsel oder anderem Werkzeug aufgetragen werden. Anschließend wird die Glasplatte mit einem Papierbogen bedeckt, der ausgestrichen und abgezogen wird. Es handelt sich um das sehr primitive Abdruckverfahren der Decalcomanie -Technik.
  2. Nach dem Trocknungsprozess wird aus den abstrakten, zufälligen Farbkombinationen das herausgearbeitet, "was einem darin begegnet": Das eigene Bild/eine Figur/ein Objekt o. ä. Letzteres kann mit Tusche oder Jaxon - Kreiden geschehen.

Bildprozess

Der erste Schritt gestaltete sich sehr wild, schmierig und lustvoll. Juchzen, wenn die Farbe obszön aus der Farbflasche herausquoll und auf die Glasplatte platschte.
Staunen über die entstandenen Farbmischungen oder auch darüber, sich wie der Farbauftrag durch unterschiedlichste Werkzeuge veränderte. Alles, was in greifbarer Nähe war, wurde ausprobiert - von der Zahnbürste, Keksförmchen, Walze und Schwämme bis hin zu Fingernägeln.
Meine Rolle während des Bildprozesses war stark dienend: Ich besorgte, was gebraucht wurde, half, wenn etwas schief zu gehen drohte etc.
Die Gruppe agierte ziemlich eigenständig, unterstützte sich, reagierte positiv und in Gegenseitigkeit auf die schnell entstandenen Produkte. Der Atelierraum wurde zusehends eingenommen von den vielfältigen Farbabzügen, die alle zum Trocknen ausgelegt und aufgehängt werden mussten. Diese Belagerung schien wie eine weitere Zeichensetzung dafür, dass sie sich unbewusst den Raum angeeignet.

Eine neue, alte Situation für Leonie

Der Bruder bricht ein - ein altes Muster reinszeniert sich

Inmitten dieser sprudelnden und intensiven Aktivität stand plötzlich Leonies Bruder im Raum - unangemeldet und für alle eine spürbare Irritation. Er hatte seinen Hausschlüssel vergessen und schien irritiert darüber, seine Schwester in dieser lebendigen Atmosphäre vorzufinden. Leonie war ihr Stolz anzumerken und sie verhielt sich wie eine Gastgeberin zu Hause.
Die Irritation hatte auch mich erfasst. Ich bemerkte bei mir Sorge, dass durch die Präsenz des Bruders Leonie eventuell wieder in dem alten symbiotischen Muster verschwinden würde. Dass seine Anwesenheit ihr den gerade eroberten eigenen Raum nahm. Andererseits spürte ich, dass sie ihn gerne dabei gehabt hätte, um ihm stolz ihre neue Welt zu zeigen, oder waren es doch nur ihre alten symbiotischen Sehnsüchte, die sich da regten?
Aus irgendeinem Grund, den ich nicht hätte nennen können, erschien es mir wichtig, dass Leonie ihre Beziehung zu ihrem Bruder in diesem Containerraum erfahren sollte. Das Atelier war auch zu ihrem Raum geworden, hier war ihre Gruppe und sie fühlte sich hier sicher und vertraut.

Ich machte ihm das Angebot ein paar Schnupper-Decalcomanien mitzumachen. Leonie erklärte ihm alles, und ich beobachtete, wie sie allmählich durch das Kümmern nur noch mit ihm und seinen Problemen beschäftigt war und keine Zeit mehr für ihre eigenen Farbabdrucke fand.

Sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen verloren, konnte sich nicht abgrenzen. Zudem war zu beobachten, dass je lebendiger und ausgelassener der Bruder agierte, desto emotionsloser und zurückgezogener wurde Leonie - so wie ich sie anfangs wahrgenommen hatte. Als hätte sie alle Emotionen an ihren Bruder abgegeben bzw. auf ihn projiziert. Durch den Bruder, der mir wie eine prothetische Verlängerung der Mutter erschien, hatte sich hier tatsächlich jenes alte symbiotische Muster reinszeniert. Ein Muster, was immer wieder verhindert hatte, dass Leonie sich gut und angstlos trennen konnte, um eigene ICH-Stärke aufzubauen.

Übertragung-
Containing

Als der Bruder sie fragte, ob er das nächste Mal auch dabei sein könne, verwies sie ihn an mich. Ich verneinte. Den Verweis an mich empfand ich als hilflose Geste von Leonies inneren Konflikt, einerseits ihren Bruder in der Nähe zu wissen und andererseits sich von ihm trennen zu wollen, um das Eigene zu schützen. Sie übertrug es mir. Ich hatte damit bewusst den Gegenpart zur realen Mutter eingenommen, die von Leonie erwartet, dass sie sich mütterlich um ihren Bruder kümmert. In meinem NEIN lag also zweierlei: die scharfe Trennung von dem Bruder - und der Mutter - und damit gleichzeitig ein JA für Leonie. Obwohl es nicht nötig gewesen wäre, verließ der Bruder nach meinem NEIN sofort das Atelier.

Assoziationen zu Leonie

Die Tür zum eigenen
Raum

Leonie hatte bezeichnenderweise aus ihrer Bilderflut von Decalcomanien eines ausgewählt, in dem sich die vorangegangene Situation zu spiegeln schien und geradezu in dem Symbol der Tür gerann. Ein zweiflügeliges Tor bzw. Tür mit rotem Rahmen und rotem Knauf hatte sie aus den Farbmixturen für sich ‚herausgesehen'. Mir fiel die Ähnlichkeit ihrer Tür zur Ateliereingangstür auf. Sie verband sich assoziativ gerade mit der vorangegangenen Szene ihres Bruders; war er doch durch diese Tür hereingekommen und fort gegangen. Die Tür war eine Trenn-Verbindung. Auch das eigene Zimmer/der eigene Raum in der familiären Wohnung war nach wie vor ein virulentes Thema für Leonie. Denn ein eigenes Zimmer für Leonie bedeutete auch das gemeinsame Zimmer mit dem Bruder verlassen - die Tür zumachen können ist immer auch eine Trennung/ Abgrenzung. Der Atelierraum war so gesehen eine Art Trainingsfeld für Leonies eigenes zukünftiges Zimmer.

Rechts am Bildrand befindet sich eine dunkelblaue Schattenfigur, die mit der Tür durch den hauchigen, orangenen Lichtschein verbunden ist, wenngleich sie draußen vor der Tür bleibt. Leonie war über sich selbst erstaunt, dass sie diese Tür in ihrer Decalcomanie gefunden hatte. Beim gemeinsamen Betrachten des Bildes sprachen wir andeutungsweise über das Gefühl, die Tür hinter sich zumachen zu können bzw. über die Erwartungen und Phantasien, die sich angesichts einer geschlossenen Tür in einem abspielen. Als ich nachfragte, wie es denn um ihr eigenes Zimmer stehe, wehrte sie ab und wollte nichts davon hören. Möglicherweise war durch die Situation mit ihrem Bruder und der Tür im Bild bereits zuviel in ihr angerührt worden.

Assoziationen zu Nicole

Es war auffällig, dass Nicole dieses Mal ausgesprochen still und konzentriert für sich arbeitete. Sie wirkte traurig und wie in abwesender Trance. Was sie aus ihrer Decalcomanie herausholte bzw. sehr entschieden hinzufügte, rührte mich stark an, denn da gab es kein Versteckspiel mehr. Sie hatte eine Figur aus ihrer Farbmixtur ans Licht befördert, die sie mit einem fast körpergroßen Riesenherz versehen hatte.

Assoziationen zu Nicole

Ein Herz am Spieß, zerrissen in zwei Richtungen. Ein kleiner Rest aus einem alten visuellen Muster wurde sichtbar: dies lächelnde Schemagesicht, was auf die Gefügigkeit und Angepasstheit Nicoles rekurrierte. Die Figur glich einem auf dem Rücken liegenden Käfer - bewegungslos bzw. ohnmächtig der Herz-Situation ausgeliefert. Unter der linken Fußsohle ein schwarzes, auf dem Kopf stehendes Herz.

Erst eine Woche später erfuhr ich von Nicoles Betreuerin, dass sich Nicoles Eltern getrennt hatten und der Stiefvater ausgezogen sei. Nicole werde von der Mutter in der letzten Zeit vermehrt geschlagen, weshalb eine Familientherapie für die beiden anstünde, so die Betreuerin.
(An dieser Familientherapie nahmen beide allerdings nur zweimal teil.)
Vermutlich war es die Trennung ihrer Eltern und deren Folgen, die Nicole innerlich zerrissen. Durch die Trennung war sie den Affekten ihrer Mutter in doppelter Weise schutzlos ausgeliefert. In ihrem Stiefvater hatte sie einen zwiespältigen Verbündeten verloren, der sie gelegentlich vor der schlagenden Wut der Mutter in Schutz genommen hatte. Jetzt, da er gänzlich verschwunden war, gab es für Nicole gar keinen Schutz mehr vor den Gewaltausbrüchen der Mutter.
Ihr Bild brachte diese Situation unmissverständlich zum Ausdruck.

Gegenübertragung

Es war das erste Mal, dass Nicole so viel Innerei von sich in einem Bild gezeigt hatte - diesmal hatte es kein Nachahmungsbedürfnis von ihrer Seite aus gegeben. Sie war mutterseelenallein. Es berührte mich tief, sie so aufgeweicht zu sehen. Mir kam diese tiefsitzende, ausweglose Traurigkeit, dieses Alleinsein aus meiner eigenen Kindheit/Jugend bekannt vor.
Nicht nur das ‚Von-der-Mutter-verlassen-worden- sein', sondern auch das Empfinden von Schuld über die eigene Existenz. Ich versuchte das tiefe Gefühl, das sie von sich auf das Bild "geworfen" hatte, für sie noch einmal in Worte zu fassen: Das Männchen mit dem großen Herzen müsse ja durch den Pfeil große Schmerzen haben und es sei erstaunlich, dass es dabei immer noch lächeln könne oder müsste - denn, das würde doch eigentlich noch mehr weh tun.

ES arbeitet
...am ICH

Nicole sah mich ungläubig, traurig an und nickte stumm. Sie hatte etwas gesehen, wollte aber nicht darüber reden. Aber es schien ihr sehr wichtig, dass es von mir und auch den anderen gesehen wurde, denn sie hängte ihr Bild zu den anderen an die Wand. Bereits das gemeinsame Anschauen und die handelnde Wertschätzung durch das Aufhängen ließ zwischen mir und Nicole jenes Bündnis entstehen, von dem G. Schmeer spricht: " ...es scheint eine unmittelbare Beziehung zu bestehen zwischen dem Unbewussten des Therapeuten und dem Unbewussten des Patienten, sodass das reine Bemerken, die Aufmerksamkeit, die der Therapeut dem ICH im Bild zollt z.B. in dem er zuhört (bzw. anschaut und wahrnimmt. Anmerk .d. Verf.) zu einem unbewussten Bündnis wird."

Je öfter man ein Bild anschaut, desto tiefer blickt es zurück ...

Der Akt des Aufhängens im Raum ist immer auch eine Wertschätzung - ein Sehen und Gesehenwerden durch das Bild. Ein unbesprochenes Bild für alle sichtbar aufzuhängen, schafft eine eigene Realität und zählt m. E. auch zur therapeutischen Haltung des Containens. Durch diese bewusste Präsenz des Bildes im Raum konnte sich Nicole schnittchenweise jene Selbstanteile aus dem Bild nehmen, die sie verkraftete.

An dieser Gesamtsituation wurde mir klar, wie wichtig der Umgang mit unbesprochenen Bildern ist. Natürlich arbeiten auch unbesprochene Bilder, denn das Unbewusste beginnt auf jeden Fall mit dem Integrationsprozess - "es arbeitet" weiter und liefert dem ICH - Bewusstsein neues Bildmaterial (G. Schmeer).

Neu anfangen mit Altem - alter Geburtstag im neuen Jahr

Das erste Gruppentreffen im neuen Jahr stand im Zeichen des Neuanfangs. Das neue Jahr und Leonies Geburtstag sollten entsprechend gewürdigt werden, auch thematisch mit einer Übung.

Leonie hatte am Ende des alten Jahres Geburtstag gehabt, den sie aber aufgrund eines Sportunfalls nicht hatte feiern können. Zweimal war sie nicht zur Gruppe erschienen, obwohl verabredet war, dass wir ihren Geburtstag nachfeiern wollten.
Leonie hätte ihren Geburtstag noch nie richtig gefeiert, so Marlene. Meist sei sie krank gewesen. Außerdem hätte sie dieses Mal wohl auch noch andere Probleme zu Hause mit der Mutter gehabt. Umso dringlicher erschien es mir, in der Gruppe eine kleine Nachfeier für Leonies Geburtstag zu initiieren, um diesen gravierenden Mangel zu kompensieren.
War dieser Unfall oder gar das Krankwerden zum Geburtstag eine autoaggressive Abwehrhaltung von Leonie gewesen ? Oder verschaffte sie sich unbewusst negative Aufmerksamkeit an ihren Geburtstagen, weil sie die positive nicht kannte oder nicht aushalten konnte?
Es war, als würde sie sich fast selbst ignorieren bzw. hätte die Ignoranz/ Verleugnung des Vaters ihr gegenüber introjiziert. Während der kleinen Nachfeier nämlich hatte sie mehrmals betont, dass ihr Vater sich in den letzten Jahren nie zu ihrem Geburtstag gemeldet hätte - kein Anruf, keine Postkarte, kein Geschenk!

Mit dieser Selbstverleugnung, konnte sie möglicherweise auch die tief sitzende Trauer darüber verleugnen, dass sie nicht mehr für ihn existierte?
Die anderen beiden - Nicole war noch nicht da- ließen die Wut auf den Vater Leonies zwischen Tee und Kuchen los, was Leonie spürbar entlastete und letztlich auch einem Akt des "Containens" seitens der Gruppe gleichkam.
Mit der kleinen Nachfeier war Leonie in den Mittelpunkt gerückt. Minimale mütterliche Gesten von mir - das kleine Geschenk, der Kuchen und die 13 Teelichter, die sie anzünden sollte, hatten sie tief bewegt. Sie fühlte sich wohl, gesehen und angenommen. Je mehr Leonie in der Gruppe den abwesende Vater erwähnte d.h. je präsenter er wurde, desto stärker waren neue Abgrenzungstendenzen ihrer Mutter gegenüber zu beobachten: Ende des letzten Jahres hatte sie sich stolz mit ihrer neuen Brille

Neue Brille
- neuer Blick

präsentiert, die sie gegen den Willen und Geschmack ihrer Mutter durchgesetzt hatte. Die Brille war angesichts der extrem sichtbaren Augenfehlstellung bei Leonie emotional stark besetzt. Einerseits verwies sie auf ihren unübersehbaren Makel, den sie stets zu verstecken suchte, andererseits war die neue Brille durch die eigenständige Wahl zu einem positiven Identitätszeichen geworden, mit der sie sich von der Mutter abgrenzte und ihr Selbstwertgefühl stärkte. Neu war aber vor allem, dass es um Veränderung ging und Leonie sich bislang aus einem erhöhten Schutz- und Sicherheitsbedürfnis heraus gegen Veränderungen gewehrt hatte.

Gegenübertragung am Rande

Neid in der projizierten Gegenübertragung

Als wir mit Leonies Nachfeier fertig waren und mit der Übung anfangen wollten, kam Nicole. Insgeheim bemerkte ich bei mir eine unterschwellige Erleichterung über ihr zu spät Kommen. Etwas in mir hatte befürchtet, dass sie vielleicht hätte neidisch werden können. Denn, so mein Empfinden, hatte ich mich nicht mehr und intensiver um Leonies als um Nicoles Geburtstagsnachfeier gekümmert? Dass Nicole dies eventuell realisieren könnte, formierte unterschwellige Schuld- und Schamgefühle in mir. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen Leonie - Nicole in mir die gegenseitig Neid besetzte Beziehung zu meiner jüngeren Schwester wachrief. Sie hatte i. G. zu mir alle positive Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Gefühlsmäßig hatte sie immer mehr bekommen als ich, und zwar ohne etwas dafür tun zu müssen. So projizierte ich meinen Neid auf Nicole und identifizierte mich mit Leonie, der ich narzisstische Zufuhr und Nachnährung gewährte.

Übung "Das Anfangsbild"

Auch die Geburtstagsübung stand thematisch im Zeichen des Neuen i. S. eines Anfangs. Leonie hatte als einzige ein naturalistisches Symbol gewählt: ein Küken, noch halb im Ei, in tiefster dunkler Nacht.

Das Küken schaut ziemlich erschrocken in die Welt und wirkt eher, als sei ihm die obere Eihälfte brutal abgezogen worden. Ungewöhnlich zögerlich hatte Leonie ihrem Küken erst ganz zum Schluss Augenpünktchen und Schnabel gemalt. "Ich hab Angst kaputt zu machen"( Zit. Leonie).
In der Malerei - und davon erzählte ich auch - gibt es immer wieder mythische Geschichten darüber, dass eine gemalte Figur erst durch die Augen lebendig wird, doch Leonie selbst fand ihr Küken ganz und gar unlebendig und steif, wollte es deshalb sogleich wieder abhängen und vernichten. Aber die anderen fanden ihr Bild gut, weil es vielfältige Assoziationen in der Gruppe auslöste. Geburt wurde u. a. auch deswegen zum Thema, weil Marlene von ihrem innigen Berufswunsch "Hebamme" erzählte.

Über die hilflose Verletzlichkeit kleiner Säuglinge spannte sich ein Bogen zu Leonies Bild und der Angst des kleinen Kükens, mutterseelenallein, ohne schützende Eihülle, der dunklen Nacht ausgesetzt zu sein.

Leonies kleine Neuanfänge, sei es das eigene Zimmer oder ihre neue Brille waren verbunden mit Abgrenzungen von der Mutter/Trennung vom Bruder und einer darin hockenden, ganz frühen Angst - das zeigte sich in dem Kükenbild. Das neue Gefühl hatte sich hier mit dem ganz alten Gefühl vermischt, nämlich der tief sitzenden, unerträglichen Angst Leonies allein bzw. verlassen zu sein.

Durch das flanierende Sprechen und die Raumpräsenz des Mutterseelenallein-Küken, konnte sich Leonie allmählich mit dem Bild anfreunden d. h. auch ihre Angst etwas anschauen und zulassen. Die Gruppensituation hatte sie mit ihrer Angst "contained".

Nicole war durch ihr zu spät Kommen ein wenig außerhalb der Gruppe. Sie arbeitete im Raum an der Solo-Wand, wohingegen Leonie, Susanne und Marlene alle in der anderen Ecke des Raums malten.

Mit einer großen und kleinen Walze hatte sie eine orange-gelbe Fläche hergestellt, die mich an die Hausfassade ihres eigenen Geburtstagsbilds erinnerte. In der Ausführung selbst lag bereits etwas im wahrsten Sinne des Wortes "aggressiv Niederwalzendes".
Zum Schluss hatte sie die "Fassade" mit fünf schwarzen Querstrichen geradezu durchgestrichen. Zuletzt, fast wie eine Versiegelung setzte sie eine Sonne oben drauf - diesmal ohne Schemagesicht. Die gelb-orangenen Farben riefen mir wieder die Struwwelpeter-Geschichte "Paulinchen war allein zu Haus" ins Gedächtnis.

Vielleicht gab es hier einen Zusammenhang zur aktuellen Trennungssituation der Eltern zu Hause. Im Gegensatz zur der sehr chaotischen "Hausfassade" auf ihrem Geburtstagsbild, wirkte die Fläche sehr viel mehr strukturierter und klarer. Doch, dass Nicole die Sonne so mittig ins Bild über alle Schichten gesetzt hatte, schien mir noch wesentlicher zu sein. Bei der Sonne bzw. dem Kreis mit Strahlen handelt es sich um eine symbolische Urform, die, wie auch andere Urformen (Kreis, Spirale etc.), aus frühen ICH-Entwicklungsphasen stammen.

Wenn Kleinkinder beginnen ihre Umwelt zu entdecken z. B. in den Trennungs - und Wiederannäherungsphasen von der Mutter s.M. Mahler), sind in den Kinderzeichnungen oft diese Sonnensymbole zu finden.
Der Kreis mit Strichen gleicht einem Tastkörper, der seine Fühler nach außen streckt. Vielleicht hat sich hier im Bild Nicoles frühkindliche Erfahrung regressiv reinszeniert, evoziert durch die aktuelle Trennungssituation ihrer Eltern.
Seit der Trennung ihrer Eltern war zu beobachten, dass Nicole sich von der Gruppe absonderte, andererseits aber umso mehr meine Nähe vor bzw. nach der Gruppe suchte.

Als alle bereits gegangen waren, erzählte sie, dass sie zu Weihnachten von ihrer Mutter ein Häschenpaar geschenkt bekommen hätte. Freude darüber war ihr nicht unbedingt anzumerken. Entsprach dieses Geschenk der Mutter etwa einem Abwehrmechanismus, mit dem die Mutter Verlassenheitsgefühle ihrer eigenen Trennung auf Nicole verschob? Die Häschen und deren beginnender Sexualverkehr wurden während der nächsten Male immer wieder von Nicole thematisiert. Es schien als würde sich in ihnen für Nicole noch einmal die Beziehung ihrer Eltern vor der Trennung spiegeln.

Der interpsychische Raum hatte sich durch die äußeren Ereignisse und die dadurch ausgelösten Emotionen von Leonie und Nicole erweitert, denn sie waren auf sehr unterschiedliche Weise in die Gruppe hineingetragen und von dem Gruppen - WIR emotional "gehalten" worden. Dieses Containing ermöglichte einen Weg zur Regression d.h. ein Zulassen von Gefühlen wie Angst und Traurigkeit, die aus früheren Phasen zu stammen scheinen. Inwieweit diese Regression im Dienste des Ichs, jener viel beschworenen therapeutischen Wandlung, stand, vermochte ich zu jenem Zeitpunkt nicht abzuschätzen.

Zwischen ROT und ROSA - Beziehung zu einem neuen Gefühl

Zu Beginn des nächsten Gruppentreffens hatte mir Leonie gut gelaunt eine winzig kleine Schelle in Form eines Autos geschenkt, die sie auf der Strasse gefunden hat. Mich rührte diese Geste, nahm ich sie doch als Ausdruck von Dankbarkeit wahr. Aber auch ich selbst empfand Dankbarkeit gegenüber Leonie, angesichts ihrer neuen emotionalen Offenheit.

Ich möchte im Folgenden auf einige Übungen eingehen, die m. E. noch tiefer in die Regression führten.

Übung "magichmagichnicht"

anwesend: Marlene, 20 Min. zu früh; Susanne, Leonie und
Nicole, 20 Min. zu spät

Für die Übung sollte sich jede zwei Dinge aus einem Fundus von Alltagssachen aussuchen, die ich auf den Tisch geschüttet hatte. Sie sollten einen Gegenstand wählen, den sie schön fanden und einen anderen, den sie ablehnten. Anschließend sollten sich beide Gegenstände auf einem Blatt Papier treffen bzw. malerisch in Beziehung gesetzt werden. Die Wahl der Farben - ob flüssig oder fest - war offen.

Angestrebte Erfahrung

Die gewählten Objekte symbolisieren die positiven und negativen Anteile des Selbst. Bereits in dem kreativen Akt beide in einem Bildraum Gestalt werden zu lassen und sie dort in Beziehung zu setzen, findet primäre Integrationsarbeit statt.

Übertragungsfehler

Interessant war für mich im Nachhinein, dass ich weder die Objektwahl, noch das daraus entstandene Bild von Nicole dokumentiert habe. Damit war ich in unbewusste Strudel eigener Gegenübertragungen geraten. Bis heute habe ich keine Erinnerung daran, wie das Bild von Nicole ausgesehen hat. Ich hatte Leonie bei diesem Gruppentreffen so viel Zeitraum zugestanden, dass ich Nicole vollständig ausgeblendet hatte. Damit hatte ich sie also ähnlich "verlassen", wie sie dies von ihrer Mutter kannte, wenn ein Mann oder eine andere "bessere" Person auftauchte. Auch ich hatte einer anderen Person, nämlich Leonie, den Vorzug gegeben und ihr meine ganze Aufmerksamkeit gewidmet.

Und nicht nur das - sie durfte an meinem persönlichen Arbeitstisch arbeiten, weil der Gruppentisch zu klein war. Damit hatte ich eine Grenze überschritten, die ich bislang z.B. gegenüber den anderen der Gruppe und besonders Nicole gegenüber immer wieder eingefordert habe. Wodurch war das passiert?
Es war Leonies kleines Geschenk an mich gewesen, durch das ich in eine Gegenübertragung gerutscht war, die auf bereits oben skizzierter projektiver Identifizierung basierte.
Mit kleinen Geschenken hatte ich selbst als Kind ebenfalls versucht die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen, war jedoch meistens damit gescheitert. Jetzt hatte Leonie mich mit ihrem kleinen Geschenk gesehen und ich hatte ihr - in der Mutterübertragung - meinen Arbeitstisch "geschenkt", eine wiedergutmachende Geste an mein inneres Kind, die gleichermaßen emotionale Nähe für Leonie bedeutete.

Aber durch diese Nähe-Verbindung zu mir, hatte ich sie von der Gruppe getrennt.

Zur Objektwahl von Nicole und Leonie

Die Wahl der Dinge fiel bei beiden folgendermaßen aus:
Leonie Bernstein (+) und rosa Wasserpistole (-)
Nicole eine kleine Elfe (+) und Feuerzeug (-)

Bei Nicoles ‚Elfe und Feuerzeug' tauchte, wie schon das letzte Mal - spontan die Struwwelpetergeschichte "Paulinchen war allein zu Haus" auf. Das Spiel mit dem Feuer enthielt etwas von der Angstlust, die sich in der Geschichte (auto-) aggressiv bzw. wütend symbolhaft widerspiegelte. Ich ahnte, dass es etwas mit Nicoles innersten Gefühlen zu tun haben musste, andererseits kamen mir Zweifel, ob diese penetrant wiederkehrende Assoziation wirklich noch etwas mit Nicole zu tun hatte oder sie vielleicht nicht doch eher eine gute Portion Gegenübertragungspatina enthielt. Vielleicht war ich aber auch schlicht in die Falle des festschreibenden Vorwegwissens geraten? Es war nicht einfach, diese nicht wissende Unsicherheit auszuhalten.

Leonie hatte den ockerfarbenen Bernstein als positives Objekt gewählt, in dem Lebendiges, wie kleine Insekten, über sehr lange Zeiträume eingeschlossen ist. Dass Bernstein so uralt und gar nicht kalt sei, das gefalle ihr. Die Wasserpistole hingegen verabscheute sie, besonders wegen der grässlichen Rosa-Farbe. Sie empfand beides als aggressiv: Objekt und Farbe.
Das Spielerisch-Narzisstische, was der Farbe Rosa anhaftet und der fast jedes Mädchen zwischen drei und fünf Jahren verfällt, wehrte Leonie vehement ab.Natürlich handelt es sich auch um eine Farbe, in der sich erste weibliche Identität mit narzisstischer Aufmerksamkeitssehnsucht paart.

Bildprozess

Widerstände gegen
Rosa

Leonie arbeitet an meinem Arbeitsplatz. Als einzige will sie mit flüssiger Farbe malen. Alle anderen arbeiten mit Jaxon-Kreiden. Sie beginnt links mit einer großen ockerfarbenen amorphen Fläche (= Bernstein); rechts daneben malt sie ganz konkret eine rosa Wasserpistole, die ein wenig wie ein Flugzeug wirkt. Plötzlich kommt Unlust bei ihr auf; sie schwingt den Pinsel peitschenartig hin und her: "Das ist langweilig!". Dann scheint sie den Pinsel mit verhaltener Aggressivität mehr aufs Blatt zu werfen als zu führen - und plötzlich verweigert sie das Malen ganz und gar "Das ist doof!". Ich setze mich zu ihr, versuche zu ergründen, was sie langweilig findet. Sie findet jetzt alles doof - die ganze Übung und sie findet das Rosa der Pistole "so doof und kitschig wie eine Barbiepuppe". Dann schweigt sie. Ihr rollt eine Träne über die Wange. Ich fühle in der Übertragung ein Gemisch aus Verletztsein, Hilflosigkeit und ein Ausgeliefertsein. Gleichzeitig aber auch das Bedürfnis, sie schnellstens daraus erlösen zu müssen. Eine sich anbahnende Abwehr. Ich versuche, diese Gefühlsstimmung nicht weg zu agieren, sondern bleibe bei ihr sitzen - schweigend und reiche ihr ein Taschentuch.

Übertragungsanteile

Bei dem Versuch, die rosa Pistole mit ins Bild zu integrieren, ist ihre innere Spannung, die schon bei der Auswahl der Objekte aufgetaucht war, als Unlust manifest geworden. Aus Unlust wurde Aggression (peitschender Pinsel) und daraus Traurigkeit. Die innere Spannung löste sich als Träne bzw. Trauer.Die Träne rief mir wieder die Bildsituation aus der ersten Phase (s. S. 33/Ganzkörperbild) ins Gedächtnis, wo es die grenzüberschreitende Farbträne gewesen war, die bei Leonie einen zerstörerischen Wutanfall ausgelöst hatte. Jetzt war es tiefe Traurigkeit.

Aggression und Traurigkeit

Wenn es so etwas gibt wie ein Gruppen - ICH bzw. -WIR, dann schwang dieses Gruppen - ICH empathisch mit der Traurigkeit von Leonie, besonders Nicole. Denn sie nahm als erste wahr, dass Leonie weinte, obwohl sie weit entfernt saß. Sie fragte vorsichtig nach dem Warum, machte die anderen am Tisch darauf aufmerksam. Ich ging kurz auf Nicoles Frage ein, in dem ich betonte, wie wichtig es manchmal sei, Tränen und Traurigkeit fließen lassen zu können.
Leonie sitzt vor ihrem Bild, vornüber gebeugt, still und in sich versunken, ich neben ihr. Die anderen sind weit weg im Raum. Nach diesem kurzen Moment der inneren Versunkenheit, spüre ich Leonies Scham, gemischt mit Wut über sich selbst. Am liebsten würde sie das Bild jetzt zerknüllen und wegwerfen. Ich spreche es leise an und schlage ihr vor, zu versuchen, das Bild frei zu verändern. Es klingt ein wenig nach Ermunterung, den Kampf nicht aufzugeben.
Sie nimmt an, malt weiter, arbeitet jetzt mit Rot gegen das Rosa und die noch stark flüssige Farbe im Bild an. Doch Weiß, Rot und Ocker mischen sich immer wieder zu einem Rosa, wenn auch nicht jenem kreischenden, sondern eher einem ruhigeren Rosa-Orange, das sie so akzeptieren kann.

Deutungsversuch

Leonie konnte ihre beiden "Selbst-Objekte" (Bernstein und Pistole) im Bild offensichtlich nur im Verschwinden bzw. symbiotischen Vermischen ertragen. Das Aussuchen, Ansehen und der erste Malversuch ihrer Objekte hatte zu einem derartig wuchtigen Gefühlskarussell geführt, dass sie die Objekte vorerst wieder verschwinden lassen musste, um die Gefühle ertragen zu können. Möglich, dass es sich hierbei um die viel beschworene Regression im Dienste des ICH handelt, aber ein eindeutiges Wissen darum gibt es nicht. Es schien mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht um Weg weisende Deutungen zu gehen, sondern wesentlicher um ein sich Selbst-Spüren in dem Gefühl, das Leonie bislang als so bedrohlich und vernichtend erschienen war, dass sie es nicht hatte zulassen können. Sie hatte Angst vor dem Durchbruch ihrer Gefühle, besonders vor der Traurigkeit.

Revolte der Gruppe

Beim Aufhängen der Bilder, beginnt Marlene mit mir plötzlich einen rebellischen Disput über die Unsinnigkeit von Aufgabenstellungen. Warum es denn nicht möglich sei, einfach mal frei zu arbeiten. Es war, als würde Marlene in die Übertragung von Leonie hineinschlüpfen und just die Befreiungsgedanken von Leonie äußern. Leonie war schließlich durch die Aufgabenstellung aus der anfänglich guten Stimmung in die Trauer gerutscht. Die anderen der Gruppe scheinen sich mit Marlene zu solidarisieren. In ihrem Schweigen liegt Zustimmung.

Übertragung - Gegenübertragung: Aggression - Trennung

Mutterkonflikt

Ich spüre Aggression in mir aufkommen, fast trotzig erwidere ich der Gruppe, frei malen könnten sie ja auch zu Hause, also ohne mich. Dies hier sei eine besondere Malgruppe. Die Gruppe verbündet sich gegen mich. Die Stimmung ist gespannt. Woher rührt mein aggressiver Trotz gegen die Gruppe? Sicher gibt es einerseits die Übertragung der Gruppe, darin ist ein Stück Abnabelung, Abgrenzung, ein Stück gewachsenes ICH enthalten. Aber darin arbeitet auch meine Gegenübertragung: Ich hatte ihnen ein Geschenk gemacht mit dieser Gruppe, aber anstatt es dankbar anzunehmen, trennt sich die Gruppe von mir und zeigt, dass sie nicht meine Gruppe ist.

Hier formiert sich der Mutterkonflikt in doppelter Weise - ich als Tochter meiner Mutter, aber auch jener mit meiner eigenen gleichaltrigen Tochter.

Gelöst werden kann dieser Konflikt durch eine gute Trennung:

  1. es wird über das Freimalen abgestimmt d. h. die nächsten zwei
    Male wird frei gemalt und
  2. ich bitte sie, ihre Bilder vom letzten Jahr mitzunehmen

Es fühlt sich ein wenig wie eine Übereignung an, als ich ihnen die Mappe mit ihren Werken aushändige, die bei mir fast ein Jahr sicher verwahrt blieb (contained!) und für die sie jetzt selbst Verantwortung übernehmen können.

Gruppen - ICH

Das gemeinsame Anschauen ihrer Bilder verbindet die Gruppe noch mal auf einer anderen Ebene. Sie tauschen ihre Bilder gegenseitig als Geschenke aus. Wie eine Reise zurück in eine gemeinsame Vergangenheit an fühlt es sich an: Der ganze Atelierboden ist gepflastert mit ihren Bildern. Was ist meins, was ist deins? wird hin - und hergerufen und darin schwingt noch etwas anderes mit als nur eine sortierende Anweisung. Hier geht es um das ICH und das DU, um eine Abgrenzung trotz aller Gemeinsamkeiten. Ich bin nicht mehr wichtig. Diese Szenerie zu beobachten, wie sie alle - selbstständig - ihre Bilder austauschen und voneinander trennen, ruft in mir kurz Stolz, aber auch Wehmut und Abschied hervor.

Die freie rote Zone

Anwesend: Nicole, Marlene und Susanne

Diese folgenden beiden Maltermine waren die mir abgetrotzten, vereinbarten freien Male, in denen es keine Vorgaben meinerseits gab.

Leonie ist abwesend

Leonie, die ja Auslöserin für diese "kleine Freiheit" gewesen war, erschien nicht. Laut Marlene hatte Leonies Mutter ihr die Malgruppe verboten. Die Gründe waren unklar. Leonie musste dies hart treffen, denn die Malgruppe war mittlerweile zu ihrem Ort geworden, wo sie sich wohlfühlte. Jeglicher mütterlicher Sorgepflichten für den Bruder entlastet, konnte sie sich vollständig auf sich konzentrieren. Fast schien es, als wolle gerade die Mutter diese Eigenbewegungen ihrer Tochter aus Angst vor Trennung sanktionieren.

Das aufkeimende Selbstbewusstsein Leonies hatte sich in den letzten Monaten immer häufiger in offenen Konflikten mit der Mutter geäußert, denn sowohl die Gruppe als auch der Ort gaben ihr sicheren, emotionalen Rückhalt.

Nicole ist zu früh

Nicole tauchte dagegen eine halbe Stunde zu früh auf - ein Verhalten, das sie auch die nächsten Male beibehalten sollte. Durch ihr zu früh Kommen realisierte ich Schuldgefühle ihr gegenüber. Immer wieder hatte ich sie in der letzten Zeit vernachlässigt zugunsten Leonie. Andererseits schien sie gut für sich zu sorgen, indem sie mir jetzt einfach Zeit "klaute".

Normalerweise sind klare Zeitgrenzen für den Anfang und Ende einer therapeutischen Sitzung eine essentielle Bedingung, doch hier manifestierte sich eine Mutterübertragung von Nicole auf mich. Durch dies Verhalten holte sie sich bei mir "die gute, schützende Mutter" ab. Nicole wollte mein Dasein - allein ohne Gruppe. Sie genoss es, still vor sich hinzumalen oder sich etwas anzuschauen,

mütterliche Nachnährung

manchmal etwas zu erzählen, während ich die Materialien für die Gruppe vorbereitete. Eine Situation, die an jene frühkindlichen Entwicklungsphasen erinnert, in denen idealerweise das im Spiel versunkene d.h. sich entfernende Kind sich immer wieder der Präsenz der Mutter versichert. Erst durch dieses Dasein der Mutter, was sozusagen zu einem sicheren Ort wird, kann sich Selbstvertrauen beim Kind überhaupt erst aufbauen.

Meine Rolle während dieser beiden Male war absolut zurückhaltend und dienend. Ich reichte das Material an, suchte, was gebraucht wurde, gab Tipps, wenn benötigt.

Selbstversuch
Selbsterleben
Selbstbewusstsein

Bei beiden Mädchen gab es das Bedürfnis mit ‚meinen' Farbpigmenten zu arbeiten, die sie schon lange faszinierten, denn das leuchtende Pigmentpuder zog sie magnetisch an, u. a. sicher auch deshalb, weil die Pigmente für sie bislang tabu gewesen waren. Ich erlaubte ihnen mit den Pigmentfarben zu arbeiten und zelebrierte vor ihnen ein bisschen das Anmischen der Pigmente, so dass sofort eine alchimistische Atmosphäre entstand, in der fast andächtig zusammengegossen, gemischt und wieder getrennt wurde. Marlene arbeitete mit Rotpigmenten. Nicole wollte dies auch. "Aber ich will ein ganz anderes Rot als Marlene!" belehrte sie mich, als hätte sie meine Vermutung gespürt, dass es sich vielleicht wieder um eine Nachahmung handeln könnte. Vor meinem Pigmentgläserregal verhielt sie sich wie vor einem Bonbonregal - sie wollte gerne von allen etwas. (die Gier!).

Mein Hinweis, dass ihre Pigmentwahl kein ROT ergeben würde, war überflüssig, denn nur im handelnden Versuch konnte Nicole dies selbst erfahren. Die Enttäuschung, dass die einzelnen leuchtenden Farbpigmente zusammengemischt ein Graubraun ergaben, wurde für sie zu einer farbechten Selbsterfahrung. Sie hatte sich dem Konflikt ausgesetzt, einerseits mit ihrer Gier von allem etwas haben zu wollen, andererseits aber trotzdem ihr eigenes Rot herstellen zu wollen. Der eine Wunsch zerstörte den anderen. Sie musste sich entscheiden, was für sie Verzicht bedeutete.

Durch das ROT entstand eine Beziehung zu Marlene, die am Boden mit Rot - Pigmenten und anderen Materialien experimentierte. Andererseits aber auch eine Differenz, denn Nicole wollte bewusst andere Materialien verwenden. Sie verließ das Atelier, um Blätter zu suchen, die sie später auf ihrem Bild arrangierte. Die Mädchen sprachen über ihre Ideen, wie sie das Bild weiter gestalten wollten und welche Musik sie liebten. Beide arbeiteten in einer sehr konzentrierten Atmosphäre. Für Nicole war es das erste Mal, dass sie der Farbe ROT, die in früheren Arbeiten sehr verhalten und nur punktuell aufgetaucht war, soviel Raum auf einem körpergroßen Format gab.

nic rotbild S104

Sie setzte in die rote Grundfläche leuchtend rote Fußspuren - wie von Vögeln. Anfangs malte sie relativ symmetrisch vier Spurverläufe, ausgehend von roten Ausgangspunkten, die sich in der Bildmitte trafen. Zum Schluss setzte sie noch eine mittlere dritte zwischen die beiden oberen Spurverläufe.
Alle fünf Spuren ergaben darüber hinaus in der Ansicht eine sehr abstrakte aufrecht stehende Strichmännchen - Figur. Die orange leuchtenden Spurverläufe in dem ROT riefen Nicoles jüngste Vergangenheit wach:
die Trennung der Eltern, Nicole zwischen den beiden( s. letzte mittlere Spur),dann die daraus folgenden Aggressionsausbrüche der Mutter, Schuldgefühle bei Nicole, die ihre eigene Autonomiebestrebungen verhinderten. Aber auch die Gruppe, die vier Mädchen und ich, die sich in der "Bildmitte" trafen, schienen sich in den Spurverläufen als eine Art Resonanzzeichen wieder zu finden.

Weitaus tief greifender schien mir jedoch die Tatsache, dass sich Nicole in dieser Art und Weise dem ROT hingegeben hatte und es lustvoll genossen hatte, die Pigmente anzumischen, aus dem Vollem zu schöpfen, mit Marlene verbunden zu sein und viel Bestätigung (von Marlene, mir und ihrer Mutter) für eben dieses rote Bild bekommen zu haben. In dieser ‚freien roten Zone' hatte sich etwas sehr Lebendig-Kraftvolles von ihr gezeigt, was in ihrem bisherigen Verhalten und Bildern eher hinter Schematischem versteckt geblieben war.

Selbsterfahrung anders

Auch für mich hatte in dieser ‚freien roten Zone' eine neue Selbsterfahrung stattgefunden, nämlich die Rolle der Anleitenden abzulegen und geschehen zu lassen. Unbewusst hatte sich hier also ein Geschehen selbst organisiert, das vielleicht andeutungsweise am ehesten durch das Malspiel von Arno Stern charakterisiert wird. Er beschreibt den Malort, das malende Spiel und die dienende Rolle des Erwachsenen als jenen Bedingungskanon, in dem Formulation* stattfinden kann. Das, was sich bei Nicole und Marlene ereignete, hatte sich dem Malspiel anverwandelt, nicht zuletzt durch meine eher dienende Rolle während des Geschehens.

Dienen heißt nach Arno Stern, sich in jedem Moment in die Lage derjenigen versetzen, die hier spielen, und dafür zu sorgen, dass sie durch nichts vom Wesentlichen (dem Spiel) abgelenkt werden.

Diese Beziehung, die Stern hier beschreibt, weist eine große Ähnlichkeit zu der zwischen Mutter und Kind auf, wenn es um das Wesen des Containens geht.

*Mit Formulation meint Arno Stern eine Äußerung, die eine natürliche, malende Spur entstehen lässt. Nicht der Inhalt oder die Motivation, die die Äußerung veranlasst hat, ist von Bedeutung, sondern die Art und Weise ihres Geschehens. Die Formulation schöpft aus endlos verborgenen Aufspeicherungen in der organischen Erinnerung und ist deren einziges Ausdrucksmittel. Das Ausüben der Formulation bezeichnet er als Spiel, das weder dem Bereich des künstlerischen Schaffens, noch dem der therapeutischen Handhabung angehört. In diesem Spiel - so Stern - entwickelt sich ein Bewusstsein ungeahnter Fähigkeiten, fernab von beigebrachten Vorbildern bzw. Stereotypen.

Zeige deine Maske - sie zeigt dich!

Es folgte eine Phase, in der die Maske über mehrere Male hinweg zum Thema wurde. Mehrere Aspekte hatten letztlich zu dem Übungskanon ‚körpergroße Maskenbilder' geführt hatten. Äußerer Anlass war die Karnevalszeit. Innere Motivation war das kreativ therapeutische Potential, das die Maske auszeichnet:

  • Unter dem Schutz der Maske lassen sich vielfältige Impulse und Emotionen malerisch erfahren, die sonst eher Angst besetzt sind.
  • Die Maske knüpft an etwas sehr Archaisches in uns an, das im Alltag zugleich Selbstverleugnung und Selbstdarstellung ist.
  • Die Maske rührt an der Verkleidungslust von Jugendlichen - durch Verkleidungen können sie verschiedene Selbstanteile ausprobieren ohne gleich einen ‚Gesichtsverlust' hinnehmen zu müssen.
  • Das spielerische Anderssein durch die Maske konturiert deutlicher, was ICH bin und auch noch bin.
  • Mit der Maske können unbewusste Anteile, auch Schattenseiten dargestellt bzw. gezeigt werden, wodurch eine flache Integration eingeleitet werden kann. = Transformationsaspekt)
Ein-und Ausatmen
im Bildprozeß

Die Übung sollte wieder auf körpergroßen Papierformaten realisiert werden. Jede sollte mehrere Masken nacheinander malen, möglichst zügig. Dabei ging es nicht so sehr um die quantitative Produktion, sondern eher um die Dynamik im Bildprozess selbst. Grosse Bildformate fordern körperlichen Einsatz. Sie setzen den Körper förmlich in Bewegung. Eine Bewegung, die in das Bild hineingeht, aber auch vom Bild Abstand nimmt - fast vergleichbar einem seelischen Ein - und Ausatmen im Bildprozess. Durch diese Pendelbewegung, dem unbewussten Ausagieren und der Distanz oder das distanzierende Korrigieren, wird beides gestärkt: das emotionale Erleben und die ICH-Funktion.

Ersteres beschreibt der Maler Marc Rothko folgendermaßen: "Ich male sehr große Bilder. Es ist mir klar, dass geschichtlich gesehen, das Malen großer Bilder das Malen von etwas Pompösen, Grossen bedeutet. Der Grund, weshalb ich sie male, liegt darin, dass ich sehr vertraut und menschlich sein möchte. Ein kleines Bild zu malen, heißt, sich außerhalb des Erlebnisses zu stellen, auf ein Erlebnis wie durch ein Verkleinerungsglas zu schauen. Malt man aber ein größeres Bild, so ist man drin. Man kann es nicht mehr dirigieren". Doch auch ein Mark Rothko muss vor seinen großen Formaten zurücktreten. Gerade diese Mischung aus distanzierten und reflektierten Involviertsein scheint mir mit eine der wichtigsten Erfahrungen des künstlerischen Arbeitens zu sein. Von daher ist es nicht die Kunst per se, sondern die Erfahrung des künstlerischen bzw. kreativen Prozesses, die dem therapeutischen Verständnis hilft.

Der Maskenzyklus erstreckte sich über fünf Male und ich möchte einige Bilder von Nicole und Leonie herausgreifen, an denen m. E. bestimmte seelische Entwicklungen ablesbar sind.

Maskenbildübungen

Zur 1. Maskenbildübung kam Nicole wieder eine halbe Stunde zu früh. Sie erzählte mir, dass ihre Mutter mit einer Freundin zum Karneval nach Köln gefahren sei, und sie jetzt mit den Häschen bei der Oma wohne.
Auf die Frage, ob es sie nicht traurig mache, dass ihre Mutter sie nicht mitnähme, antwortete sie gänzlich affirmativ "Sie muss ja auch mal ihren Spaß haben! Sie arbeitet ja so viel!" Übernommene Worte der Mutter, symptomatisch für Nicoles introjiziertes Mutterobjekt.
Nicole selbst wirkte auf mich ungewöhnlich zurückgezogen, weich und durchlässig. Sie setzte sich sogleich an den Pausentisch und begann mit Buntstiften zu zeichnen.

Als die anderen drei kamen, begannen wir mit der Maskenübung. Vorab erzählte ich von den übergroßen Basler Fastnachtsmasken, die Furcht erregend aussehen, weil sie den bösen Geistern Angst machen sollen.
Leonie und Marlene stürzten sich lustvoll in die Übung, während Susanne und Nicole sehr langsam und verhalten malten.

Nicole wählte wieder die Solo-Wand für das Malen. Sie wirkte abwesend wie in Trance. Minutenlang stand sie einfach im Raum, mit dem Pinsel in der Hand, schaute den anderen zu. Mir kam der Gedanke, die Gruppe könnte ihr zurzeit vielleicht zuviel sein. Die Zweierbeziehung mit Marlene während der ‚freien roten Zone' verlieh ihr mehr vertraute Sicherheit.

Nicoles Maske

Dass Nicole wieder auf das Blondschemamuttergesicht aus den Anfängen zurückgriff, irritierte mich. Damit hätte ich nach der roten Phase nicht gerechnet. Fälschlicherweise war ich davon ausgegangen, dass sie dieses Schema nicht mehr bräuchte. Andererseits schien ihr dieses Schema, hier als Maske "geoutet", eben jene Sicherheit zu geben, die sie angesichts der unsicheren, sich permanent trennenden Mutter brauchte.

Blondschema als Sicherheitscode

Auffällig sind die schwarzen, schräg gestellten Augen mit den weißen Pupillen, die dem Gesicht tatsächlich neben der Hakennase etwas Furchteinflößendes verleihen. Doch beim nächsten Mal beginnt sie ihr plakatives Blondschema zu modifizieren: Das grosse Gesicht malt sie flächig mit dunkelrot aus und setzt dunkle Kringel darauf, die aussätzigen Stigmata ähneln. An dem Kopf hängt ein winziger "Körper", der eher an das Kleid einer Handpuppe erinnert. Eine Handpuppe ohne eigene Hände und Beine, ohnmächtig und bewegungslos, der PuppenspielerIn ausgeliefert. Der Kopfschmuck aus kleinen grünen Zweigen läßt Antennen, Hörner bzw. Abwehrzäunen assoziieren.

Nicole zeigt sich in der Maske - in aller Offenheit. Mir fällt dazu auch ihr Ganzkörperkonturenbild aus der Anfangsphase ein:

clown S109

Auch hier kocht der Zorn im orangeroten Kopf; auch hier gibt es Wundmale/Stigmata am Körper, die jetzt ins Gesicht hoch gewandert sind. Die Bilder wiederholen jenes Muster, was auf den frühkindlichen Konflikt mit der Mutter basiert: die Mutter, die sich entweder symbiotisch ans Kind klammert oder das Kind verlässt und damit Nicole keine Möglichkeit gibt, sich selbst zu trennen.

So wie sie gefügig auf die Mutter reagiert (s.o.), tauchte parallel in ihrer Bilderwelt das stereotype Blondschema wie eine Art Sicherheitscode auf. Und doch ließ sich in der Entwicklung eine wesentliche Differenz feststellen, die in der aufsteigenden Bewegung des Rots und anderer Formelemente (s. Stigmata) sichtbar wird Als könnte Nicole mit dem massiven Auftauchen der Farbe Rot die eigene unterdrückte Wut ihrer Mutter gegenüber jetzt zulassen, zumindest erst einmal in den Bildern. Und vielleicht spürt sie über das neue Erleben der Farbe Rot auch etwas von der eigenen Kraft, die es ermöglicht sich aus dem gefügigen Abhängigkeitsverhältnis der Mutter zu lösen. Bezeichnenderweise war Nicole in der Folgezeit - im Gegensatz zu den anderen Mädchen - ausschließlich mit diesem einen Maskenbild beschäftigt. Von Mal zu Mal modifizierte sie es durch kleine Eingriffe. Manchmal schien sie wie gelähmt festzustecken und geradezu ohnmächtig vor ihrem Bild zu stehen, um dann wieder quantensprungartig neue Formen ins Bild zu setzen wie z.B. die Zweige am Kopf oder die roten Haarspitzen. Bei der allmählichen Transformation ihres Maskenbildes, vom anfänglichen Blondschema bis zur letztlich veränderten Figuration, war zu beobachten, dass der Bildprozess die inneren Gefühlsbewegungen von Nicole direkt widerspiegelte.

Blindgesichter als Gruppenbild

Ihr Ringen um eine integrierende Balance von alten und neuen Formen und Farben fand im und am Bild statt. Das zeigte sich auch während einer Gruppenübung, die wir während des Maskenzyklus realisierten. Bei dieser Übung übertrug jede mit geschlossenen Augen ihr Gesicht auf ein an der Wand hängendes Blatt. Dann ging jede zu dem Blatt ihrer Nachbarin und wiederholte blind den Vorgang, so dass am Ende jede auf ihrem Blatt ihre eigene Gesichtszeichnung und die der beiden anderen vorfand. In einem zweiten Schritt galt es die drei Gesichter mit Farbe zu verbinden.

Nach dem ersten Teil der Übung beginnt Nicole ihr Bild mit den drei entstandenen Blindgesichtern plötzlich sehr heftig mit Schwarz zu übermalen.

nic black S110

Als ich sie darauf anspreche, antwortet sie lapidar: "Hab ich wohl falsch verstanden!" Etwas trotzig Widerständisches schwingt mit, sowohl in ihrer heftig agierenden Schwarzmalerei als auch diesem Satz. In der Übertragung spüre ich ihre Hilflosigkeit. Durch ihre impulsive Übermalung ist eine Sackgassensituation entstanden. Nicole hat damit deutlich gemacht hat, dass sie die drei Blindgesichter auf ihrem Blatt vielleicht überfordern bzw. sich weigert diese malerisch zu integrieren. Vielleicht evozieren die drei deformierten Blindgesichter bei ihr auch die triadische Elternsituation. Mit dem Einverständnis der anderen beiden wird die Übung - nur für Nicole - wiederholt! Darin liegt für sie die Chance einer korrigierenden Erfahrung. Offensichtlich braucht sie diese Aufmerksamkeitsmaßnahme, denn sie wirkt gelöster und es ist spürbar, dass sie sich jetzt erst von der Gruppe gesehen fühlt.

An der ‚blinden' Wiederholungszeichnung ist interessant, dass ihre eigene Blindgesichtszeichnung (= himmelblaue Augen und Mund) der ersten fast zum Verwechseln ähnlich sieht.

Blondschema
löst sich auf

Beim 2. Teil der Übung greift Nicole dann wieder auf ihr Blondschema zurück. Dieses Mal mit der Energie eines Übertragungswiderstands*, der in der malerischen Ausführung sichtbar wird: Nicole "patscht" grob schmierig und lustlos mit dem Pinsel ein Gesicht aufs Papier. Die grünen Kreisaugen scheinen die Augen eher abzudecken und sind blind. Die rote Wurmnase und wieder die roten Haarspitzen (Sie hatte ein paar Male davor von den gefärbten Haarspitzen ihrer Mutter erzählt!). Das BlondSchema zeigt sich hier vollständig deformiert bzw. in regrediertem Zustand. Nichts ist mehr von jener ambitionierten Verschönerungsmaßnahme zu sehen, die noch die ähnlich strukturierte Übung "Tastporträt" ausmachte. Fast als würde Nicole im Bild Widerstand gegen ihr eigenes gefügiges, falsches SELBST zeigen, und natürlich auch mir gegenüber als derjenigen, die ja die Aufgabe gestellt hat.

* Der Widerstand umfasst alle unbewussten seelischen Bewegungen, die dem Prozeß des Bewusstwerdens entgegenwirken. Er dient dem Aufrechterhalten des seelischen Gleichgewichts (Homöostase), das z. B. durch neurotische Konfliktverarbeitung und Symptombildung hergestellt worden ist. Er verweist auf das Wirksamwerden von ICH-Funktionen und ist möglicherweise ein positiver Indikator (Ich-Stärke).

Zeige deine Maske - sie zeigt dich!

Auch die zwei Gesichtsmuster, die sich im Bild verstecken, verweisen auf den emotionalen Zwiespalt Nicoles: Einerseits ein stereotypes Smiley - Gesicht (zwei hellblaue Punkte und ein lachender Mund), andererseits im Vordergrund das deformierte Blondschema mit den "zugedeckten" grünen Kreisaugen und der roten Wurmnase.

Zum Schluss beginnt sie eigenständig das immer noch rechts daneben hängende schwarze Bild mit Rot großflächig zu übermalen. Es kommt mir wie ein Rückgriff auf die ICH - stärkende Erfahrung ihres roten Bildes aus der "freien roten Zone" vor. Die zwei nebeneinander hängenden Bilder von Nicole legen ihre Psychodynamik offen. Sie erzählen von der Ablösung aus dem gefügigen Blondschema-Stereotyp zugunsten einer neuen Gefühlserfahrung, die sich m. E. im rechten Rotbild spiegelt. Oder anders ausgedrückt, wo formal eine Regression sichtbar wird, ist farblich eine Progression eingetreten.

Leonies Masken

leoMasken S112

Leonie war im Malprozess der Masken sehr versunken. Sie liebte dies raumgreifende, großformatige Malen und produzierte gleich mehrere Masken hintereinander. Auf den ersten Blick scheint es zwischen der 1.Maske und der 3.Maske, durch die heraushängende Zunge eine formale Ähnlichkeit zu geben. Allerdings unterscheiden sie sich beträchtlich im Ausdruck: In der ersten Maske dominieren starke Rottöne und dem Gesamteindruck haftet etwas fratzenhaft Gewaltsames an.

Fast entsteht der Eindruck, als solle der Mund von außen gewaltsam mit einem zungenähnlichen Spatel geöffnet werden. Auch die ganze untere Gesichtshälfte verzerrt sich nach rechts. Wie unter einer Fremdeinwirkung stehend, verdrehen und verdoppeln sich gar noch die Augen nach oben - eine geschundene Opferfigur, die fast an der eigenen Potenz (ROT) zu ersticken droht oder von etwas anderem gewürgt wird.

Durch die 2. Maske - in denen die anderen beiden Primärfarben die Hauptrolle spielen: gelb und blau, schimmert dahinter liegendes Rosa geheimnisvoll durch. Die Maske selbst wirkt wie ein wilder Wundverband (s. die gebündelte Strichführung).
Bei mir tauchte die Frage auf, ob Leonie hier ihr Rosa, ihren zarten, verwundbaren, letztlich weiblichen Kern zudeckt? Ist es Vorsicht oder Angst, die ihn hindert zum Vorschein zu kommen?
Sie hatte es gewagt, zu allererst mit Rosa zu beginnen, es dann aber schnell wieder mit gelb-blau übermalt! Als sei es noch zuviel für sie gewesen, ihrem Rosa ins Auge zu schauen. In dem Übermalakt selbst steckt bereits die Geste des Verbindens, wenn man sich die Pinselführung genauer anschaut.

Erst in der dritten Maske darf das Rosa auftauchen - als offener Hintergrund und in Kombination mit Schwarz bzw. dem schwarzen Ei. Im rosa-schwarzen Zusammenspiel liegt etwas sehr Verspielt- Gewitztes, was durch Augen, Mund und der keck ausgestreckten Zunge i. G. zum 1. Maskenbild noch unterstrichen wird. Farbpsychologisch gesehen gibt es wohl kaum einen größeren Gegensatz zwischen der ver - und bedeckenden Farbe Schwarz und der zarten, fast nackten Farbe Rosa. Ob in diesem Fall das Schwarz von Leonies unbewusstem Pinsel gewählt wurde, um es als individuelle Abgrenzung und Stabilität gegenüber dem empfindsamen Rosa einzusetzen ? Ich weiß es nicht.

Auffällig sind jedoch die Ringschichten der Maske, die einem schwarzen Ei ähnelt. In der Mitte befindet sich ein dunkelblauer Kern, um den herum erst eine dunkelgrüne, dann als letzte äußere, eine schwarze Schicht liegt, so dass der Eindruck eines geschützten Kernselbst entsteht.

Wanderschaft von
Rot zu Rosa

Wie schon bei Nicole wurde durch eines der nächsten Bilder Leonies deutlich, welche Wanderschaft das Rosa aus den tiefsten Seelenschichten Leonies bis in den Vordergrund des Bildes gemacht hatte. Eine Umkehrung: Das Rosa des Hintergrunds wanderte in das Gesicht, wohingegen das Dunkelblau des Kerns zum Hintergrund wurde.

maske vergl S114

Es war eine langsame Annäherung an eine Farbe, die bei Leonie noch Monate zuvor heftigsten Widerstand ausgelöst hatte. Rosa ist eine Farbe, die kleine Mädchen zwischen drei und fünf Jahren lieben (ödipale Phase). Eine Farbe, die auch etwas zu tun hat mit körperlichen Aspekt von Weiblichkeit, eines sich selbst Bewusstwerdens von Geschlechterdifferenz. Darüber hinaus steht Rosa für empfindsam, romantische Weichteile, die, wenn sie abgespalten werden, oft als Kitsch in Erscheinung treten.

Mir kommt wieder die Übung aus der ersten Phase in den Sinn, bei der Leonie stark das Rot abgewehrt hatte ( "Rot ist hässlich"), sodann war es ihr Rosa - Seelenanteil, den sie in Verbindung mit der Spielzeugpistole total ablehnte. Jetzt in der Maskenübung war das Rosa aus dem Bildhintergrund nach vorne gewandert war. Diese Bewegung beschreibt G. Schmeer als den Wasserrad - Effekt: "Es ist, als ob ein Wasserrad in Bewegung gesetzt worden sei. Aus der Tiefe hebt es immer neue, schier unerschöpfliche Bilder ans Licht. Das ICH assimiliert, wächst und wandelt sich."

Fazit zur Phase II : "Containermama"

Diese zweite Phase stand im Zeichen des mütterlichen Containens, und zwar wie bereits oben ausgeführt, ging es darum, eine sichere, vertrauensvolle, fürsorgliche Beziehung zur Gruppe und insbesondere zu Nicole und Leonie aufzubauen.
Nur durch diese mütterliche Matrix können Emotionen freigesetzt und gegebenenfalls transformiert werden. In dieser Phase gab es Ereignisse, die von Außen in den Innenraum einbrachen: die Trennung von Nicoles Eltern, der leibhaftige Bruder von Leonie, der abwesende Geburtstag von Leonie etc.
Zum Teil spülten diese Ereignisse negative Gefühle an die Oberfläche, die die Gruppe und ich, aber auch die Malprozesse halten und wandeln mussten. Kreative Prozesse erleichtern diese Umwandlung, denn frühe Traumen können auf das Bild verschoben werden. Insofern übernehmen, meiner Beobachtung nach, nicht nur die Bilder, sondern manchmal noch mehr die Bildprozesse selbst Containing - Funktion.
Während der Malprozesse zeigte sich nämlich, dass sowohl Nicole als auch Leonie allmählich immer mehr ihre Emotionskapseln öffnen konnten. In Formen und Farben wurden tiefe, frühe Verletzungen an die Oberfläche gespült und im Bildgeschehen sichtbar. Insofern waren immer wieder Situationen entstanden, in denen tatsächlich die Regression im Dienste des Ichs arbeitete.

Bei Nicole setzte das äußere Ereignis der Trennung ihrer Eltern, sowie die darauf einsetzende emotionale Abwesenheit der Mutter zweierlei frei:

  • Einerseits ihr Zufrühkommen, mit dem sie sich bei mir mütterliche Nachnährung abholte. Wie ein kleines Kind erst die Fähigkeit zum Alleinsein in der Anwesenheit der Mutter entwickeln muss, so schien sich Nicole in den halben Stunden jene emotionale Sicherheit zu holen, die es bei ihrer Mutter nicht gab.
  • Andererseits brach in einer Parallelbewegung dazu ihr ROT massiv durch, womit sie den emotionalen Kontakt zu sich selbst herstellen konnte und ihre aggressiv-lustvollen Impulse im Bild ausleben konnte.

Mich freute diese emotionale Öffnung bei Nicole. War ihr Rot doch anfangs nur in den winzigen Brombeerpünktchen im Baumbild sichtbar gewesen, hatte es sich dann über die roten Backenohrringe und Hörnchen im übermalten Tastporträt vorgewagt bis es in den großformatigen Rotbildern fast zu einem hypnotischen Rausch geworden war.

Parallel zu dem durchbrechenden ROT konnte sich Nicole ganz langsam und regressiv - zerstörerisch von ihren stereotypen, mütterlich besetzten Blondschemata lösen. Symbolisch und visuell wurde diese Transformation in ihrem letzten Maskenbild sichtbar: Nur noch Relikte des Blondschemas sind sichtbar. Das Rot des Gesichts dominiert.

Bei Leonie zeigte sich die Regression anfangs inhaltlich, später aber auch formal und farblich mit dem Durchbrechen der Farbe Rosa. Dieser Durchbruch ging einher mit einer Veränderung ihrer äußeren Erscheinung (= Selbstbild). So war es nicht nur die selbst erkämpfte, neue Brille gegen den Widerstand der Mutter, sondern auch weibliche Attribute wie Locken in den Haaren und ein Rock, mit dem sich Leonie plötzlich zeigte.

Aber auch auf der gruppendynamischen Ebene hatte sich ein Selbst-Bewusstsein entwickelt. Die Mädchen hatten es gewagt, sich von mir zu trennen.
Dieser kleine Befreiungsakt ähnelte dem Versuch sich aus einer libidinösen Bindung zu den Elternobjekten zu lösen. Ich selbst als ein anderes Objekt war - in der Übertragung - sozusagen damit auch zu einem Versuchsobjekt geworden.

Für mich selbst bestand die Anstrengung des "mütterlichen" Containens gerade darin in gleichbleibender Aufmerksamkeit für alles zu sein und parallel dazu ein Gespür für den Zeitpunkt zu entwickeln, der ein Eingreifen meinerseits erforderte. Entstehende Spannungen, Hilflosigkeit oder ängstliche Unsicherheit in der Übertragung nicht nur auszuhalten, sondern zu halten. Nicht übereifrig und ehrgeizig diese unangenehmen Zustände wegzuagieren, sondern ein Vertrauen zu entwickeln, dass es gerade diese Zustände sind, die den Seelenkompost enthalten, durch den sich etwas wandeln kann.


Phase III: Abschied/Abnabelung

Konzept für den Abschied

Nach diesem gemeinsamen Jahr wollte ich dem Abschiednehmen genügend Zeit einräumen. Eine kleine gemeinsame Ausstellung als Abschiedsritual schien mir aus verschiedenen Gründen adäquat. Dafür konnten wir auch thematisch erstmal im Vertrauten, nämlich den Maskenbildern, bleiben. Der Maskenzyklus hatte bereits das "Sich-zeigen" im Schutz der Maske aufgegriffen und sollte nun um eine Dimension erweitert werden, nämlich um ein "Sich-der-Welt-draußen-zeigen"*. Auch in einer Ausstellung verbinden Bilder das eigene Innere mit dem fremden Außen.

Das Eigene, Selbstgemachte oder Selbstgewordene tritt mit dem Außen der Welt, der Objekte in Kontakt. Die Bilder werden Teil von Welt, sind damit sozusagen Partialobjekte, wodurch auch ein anderer Blick auf sie entsteht. Der Blick auf das Eigene objektiviert sich. In dem gemeinsamen Hinausgehen in die Welt, sozusagen im Schutz der Gruppe und mit dem Schutz der Masken kann i. w. S. eine Art Übergangsraum ** entstehen, und damit die Chance für jede einzelne, die Trennung von der Gruppe, dem Atelierort und mir besser zu bewältigen - so jedenfalls mein Ansinnen.

Im Schutz der Maske
hinaus in die Welt

In unserem Fall sollte die Ausstellung selbst mitsamt den dafür erforderlichen Vorbereitungen zum Abschiedsritual werden. Ich stellte mir vor, mit einer spielerischen Interaktion, nämlich dem Malen einer gemeinsamen Gruppenmaske zu beginnen.

* Symbolisch gesehen handelt es sich ja beim Akt des Bildermalens bereits auch um eine Trennung bzw. Abnabelung. Die Emotionen oder Affekte werden aus dem Inneren ins Außen, aufs Papier gebracht. Das entspricht einem Geburtsvorgang, denn sind sie erst abgenabelt d.h. außerhalb von mir, werden sie zum eigenständigen Objekt. In einem weiterführenden Sinne wird diese Trennung intensiviert, wenn mein Bild, wie das Kind von der Mutter, von mir getrennt wird und als "Hänschenklein in die Welt" hinauswandert.
** Nach Winnicott dienen Übergangsobjekte dem sich erweiternden Trennungsbereich zwischen Mutter und Kind, dem sogenannten
Übergangsraum( = Möglichkeitsraum), der Beruhigung und Versicherung. Übergangsobjekte z.B. in Form von Maskottchen, Kunstobjekten oder religiösen Ritualen erfüllen somit eine produktive Funktion.

Der Blick der Mutter oder die Kontrolle des Über-Ich

Doch bevor es zur Gruppenübung "Maske" kam, schob sich auf sublim andere Art das Abschieds- und Abnabelungssthema dazwischen. Es ging signifikanterweise um die Mütter. Gleich zu Beginn des Gruppentreffens gab es einen ausufernden, emotionalen Austausch zwischen den Mädchen über Mutterverhalten.

Streit mit der Mutter

Anlass war ein aktueller Streit zwischen Marlene und ihrer Mutter gewesen, die die Tür von Marlenes Zimmer ausgehängt hatte. Auch Leonie hatte in den vergangenen Wochen wiederholt Konflikte mit ihrer Mutter ausgetragen, was z. T. zu heftigen Sanktionen geführt hatte (Verbot der Malgruppe!).

Nicole schien die empörten Erzählungen der anderen Mädchen durch stillschweigendes Nicken zu bestätigen. Erst später - nach dem Malprozess - konnte sie sich mit ihrer Mutterproblematik in die Gruppe einbringen. Dieses Mutter-Intermezzo führte also dazu, dass ich spontan eine kurze Übung vor die geplante Gruppenmasken-Übung schob.

Mit geschlossenen Augen sollte sich jede die Augen bzw. den Blick ihrer Mutter vergegenwärtigen und spontan aufs Papier bringen. Nicole hatte Probleme mit der Übung; sie wirkte abwehrend in ihrer gackerigen Unkonzentriertheit. Das relativ kleine, schmale Papierstück brachte sie sehr hoch an der Wand an, so dass am Ende die Augen ihrer Mutter unter der blauen Wolke auf sie herabschauten.

zeichnung blau

Etwas gefällt ihr nicht an den Augen. Sie überkritzelt diesen Blick mit braunem Stift, versucht ihn zum Verschwinden zu bringen. Doch noch immer macht sie etwas am Bild unzufrieden, nervös und unruhig. Der Blick scheint etwas bei ihr heraufzubeschwören, dem sie wieder mal vollständig hilflos ausgeliefert ist. Die Augen ihrer Mutter schauen kontrollierend streng auf sie herab.

Immer wieder versucht sie sich von dem Bild wegzubewegen, als wolle sie sich von dem Gefühl trennen, das die gemalten Mutter -augen in ihr erzeugen. Wie ein Tier im Käfig wirkt sie. Gleichzeitig bin auch ich hin-und hergerissen. Soll ich ihr einen Ausweg anbieten, der nicht zur Ausweichbewegung wird ?

Übertragung

In mir windet es sich ähnlich, wie sie sich vor dem Augen-Bild ihrer Mutter windet.

Schließlich schlage ich ihr - wie so oft schon die zweite Chance vor, einen neuen Bildversuch zu wagen. Allerdings frage ich mich später, ob dieser Vorschlag nicht eher das Produkt meiner Gegenübertragung war, nämlich meine Angstabwehr angesichts der hochkommenden Angstgefühle von Nicole.

Wir klappen den ersten "Augenblick der Mutter" weg und hängen das Papierblatt jetzt auf Nicoles Augenhöhe. Sie wird ruhiger.Die konzentrierte Stimmung der anderen springt auf sie über. Im zweiten Bild schaut ein groß aufgerissenes Augenpaar - fast erschrocken,
angstvoll - zurück! Darunter mit einer klaren roten Linie stark abgegrenzt und wie zur Versicherung, dass es sich auch tatsächlich um die Augen der Mutter handelt, schreibt sie in Rot den Satz: ‚Das sind die Augen von meiner Mutter!' Der Satz steht zwischen flüchtig hingeworfenen, mit rot bekritzelten Herzen und ihr Malduktus erzählt wie schon zuvor etwas von der deformierten, libidinösen Bindung zu ihrer Mutter, aber auch von dem Widerständigen in Nicole ihrer Mutter gegenüber. Beide Augenpaare assoziieren sowohl die böse blickende Mutter als auch die angstvoll, bedrohte Tochter in einer Interaktion.

zwei Bilder
Die Gruppe stabilisiert Nicole

In der anschließenden Pause lassen wir die Mutteraugen noch an der Wand hängen. Nicole beginnt sich zu öffnen, indem sie zögerlich und leise erzählt, dass sie heute in der Englischarbeit eine ‚6'geschrieben hat.
Ob ihre Mutter sie ausschimpfen würde?' fragen die Mädchen. "Nein", antwortet Nicole, "aber sie guckt dann so böse!" und zeigt auf ihr erstes Augenbild.

drei Bilder (Leonie,Marlene,Susanne)

Die Gruppe spricht über Angsthaben, Strafen und schlechte Arbeiten - ein Austausch, der Nicole das Gefühl gibt, nicht allein mit ihren ängstlichen Gefühlen zu sein und sie stützt. Nach der Pause wirkt sie stabiler.

Allerdings unterläuft mir dann ein alter Fehler. Ich wollte bei diesem Gruppentreffen das Abschiedsthema einbringen und mit der Gruppenmaske anfangen und hatte nicht bemerkt, dass der jetzige Zeitpunkt ungünstig war.

Denn gerade dieses Mal waren die Mädchen stark mit den inneren Ablösekonflikten ihrer Mütter beschäftigt, insbesondere Nicole. Dass ich gerade an diesem Mal den Abschied erwähnte, riss ihnen den sicheren Boden unter den Füssen weg. Denn Abschied bedeutete Trennung von diesem geschützten Raum und

mein Fehler

von mir.Nicole musste diese Botschaft doppelt tief treffen. Hatte sie doch eben gerade (s.o.) noch solidarischen Halt und Schutz durch mich und die

Gruppe gegenüber ihrer Mutter erfahren, bahnte sich jetzt schon wieder eine drohende Trennung an. Wieder eine Reinszenierung der Trennungen, die sie alltäglich mit ihrer Mutter erlebte und die verhinderten, dass sie die nötigen eigenen guten Selbstobjekte aufbauen konnte.

Anders schien es sich für Leonie darzustellen, die inzwischen ihr eigenes Zimmer hatte und auf einige bestätigende Erfolge im Hinblick auf ihre Mutter zurückblicken konnte. Dennoch war sie die einzige, die spontan ihre Traurigkeit sprechen kann: "Dann gibt's ja nix mehr, auf dass ich mich freuen kann!"

Trauerabwehr

Es folgte ein allgemein betretenes Schweigen, das ich versuchte wegzuagieren, indem ich beschwörend von der kleinen Ausstellung, dem Maskenzyklus etc. erzählte. Kein Raum für die Trauer! Inmitten meines aktiven Konzepts für Abschied, hatte ich selbst die Trauer vergessen bzw. selbst abgewehrt!

3. Gruppenbild : " Unsere Maske..."

Nach der Pause wurden die ‚Mutterblick' - Zeichnungen in gegenseitigem Einverständnis abgehängt. Leonie kommentierte das Vorgehen mit dem Satz "Weg damit- sie sollen hier nicht zugucken!", aus dem ganz direkt der Wunsch nach Eigenem und Geheimnis sprach. Eine große Papierbahn wurde an der Wand befestigt. Der Malprozess der gemeinsamen Maske sollte spielerisch reihum "zelebriert" werden, indem jede etwas dazu malt oder wegnimmt, je nach Lust und Laune. Das Malen sollte im selbstbestimmten Wechsel stattfinden.

Bildprozess

Nicole beginnt. Sie malt ganz oben auf das Papierformat einen roten lächelnden Mund, fast so als solle es sich wieder um eine Ganzkörperfigur handeln, ähnlich ihrem eigenen ersten Maskenbild. Seit ich vom Abschied gesprochen habe, wirkt sie wieder abwesend. Leonie und Marlene verwandeln roten Mund von Nicole abwechselnd in zwei Augen. Nicole malt sehr lustlos ihre stereotype Hakennase in die Mitte der Maske, klinkt sich daraufhin aus und geht auf Toilette, wo sie sehr lange verweilt.

Bildprozess Gruppenmaske

Es folgt eine längere Phase, in der sich Leonie und Susanne abwechseln und Marlene gelangweilt murrt, weil sie nicht drankommt. Aufgrund dessen initiiert sie noch eine zweite Gruppenmaske an einer anderen Wand und beginnt zu malen. Als Nicole von der Toilette wiederkommt, sieht sie, dass ihre Hakennase übermalt ist. Alle ihre Malzeichen sind verschwunden, sprich übermalt worden, was sie als eine Negation ihrerselbst empfunden haben muß.
In der folge weist ihr Malduktus wieder jene Lustlosigkeit bzw. unterschwellige Aggression auf wie schon bei der Vorübung " Augen meiner Mutter" zu beobachten war.
Plötzlich haben sich die anderen von der 1. Gruppenmaske zurückgezogen und malen zusammen mit Marlene an der 2.Gruppenmaske. Nicole steht allein von der 1. Gruppenmaske. Ihre Wut entlädt sich zuerst auf dem Bild, später ganz real. Sie beginnt in aggressivem Gestus ihre stereotypen ‚roten Backen' zu schmieren, auf die sie mit blauer Farbe Platschtupfer setzt. Dann entlädt sich ihre unterdrückte Wut real. Sie jagt mit blau klecksendem Pinsel hinter Marlene her.
Marlene lacht anfangs noch. Die Jagd hat etwas Hysterisches. Doch als klar wird, dass diese Jagd eine massive blaue Tropfspur im Atelier und draußen vor der Ateliertür großflächige Farbpfützen hinterlassen hat, kippt die Situation. Marlene ist sauer und ermahnt Nicole die Farbe aufzuwischen. Nicole weigert sich. Marlene wird initiativ, holt Wasser, Eimer, Lappen und beide beginnen zu putzen - auch Leonie hilft. Sie reinigen mit viel Gelächter die Fläche vor der Tür.

Gruppe stabilisiert Nicole
ein zweites Mal

Nicole ist wieder integriert. Ich hatte das ganze Geschehen nur aufmerksam beobachtet und der integrativen Kraft der Gruppe vertraut, die sich schon das erste Mal positiv auf Nicole ausgewirkt hatte.

Assoziationen zur Gruppenmaske

Meiner Beobachtung zufolge, hatte die bildnerische Interaktion der Mädchen bei der Herstellung der 1. Gruppenmaske etwas vom Spinnen eines wechselseitigen, dynamischen Übertragungsnetzes. Vielfältige Gefühlsanteile tauschten sich hier aus. So hatte Marlene z. B. die stereotype blonde Haarsträhne von Nicole übernommen und ins Bild gesetzt. Leonie und Susanne hatten, indem sie beide Augen malten, das Thema der Vorübung "Augen der Mutter" noch einmal aufgegriffen. Nach dem realen, ‚blauen' Zwischenfall mit Nicole, bepunkteten alle gemeinsam das Maskengesicht und verbanden anschließend die Punkte.

Gruppenmaske 1

Nicole griff die Punkte in Grün noch mal im unteren Drittel des Bildes auf und verband diese allein miteinander. Die schwarz-grüne Kralle, die das Gesicht im zentralen Mittelfeld des Bildes zu bedrohen scheint, ließ Angst bzw. Bedrohung assoziieren, vielleicht aber auch Abwehr derselben (s. halbseitiger Maskenschutz).
Als letzten Akt setzte Leonie mit ihren feinen rosafarbenen Tränen in den rot-grünen Augen das i-Tüpfelchen. (Trauer) Im oberen Drittel des Bildes (dem Ideal-Ich/Über-Ich) lugte noch ein kleines weißes, schematisch gemaltes Kindergesicht hervor, eingeklemmt zwischen einem männlichen (re.) und einem weiblichen (li.) Gesichtsprofil (frühkindliche Triangulierung: das Kindsein zwischen den Eltern bzw. Objektanteilen).

Beide Gruppenmasken waren unter dem Einfluss des bevorstehenden Abschieds von der Gruppe und dem mütterlichen Konfliktpotenzial entstanden. Dadurch wurden sie in gewisser Weise zu einem libidinösen

Gruppenmaske als Container

Container, in dem sich der ganze Gefühlsamalgam der adoleszenten Mädchen tummelte: Trauer, Angst, Abwehr, Sehnsucht nach neuen Objektbindungen etc. In der zweiten Gruppenmaske dominierten vor allem sexuelle Symbolelemente (s. phallische Nasenschlange und Vaginalschlund).

Gruppenmaske 2

Das Drama der Adoleszenz bzw. der adoleszenten Selbstwerdung besteht ja darin, dass die kindliche Psyche strukturell den qualitativen und quantitativen Triebanstieg nicht mehr bewältigen kann. Der "Tanz" freigewordener libidinöser Impulse (Anna Freud) braucht eine neue psychische Struktur, um wieder ein Gleichgewicht herstellen zu können.
Der Kampf gegen die infantilen libidinösen Bindungen an die Mutter (s. Trennung/Abschied) ist ein hartes Stück Seelenarbeit und mit viel unausweichlicher Trauer verbunden. Um mit der Wiederbelebung infantiler Objektbeziehungen als auch den neuen Triebimpulsen fertig zu werden, werden mannigfaltige Abwehrstrategien entwickelt, die dem Selbstschutz dienen. Anna Freud nennt sie "Waffen der Seele". Dieser Kampf spiegelte sich in den Gruppenmasken sehr intensiv.

Der andere Abschied - plötzlich und unerwartet

Das übernächste Mal - dazwischen lag ein Feiertag - sollte wieder im Zeichen der Ausstellungsvorbereitungen und der Masken stehen, doch statt des von mir verordneten maskierten Abschieds kam das Abschiedsthema in anderer, unerwarteter Verkleidung

Geschichte vom Tod der Babyhasen

durch die Hintertür. Gleich zu Beginn erzählte Nicole sehr aufgeregt vom Babytod ihrer Häschen. Ihr Häschenpärchen hätte sechs Babies bekommen, die jetzt jedoch alle tot seien. Sie hätte mit ihrer Mutter und ihrem

Stiefvater (Beide sind neuerdings wieder zusammen) gemeinsam einen Elbspaziergang gemacht. Dann sei die Mutter allein nach Hause gefahren und hätte angerufen, dass die sechs Babys tot seien.
Auf meine Frage, woran sie denn gestorben wären?, antwortete Nicole, ihre Mutter hätte gesagt, Mimi, das Häschen-Weibchen, hätte nicht genug Milch gehabt. Ich bekam eine Gänsehaut. Ob sie denn die Babys beerdigt hätten? Sie verneinte:" Meine Mutter hat sie in einer Plastiktüte in den Mülleimer geworfen!". Etwas blockierte in mir angesichts dieses abwertenden, missachtenden mütterlichen Akt. Nicole erzählte kalt und emotionslos.

Übertragung - Wut +Trauer

Schon während der Erzählung von Nicole, hatte ich aufsteigende Wut in mir gespürt. Ich äußerte sie, worauf mich Nicole fassungslos anschaute - ihr Gefühlspanzer bekam einen Riss. Sie hatte mir ihre nicht auslebbare Wut übertragen und schien es dankbar anzunehmen, dass die von mir geäußerte Wut sich gegen ihre Mutter richtete.

Doch unter dieser Wut loderte in mir noch eine andere - meine eigene - die sich in dieser Konstellation spiegelte. Es war die Ignoranz meiner eigenen Mutter mir gegenüber, die

Gegenübertragung:
Wut -Trauer

selbst erfahrene Abwertung, die schließlich zur Selbstabwertung im sisyphusartigen Scheitern
meiner Liebesbemühungen führte - und die essentielle Trauer darin!

So regte sich parallel zur Wut, fast wie aus einer Taubheit heraus kriechend, ein trauriges Mitgefühl bei mir, in dem sich Nicole und ihre Babyhäschen mit meinen Kindheitsgefühlen regressiv und identifikatorisch vereinigten.
Auch fiel mir wieder der Satz von ihr vom vorletzten Mal zum Abschied ein, dass nämlich das männliche Häschen kastriert werden müsse. Waren es die camouflierten Kastrationswünsche von Nicole, die sich auf die aktuelle familiäre Dreieckssituation bezogen:
die aktuelle Wiederannäherung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters bedrohten die symbiotische Dyade zwischen Nicole und ihrer Mutter. Die Mutter hatte sie mal wieder verlassen. - Die von Nicole mitgebrachte Abschiedsgeschichte brodelte, war voller emotionaler Ingredienzien, verfilzt von verschiedenen Realitäten, Wünschen und Phantasien.
Sie hatte mit dieser Geschichte etwas von sich mitgebracht - eine Art Gefühlskonserve, ein kreatives Medium, mit dem sie kommunizierte. Was richtig oder falsch daran war, spielte keine Rolle.
Hier ging es nicht um Deutungen, sondern um Gefühle. Und zwar um die Gefühle, die ich angesichts des Abschieds einfach verdrängt hatte! Nicoles Geschichte fühlte sich an wie ein Hilferuf nach einem ‚Sesam-öffne-dich'.
Zudem drängte es in mir, eine alternative Gegenerfahrung zu dem negativen mütterlichen Akt zu schaffen, sozusagen eine gute Trennung bzw. Abschied herbeiführen.

Der Abschied von der Mutter und gleichermaßen der angekündigte Abschied von der Gruppe und mir, die wir ja mütterliche Containing-Funktion übernommen hatten, schoben sich wie in einer Überblendung in der Geschichte vom Häschenbabytod ineinander.

Abschiedsbild

Leonie reagierte auf meinen Vorschlag, ein Abschiedsbild zu malen mit massiven Widerstand. Ich erinnerte daran, dass jede ja schon mal etwas verloren hätte oder

von etwas getrennt gewesen wäre, sei es ein geliebtes Tier oder der Abschied von einem lieben Menschen o.ä. Leonie wehrte unwirsch ab. Sie hätte es noch nie erlebt, dass sie etwas

Widerstand bei Leonie

Liebes verloren hätte... erzählte dann aber, sehr eruptiv und wild verwickelt, von ihrer Mutter, dass die Ärzte schon so oft erzählt hätten, ihre Mutter müsse sterben, weil sie eine schlimme Krankheit hat. Ihre Mutter hätte ihr und ihrem Bruder für den Fall schon Verhaltensanweisungen gegeben, was sie tun sollen, wenn sie sterben würde....

Leonie erzählte kühl, pragmatisch und völlig emotionslos. Auch sei sie schon in diversen Pflegeheimen und oft bei der Tante gewesen. Schlimm wäre es, zum Vater zu kommen.

Es ist das erste Mal, dass sie so viel aus ihrer Vergangenheit erzählt. Ihren Widerstand zu malen, hält sie jedoch aufrecht. - Wir sitzen am Tisch; jede hat ein Blatt Papier vor sich. Parallel zu Leonies Unmutsäußerungen hat Susanne bereits mit einem Abschiedsbild zu den sechs toten Hasenbabys begonnen. Nicole schaut immer wieder zu ihr rüber und findet das Bild von Susanne gut.

Abschiedsbild Susanne

Dann beginnt sie selbst einen Kreis in die Papiermitte zu zeichnen, indessen Mitte sie wiederum einen kleinen Kreis setzt. Minutiös zeichnet sie mit einem harten Bleistift, in den kleinen, schwarzen Ring mit roten Fonds, kaum wahrnehmbar 6 winzige Hasenbabys.

Links und rechts vom runden Häschengehege, in dem nur ein Häschen zu sehen ist, verteilt sie gleichmäßig die von Susanne übernommenen Kreuze:
Jeweils drei schwarze auf die weibliche (Babyhasen von Mimi) und drei braune auf die männliche Seite (Babyhasen von Paul).
Darüber schreibt sie in geschnörkelter Schrift:
Das ist ein Bild von den Babyhasen!

Abschiedsbild Nicole mit Ausschnitt

Nicoles Bildzentrum, das runde Gehege, erinnert an eine Brust. In der Brustwarze sind die sechs Babys untergebracht.( Mimi hätte nicht genug Milch, um alle zu ernähren!). Mir kommt mein Übertragungsbild von Nicole - mit der Brustlandschaft- wieder in den Sinn.

Der andere Abschied - plötzlich und unerwartet

In frühkindlichen Zeichnungen symbolisiert ein konzentrischer Kreis oft eine erste Abgrenzung. Er hat ein Innen und Außen. Das Kind unterscheidet das Ich- vom Nicht-Ich. Das Selbst entwickelt sich mit dieser Grenze, die das eigene vom anderen trennt.

Im Kreis ist nur die Häschenmutter Mimi zu sehen mit ihren sechs Babys in einem noch kleineren Kreis (Dyade zwischen Tochter und Mutter).
Der Kreis trennt die Kreuze in weibliche und männliche zu gleichen Teilen. Nicole besteht darauf, dass "von den sechs Babys drei Mimi und drei Paul gehören". Vielleicht ein Hinweis auf ihre väterlichen Objektanteile!

Während die anderen beiden (Susanne und Nicole) bereits malen, sitzt Leonie noch eine Weile bewegungslos in ihrem Widerstand da. Vermutlich handelt es sich um einen Schutz bzw. die Angst ihr eigenes kindliches Abschiedstrauma erneut zu erleben, bedingt durch die mehrmaligen Trennungen von der Mutter. (Retraumatisierung) Der Zugang zu der tief sitzenden Traurigkeit ist blockiert. Eine notwendige Schutzmassnahme für sie.

Doch plötzlich ist es, als würde sie erwachen. Wut ist ihr anzumerken, und sie beginnt sofort und sehr schnell zu malen. Als müsste das Schreckliche erst einmal nur mit den Jaxon-Kreiden aufs Papier gebannt werden, bevor sie es aussprechen kann...

Abschiedbild Leonie - Der Fisch

Als wir uns anschließend die Bilder anschauen, drängt es Leonie etwas zu ihrem Bild zu erzählen. Ihr wäre doch noch eine Geschichte eingefallen, die ihrer Mutter passiert sei, als sie genauso alt wie Leonie war ( projektive Identifizierung!?).

Der Vater ihrer Mutter hätte vom Angeln einen lebendigen Fisch

Geschichte vom toten, bunten Fisch

mitgebracht, der in die Badewanne gelegt wurde. Immer, wenn Leonies Mutter von der Schule nach Hause kam, sprach sie mit dem Fisch und erzählte ihm alle wichtigen Sachen.

Aber eines Tages kam sie aus der Schule und es roch ganz eklig in der Wohnung. Der Vater hatte ihren Fisch gebraten! Der lebendige Fisch (Beziehung zum Selbstobjekt?) wird vom Vater getötet.

Identifizierungs-objekte

Beim Vater ihrer Mutter scheint es sich um ihren eigenen Vater zu handeln, auf den Leonie ihre Verletzung als Wut abgespalten projiziert hat. Bei Nicole sind es die Häschenbabys, bei Leonie ist es der Fisch, die zu Identifizierungsobjekten geworden sind. Sie stehen für eine lebendige, emotionale Verbindung zu sich selbst.

Den Geschichten haftete etwas von der dichten Symbolkraft von Märchen bzw. Träumen an. Was echt und falsch, was real und phantasiert ist, ließ sich nicht unterscheiden und war in diesem Fall, so schien mir, auch nicht entscheidend.
Wichtig war, dass beide mittels ihrer Abschiedsgeschichten und Bilder eigene zutiefst verletzende Trennungserfahrungen quasi ‚offen verpackt', mit in die Gruppe gebracht haben. Das war ein großer Schritt.
Ich hatte den Kampf in Leonie gespürt, wie sie sich durch ihren Widerstand hindurch, durch das Bild und ihre Geschichte ihrem Gefühl öffnen konnte.
Vermutlich ausgelöst durch den bevorstehenden Abschied von der Gruppe, wurden frühe Traumatisierungen von Trennung/ Abschied von beiden reinszeniert.
Leonie war von der Trennung ihrer Eltern traumatisiert und den sich ständig wiederholenden Trennungen von der Mutter(=kumulative Traumatisierung) bis hin zu der existentiellen Bedrohung, die Mutter( = Tod) ganz und für immer zu verlieren.(s. o. Erzählung)

Bei Nicole war ebenfalls der willkürliche Akt der Trennung seitens der Mutter, wenn diese sich auf eine andere Person bezog ( Stiefvater, Freundin etc.) schmerzvoll. Mit dem Auftritt der dritten Person, wurde Nicole jedes Mal von ihrer Mutter abgeschnitten, getrennt.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf eine detaillierte Bilddeutung eingehen, sondern im Rahmen einer erweiterten Psychodynamik darstellen wie durch die kaleidoskopische Abschiedsthematik bestimmte Symptome wieder aufflammten.

Bezeichnenderweise wurden bei Nicole, ausgelöst durch die Abschiedsthematik, offensichtlich so unerträglich widerstrebende Gefühle freigesetzt, dass ihre bereits bekannten Symptome

Nicoles Symptome brechen durch

( Essstörung/ Diebstähle) bei diesem Gruppentreffen massiv durchbrachen. In der Pause verschlang sie, fast allein und auffällig gierig zwei, Tafeln Schokolade, die sie eigentlich für alle mitgebracht hatte.

Doch reichte dies nicht aus, denn unmittelbar anschließend musste sie noch das Portemonnaie von Susanne klauen, ließ sich dabei jedoch entdecken.
Die Heimlichkeit war verschwunden. Für mich tauchte die Frage auf, ob es sich bei ihrer Essstörung und

Essstörung und
Diebstahl als
Kompromissbildung

den Diebstählen um intrapsychische Kompromisse handelte. Mit der oralen Einverleibung der Schokolade schien Nicole einen inneren Spannungszustand/Konflikt, der durch die potenzierten Abschiede/Trennungen initiiert worden war, vorübergehend zu lösen bzw. zu verschieben.

Bei ihr schien sich der Konflikt zwischen den Instanzen abzuspielen : Einerseits der libidinöse Triebwunsch, mehr haben zu wollen, aus dem Gefühl des Mangels, nicht genug bekommen zu haben; andererseits das starke ÜBER-ICH ("Ich darf nicht"), was im Akt des Stehlens zu einer kompromissbildenen Handlung wird - mit dem wichtigen Effekt, gerade durch den Kompromiss, eine Bestrafung i. S. einer Ausgrenzung bewirkt zu haben.
Das ICH bei Nicole schien immer noch nicht stark genug, um einen anderen Kompromiss herbeiführen zu können.

Beim allerletzten Gruppentreffen klaute Nicole noch einmal - diesmal Marlenes Portemonnaie. So war jede in der Gruppe von ihr beklaut worden. Zwar hatte sich am Akt des Stehlens de facto nichts geändert, nichtsdestotrotz wies aber der Prozess des Stehlens selbst minimale, bedeutsame Veränderungen in Nicoles Verhalten auf:

Hatte sie im ersten Fall das Stehlen vollständig geleugnet, so gab es im jetzigen zweiten Fall mit Susannes Portemonnaie schweigsames Eingeständnis.
Im letzten und dritten Fall ließ sie sich auf frischer Tat ertappen und entschuldigte sich - ihre Traurigkeit war spürbar. So kam das anfangs eher verleugnete, unbewusste Agieren des Stehlens allmählich zum Bewusstsein.
Wesentlich für dieses allmähliche Bewusstwerden war ganz sicher die Tatsache, dass Nicole immer wieder in der Gruppe die Erfahrung gemacht hatte, dass sie trotz ihres sich selbst ausgrenzenden Verhaltens in dieser Gruppe, gerade von der Gruppe akzeptiert und integriert wurde. ( = Containing der Gruppe)

Andererseits schien sie dies gute Gefühl " integriert-zu-sein" nicht über einen längeren Zeitraum (aus-) halten zu können bzw. nur vorübergehend in der Zweiheit, eben dem bekannten Dyade - Muster Meist attackierte bzw. provozierte oder beklaute sie die andere, wodurch sie Bestrafung erwartete, was Trennung bzw. Ausgrenzung bedeutete!

Gegenübertragung zum "Abschied" - a posteriori erkannt

Ein mir sehr wichtiger Aspekt, der mit meiner Gegenübertragung zum Abschied zu tun hat, war mir in jener Situation damals nicht bewusst. Er kristallisierte sich erst nach Abschluss des Projekts heraus. In den so unerwartet aufgetauchten Abschiedsgeschichten in den Bildern der Mädchen, ging es um den Schmerz des Abschieds: Trauer, Wut und Angst.
Gefühle, die ich in meinem gut formatierten Abschiedskonzept "Maskenausstellung" für die Gruppe und mich vollständig vermieden bzw. eben geradezu mit dieser Ausstellung maskiert hatte. Parallel zu dem ganzen Gruppenprojekt hatten sich starke Ablöse- und Abgrenzungstendenzen bei meiner gleichaltrigen Tochter mir gegenüber entwickelt. Bei mir entfachten sie Trauer, manchmal auch Angst. Die Mädchengruppe hingegen, hatte mich in meiner mütterlichen Funktion stabilisiert und war sicher auch eine Art sublimer Libidoersatz für meine sich trennende Tochter gewesen. So hatte der Abschied von der Gruppe - auch in mir - Gefühlsvermeidungsstrategien hervorgerufen. Um den Schmerz nicht fühlen zu müssen, hatte ich eine stark nach außen gerichtete Aktivität entwickelt, nämlich die Idee einer Ausstellung. Damit versuchte ich das Gefühl ‚verlassen-worden-und-allein-zu-sein' zu vermeiden.
Damit nicht genug, hatte ich zudem noch parallel zu dieser Gruppe ein neues Projekt begonnen, was sozusagen die Gefühlsvermeidung i.S. einer Verschiebung optimierte.

Ich war und bin den Mädchen im Nachhinein sehr dankbar dafür, dass sie mir einen Weg geebnet haben, dies zu erkennen und den eigenen Schmerz und die Trauer angesichts von Abschieden zulassen zu können. Für mich war dies eine essentielle Erfahrung, die nicht nur meine kunsttherapeutische Haltung stark beeinflusst hat.

In die Welt hinaus

Es wurden noch etliche Maskenbilder für die gemeinsame Ausstellung hergestellt. Fast zwei Wochen lang hingen die Maskenbilder der Mädchen in einem öffentlichen Raum, für alle sichtbar in einem Schaufenster:

Schaufenster 1 Schaufenster

Zur Ausstellungseröffnung gab es ein intensives gemeinsames Happening, bei dem die Mädchen mit anderen Passanten zusammen Kartons bemalten.

würfel

Auch ihre Mütter hatten die Mädchen eingeladen und, bis auf Leonies Mutter, waren alle gekommen.
Während Nicole ihrer Mutter stolz die Ausstellungsbilder zeigte, spürte ich die zunehmende Enttäuschung von Leonie. Als alle schon gegangen waren, blieb sie noch bei mir, half bei den letzten Ab - und Aufräumarbeiten. Zwischen uns war ein stilles Miteinanderschwingen. Ich sprach mit ihr über diese Enttäuschung, und dass sie bestimmt noch Zeit finden werde, um ihrer Mutter die Bilder zu zeigen.
Dass ihre Mutter - trotz innigen Hoffens - nicht erschienen war, sie also mal wieder nicht gesehen wurde, konnte ich in der Übertragung spüren und versuchte diese Verletzung mit "mütterlicher Zärtlichkeit" umzuwandeln, indem ich mit Leonie noch einmal sehr intensiv alle ausgestellten Maskenbilder, besonders ihre eigenen, anschaute.

Danach fuhr ich sie nach Hause. Diese Ausstellung mit dem aktiven Happening war sehr laut gewesen und wurde durch das Finale mit Leonie immer stiller. Erst in dieser Stille und auch durch die abwesende Mutter von Leonie, spürte ich die Traurigkeit und das Bedürfnis, den Mädchen zum Abschied noch eine symbolische Containermama zu schenken - eine kleine geheime Schatzbox, eine Miniatur des Atelierorts sozusagen.

Beim letzten Zusammensein bemalte jede mit wertvollen Tubenfarben als Zeichen der Wertschätzung ihren kleinen Karton.
Im Gegensatz zur lauten Ausstellungseröffnung war das Bemalen der kleinen Schachtel ein stilles meditatives Ritual.
Sie sollte all das aufnehmen und bewahren, wofür die Mädchen sonst keinen sicheren Ort finden: Ängste, Wutanfälle, Geheimnisse etc. Ich hatte einen kleinen, dickbäuchigen Buddha mitgebracht und erzählte ihnen, dass der Buddha in seinem Bauch alle Sorgen, Nöte und Probleme bewahre und sie dort in seinem Bauch zu Erkenntnis umwandeln könne.

kleine bunte Kisten

Monate später nahmen die Mädchen mit mir noch mal Kontakt auf und wollten ein Wiedersehentreffen. Es fand wieder malend im Atelier statt. Diesmal wurden viele Herzen gemalt!
Dieses Wiedersehen kam mir wie eine Vergewisserung des Orts vor. Leonie hatte sich äußerlich stark verändert: Ihre Kleidung war weiblicher geworden und ihr Verhalten emotionaler. Sie erzählte begeistert von ihrem Zimmer.
Nicole hatte einen Brief und Bild ihres ‚echten' Vaters mitgebracht und ließ die anderen teilnehmen an diesem allerersten Kontakt zu ihrem Vater. Sie erzählte aufgeregt von dem ersten Telefonat. Ihre Mutter hatte bislang den Kontakt zum Vater gemieden, hatte aber jetzt, durch Nicoles Drängen, ihr Verhalten geändert.


Du glaubst zu schieben, doch du wirst geschoben Mephisto/Goethe ‚Faust'

Goethes Mephisto

Danach

Es gab während des hier beschriebenen Projekts einen Zeitpunkt, da wünschte ich dieses komplexe, experimentelle Gruppenprojekt einzutauschen gegen einen kleinen übersichtlichen therapeutischen Fall, mit einer standardisierten zweipoligen Therapeuten-Klienten-Beziehung.
Doch jetzt danach, bin ich dem Projektgeschehen und der Gruppe sehr dankbar, denn eines kann ich mit Gewissheit sagen: sie haben entscheidend zu meiner Selbstwerdung als Kunsttherapeutin beigetragen.
Ob ich hingegen etwas bei den Mädchen bewirkt habe, darüber kann ich nichts sagen. Ich erinnere noch gut den Anfang; ließ ich mich doch in der ersten Phase von dem trügerischen Selbstbild leiten, ich als Kunsttherapeutin könne etwas bewirken; ich sei es, die effektiv und zielgerichtet etwas bestimmen könne, die potente Mittel und Wege in der Hand hätte, um kausal Heilungen zu bewirken.
Doch zusehends wurde dieses narzisstische Selbstbild demontiert. Es änderte sich; zwar nur langsam tastend und immer begleitet von der Angst im Ungefähren, Unsicheren stecken zu bleiben, immer Rückfällen ausgesetzt - doch es änderte sich. (2. Phase). Durch die Komplexität im Gruppenprozess erlebte ich hautnah, was es heißt als Therapeutin keineswegs einseitig den Prozess kontrollieren zu können, sondern immer beides zu sein, beobachtendes und selbst mitspielendes Elementarteilchen.
Und ich "meine therapeutischen Pirouetten ohne Sicherheitsnetz ausübe, und dass alles, was ich tue, ebenso hilfreich wie schädlich oder überflüssig sein kann." (K. Ludewig s. 227).

Damit habe ich das Therapeutendilemma erfahren, nämlich wissen zu sollen und wollen, ohne wissen zu können. Mir scheint jedenfalls, dass man als TherapeutIn ständig in diesem Paradox unterwegs ist: Handle wirksam, ohne je im Voraus zu wissen, wie und ohne zu wissen, was dein Handeln auslösen wird!

Vielleicht hängt mit diesem schwer aushaltbaren Paradox im therapeutischen Prozess die Gefahr zusammen, allzu schnell Sinn und Deutung festzuschreiben, weil man sich Sicherheiten auf unsicheren, glitschigem Terrain verschaffen will. Bion beschreibt dies schnelle Deuten, dieses "Vorwegwissen als Abwehr des Therapeuten gegen das Erleben des Neuen".

Dieser Verführung nach sicherer Erkenntnis bin auch ich immer wieder erlegen; folgt man ihr, ist es der Rausschmiß aus dem Paradies!

Aber wenn man das menschliche Leben als einen Komplex dynamischer Prozesse betrachtet, dann kommt es in der Tat nur auf das Neue an, was permanent entsteht, aber nur mit einer offenen Wahrnehmung gesehen werden kann.

Und noch kleine Botschaft aus der Welt des Hefezopfs:

Der Projektteig ist aufgegangen und hat mir gezeigt, dass kunsttherapeutisches Arbeiten weitaus mehr umfasst als nur mit und innerhalb der Bilder zu arbeiten - das liegt in der Natur des gemalten Bildes. Ein gemaltes Bild oder hergestelltes Objekt ist immer beides, Produkt und Prozeß, und damit dynamisch verwoben mit der äußeren und inneren Erlebnissituation des Malenden oder Machenden.
Und in diesem komplex vernetzten Erlebnisraum bewege ich mich als Kunsttherapeutin mit meinen Klienten.
Das einzige Vehikel, was in dieser Komplexität eine Chance hat, ist eine spürende, schwingende, fast meditative Aufmerksamkeit für das Ganze - ebenso wie für die Details und Ränder z.B. wie schneidet sie das Marzipanbrot oder wie bewegt sie den Arm beim Malen oder wie knetet er den Ton ... und letztlich allem, was passiert, genug Zeitraum zu geben.

Es ist eben so "einfach" wie beim Hefeteig!


Literatur

  • Thomas Auchter, Laura Viviana Strauss‚ Kleines Wörterbuch der Psychonanalyse, Göttingen 2003
  • Siegfried Bettighofer, Übertragung und Gegenübertragung im therapeutischen Prozess, Stuttgart 2004
  • Wilfried R. Bion, Lernen durch Erfahrung', Frankfurt a. M. 1992
  • Wilfried R.Bion, Aufmerksamkeit und Deutung, Tübingen 2006
  • Gerlach Bommersheim, Rotkäppchen im Schwarzweißfilm,1998
  • Karin Dannecker, Psyche und Ästhetik, Berlin 2006
  • Martin Dornes, Die frühe Kindheit, Frankfurt 2002
  • Helmut Fend, Entwicklungspsychologie des Jugendalters, Wiesbaden 2005
  • Carl G. Jung, Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, München 2005
  • Carl G. Jung, Archetypen, München 2006
  • Margaret Mahler, Fred Pine, Anni Bergman Die psychische Geburt des Menschen, 2003
  • Stavros Mentzos, Neurotische Konfliktverarbeitung, Frankfurt a. M. 2003
  • J.Laplanche, J.Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt 1973
  • Mathias Lohmer, Borderline-Therapie, Psychodynamik, Behandlungstechnik und therapeutische Settings, Stuttgart 2005
  • Kurt Ludewig, Leitmotive systemischer Therapie, Stuttgart 2002
  • Rahn, Ewald, Umgang mit Borderline-Patienten, Basiswissen Bonn 2005
  • Gisela Schmeer, Das Ich im Bild, München 1995
  • Maja Storch, Astrid Riedener, Ich packs! -Selbstmanagement für Jugendliche, Trainingsmanual nach Züricher Ressourcenmodell, Bern 2005
  • D.W. Winnicott, Reifungsprozesse und fördernde Umwelt, Gießen 2002
  • D.W. Winnicott, Vom Spiel zur Kreativität, Stuttgart 2006
  • Identitäten 2001/2002, Kunst & Therapie, Zeitschrift für bildnerische Therapien

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